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01.04.2018 | Mobilisation | Onlineartikel

Mobilisation in der Pflege

Autor:
Franz Eggert

Aus dem Bett aufstehen, sich bewegen, laufen: Für gesunde Menschen ist das so selbstverständlich, dass sie nicht darüber nachdenken. Alte und kranke Menschen sind dagegen oft in ihrer Mobilität eingeschränkt. Was Pflegerinnen und Pflegerinnen tun können, um immobile Patienten zu unterstützen, steht in diesem Text.

Mobilisation: Definition

Unter Mobilität wird in der Pflege die Fähigkeit verstanden, sich über kurze Strecken selbstständig (ggf. auch unter Benutzung von Hilfsmitteln) fortzubewegen oder einen Lagewechsel des Körpers durchzuführen.

Fehlende Mobilität, oder auch Immobilität heißt, dass ein Mensch Schwierigkeiten hat, sich selbstständig fortzubewegen oder einen Lagewechsel im Bett durchzuführen. Vollständige Immobilität bezeichnet man auch als Bettlägerigkeit. Die Beeinträchtigungen können Folge von Erkrankungen und Behinderungen sein, aber auch aus dem natürlichen Alterungsprozess resultieren.

Der Begriff Mobilisation dagegen meint aktivierende Maßnahmen. Abhängig vom Zustand eines Patienten kann eine effektive Mobilisation nach Anleitung selbständig erfolgen oder nur mit Unterstützung einer Fachkraft. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Fähigkeit zur Eigenbewegung zu erhalten und zu fördern. In der Pflege findet Mobilisation meist als Bewegung des Patienten im oder aus dem Bett statt.

Ziele von Mobilisation

Neben dem Erhalt und der Förderung der Selbstständigkeit wird so im Idealfall auch das Selbstwertgefühl des Patienten gestärkt. Außerdem sollen Sekundärerkrankungen wie Pneumonien (Lungenentzündungen), Dekubitus (Druckgeschwür) oder Gelenkkontrakturen vermieden werden.

Unterschiedliche Erkrankungen bedürfen spezieller Formen der Mobilisation. Beispielsweise gilt für Patienten nach einer Herz-Operation 24 Stunden nach dem Eingriff Minimalhandling – das bedeutet, Pflegende und Ärzte reduzieren ihre Tätigkeit auf das Nötigste. Dagegen können Patienten mit einer neuen Hüftprothese diese theoretisch sofort belasten.

Mobilisieren © Mathias Ernert, Chirurgische Klinik,Universtitätsklinikum Heidelberg

Expertenstandard Mobilität: Studienlage ist nicht eindeutig

Zwar haben Studien gezeigt, dass Bewegungs- und Fitnessübungen einzelne Aspekte der Mobilität fördern können. Dies betrifft zum Beispiel die Gehfähigkeit älterer Menschen. Wie nachhaltig und wie ausgeprägt solche Effekte sind, ist dagegen weniger eindeutig, heißt es im Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität“.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die in Studien zur Mobilisation untersuchten Personengruppen entsprachen meist nicht der „typischen“ Klientel der Pflege. Deshalb wird die Studienlage von Experten für pflegebedürftige Menschen als wenig aussagekräftig bewertet.

Bettlägerigkeit und Kontrakturen: Risiken bei fehlender Mobilität

Eingeschränkte oder fehlende Mobilität erhöht das Risiko für diverse Sekundärerkrankungen. Neben einer Abnahme der Muskelkraft- und Masse werden Knochen zunehmend poröser und instabiler. Des Weiteren kommt es zu Veränderungen im zentralen Nervensystem und im Folgenden zur Abnahme der Motorik und des Reaktionsvermögens. 

Einige typische Folgeerkrankungen bettlägeriger Menschen sind Kontrakturen, Pneumonien und Dekubitus. Als Kontrakturen bezeichnen Fachleute Verkürzungen der Muskeln und Bänder sowie Veränderungen der Gelenkkapseln. Dies führt zu einer reversiblen bis irreversiblen Versteifung der Gelenke und damit zu Funktions- und Bewegungseinschränkung.

Vorbeugen: Kontrakturenprophylaxe in den Alltag integrieren

Wie können Pflegende dem Entstehen von Kontrakturen vorbeugen? Entsprechende Übungen werden als Kontrakturenprophylaxe oder Kontrakturprophylaxe bezeichnet. Sie lassen sich gut in pflegerische Tätigkeiten wie die Körperpflege oder Positionierungsmaßnahmen integrieren. So ist das passive Bewegen von Armen und Beinen ebenso wie die Unterstützung des Patienten beim selbstständigen Zähneputzen oder Haare kämmen eine gute Möglichkeit, die Beweglichkeit der Gelenke zu beurteilen und zu fördern.

Allerdings bemängeln Fachleute, dass viele Empfehlungen zur Kontrakturprophylaxe nicht auf Studien beruhen, sondern eher das Ergebnis von anekdotischem Wissen sind.

Bei bereits bestehenden Kontrakturen ist die Hinzuziehung eines Physiotherapeuten angebracht. Neben den physischen Folgen der Immobilität führt sie auch zu einer Einschränkung der Teilhabe am alltäglichen Leben – und letzten Endes zu sozialem Rückzug.

Mobilisationsübungen: Wie lässt sich Mobilität erhöhen?

Patienten, die dauerhaft auf Pflege angewiesen sind, haben ein erhöhtes Risiko für Mobilitätseinbußen. Sie sollten dementsprechend mit Bewegungsübungen gefördert werden. Abhängig vom Grad der Mobilität oder Immobilität eines Menschen kann das beispielsweise eine regelmäßige Positionsveränderung im Bett oder die unterstützte Mobilisation aus dem Bett in den Stand sein.

Allgemeine Bewegungsübungen können jedoch nicht formuliert werden. Die Interventionen sollten sich an den individuellen Ressourcen des Patienten orientieren. Die entsprechende Einschätzung setzt allerdings Fachwissen voraus. Neben den Inhalten der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenplfeger kann dies mit dem Erlernen verschiedener Bewegungskonzepte wie zum Beispiel dem der Kinästhetik vertieft werden. Teilnehmer einer Schulung lernen eigene Ressourcen für Mobilisation kennen und knüpfen an kindliche Bewegungsabläufe an. Vor einer Mobilisation werden der Ablauf der Maßnahme geplant und Ziele festgelegt.

Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept ist wie die Kinästhetik ein Bewegungskonzept. Es ist jedoch speziell für Patienten mit neurologischen Erkrankungen, zum Beispiel einer Hemiplegie (Halbseitenlähmung), entwickelt worden. Während alltäglicher Tätigkeiten soll die betroffene Körperhälfte bewusst in die Bewegungsabläufe einbezogen werden, um sie so vermehrt in das Körperschema des Patienten zu integrieren. Eine Kompensation durch die gesunde Körperhälfte soll dem Bobath-Konzept zufolge vermieden werden. Stattdessen lernen Patienten verloren gegangene Fähigkeiten wieder. Dem liegt die Idee der neuronalen Plastizität zugrunde, also der Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Bedingungen anzupassen und lebenslang Neues zu lernen. Stellt sich der gewünschte Erfolg nicht ein, so kann trotzdem das Entstehen von Kontrakturen, Spastiken und ein Verlust weiterer Fähigkeiten der betroffenen Seite verhindert werden. 

Literatur

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

01.05.2013 | PflegeKolleg | Ausgabe 5/2013

Mobilisieren und stimulieren

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