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01.03.2020 | Pflege Alltag | Ausgabe 3/2020 Zur Zeit gratis

Heilberufe 3/2020

Magische Momente in der Altenpflege

Zeitschrift:
Heilberufe > Ausgabe 3/2020
Autor:
Sonja Schiff
Sinnstiftung im Pflegeberuf In der Altenpflege herrscht Endzeitstimmung, das Image des Berufes ist so schlecht wie noch nie. Doch aus Stillstand kann Bewegung entstehen.
Der steigende Pflegebedarf einer älter werdenden Gesellschaft steht einem eklatanten Mangel an Pflegepersonen gegenüber. Unzureichende Rahmenbedingungen und eine Bezahlung, die der gesellschaftlichen Wichtigkeit dieser Arbeit nicht gerecht wird, lassen ausgebildete Pflegepersonen in Scharen aus dem Beruf fliehen. Die im Beruf verbleibenden Pflegekräfte erleben, aufgrund permanenter Personalnot, massive persönliche Überlastungen und werden genötigt, eine Altenpflege mit Fließbandcharakter zu leisten. Ein Circulus vitiosus ohne Aussicht auf Veränderung und ein unhaltbarer Zustand - für Pflegende wie für Bewohner.

Die Krise als Chance

Wie wäre es damit, einmal den Blick auf jene Menschen zu richten, die in der Altenpflege bleiben, trotz der mangelhaften Rahmenbedingungen, und sie zu fragen, was sie in diesem Beruf hält? Was treibt Pflegepersonen an? Was motiviert sie? Vor einigen Jahren habe ich begonnen, an Pflegepersonen diese Frage nach der Motivation zu richten. Und siehe da, obwohl Altenpflege viel Arbeit "am Körper" beinhaltet, hat mir keine einzige Pflegekollegin erzählt, es wäre das abgeheilte Ulcus oder die gelungene Versorgung einer PEG-Sonde, was sie im Beruf hält. Ausnahmslos alle Kollegen erzählten von berührenden Begegnungen mit alten Menschen. Von "magic moments", wie ich sie nenne.
Wie wirken also diese magischen Momente auf Altenpflegepersonen? Welchen Wert haben sie? In strukturierten Interviews mit zehn Professionisten der Altenpflege zu ihren magischen Momenten ging ich diesen Fragen nach. Die geschilderten Erlebnisse gehen unter die Haut und berühren. Sie machen deutlich, dass magische Momente in der Altenpflege keine unwichtige Nebenerscheinung sind, sondern ein wesentliches Element für die innere Arbeitszufriedenheit der Pflegenden. Die magischen Momente sind das Ergebnis professioneller Pflege und ein Hinweis auf gelungene Beziehungsarbeit. Sie sind positive Rückmeldung und lösen in Pflegepersonen das Gefühl von Sinnstiftung aus. Deshalb erleben Pflegende die magischen Momente auch als nährend. Sie geben ihnen Kraft für schwierige Zeiten oder Erlebnisse. Hier stellvertretend zwei Antworten auf die Frage nach der persönlichen Bedeutung der magischen Momente in ihrer Altenpflegepraxis:
Andrea S., Heimleiterin: "Das sind genau diese Momente, von denen ich lebe in meinem Job."
Karin L., Pflegeassistentin in einem Seniorenwohnhaus: "Mich halten diese magischen Momente ganz klar in meinem Beruf."

Altenpflege braucht Emotionen

Die Frage, wie die bestehende Personalnot in der Altenpflege bewältigt werden kann, beschäftigt derzeit Politik wie auch Heimbetreiber. Da werden PR-Kampagnen aus dem Boden gestampft, um mehr Menschen in Pflegeausbildungen zu bringen, und es werden strukturelle Strategien geschmiedet, damit mehr ausgebildete Pflegende im Beruf gehalten werden können. Neue Arbeitszeitmodelle, eine 30 Stunden-Woche, faire Bezahlung und höhere Personalschlüssel sind oft genannte und auch notwendige Schritte in diese Richtung.
Die Frage ist, wird das genug sein? Reicht es aus, mehr Menschen auszubilden? Werden mehr Pflegepersonen in der Altenpflege bleiben, wenn vor allem strukturelle Verbesserungen stattfinden?
Oder braucht es nicht doch, zusammen mit den strukturellen Optimierungen, auch eine emotionale Qualitätsentwicklung, eine neue Qualität in der Altenpflege. Eine Altenpflege, in der Raum entsteht für Sinnstiftung und in der mehr magische Momente möglich werden.
Viele Seniorenpflegeeinrichtungen, aber auch viele Altenpflegepersonen, haben immer noch vor allem körperliche Pflege im Fokus ihrer Arbeit. Mit alten Menschen zu reden, ihnen authentisch und offen zu begegnen, mit ihnen in eine warme Beziehung zu treten, ihnen interessiert zuzuhören, sie im Gespräch zu trösten, mit ihnen zu lachen, wird von vielen Kollegen auch heute noch als "Geschwätz" abgetan. Deshalb finden Gespräche und psychosoziale Betreuung meistens eher zufällig statt, nebenbei, zwischen Tür und Angel, zwischen Körperpflege und Mobilisation, zwischen Wundverband und Inkontinenzversorgung.

Nicht immer wäre mehr Zeit notwendig

Nicht immer würde psychosoziale Begleitung mehr Zeit benötigen, dafür aber Gesprächskompetenz. Erste Untersuchungen zeigen etwa, dass der bewusste Einsatz des klientenzentrierten Gesprächs sogar zu Zeiteinsparungen führen kann, einfach weil die betroffenen Menschen sich wahrgenommen fühlen und in Folge zufriedener sind.
Manchmal würde es schon reichen, die täglichen Fragestellungen zu verändern und den Mut zu haben, von automatisierten Fragen wie "Haben Sie heute schon Stuhl gehabt?" oder "Wie geht's Ihnen denn mit den Schmerzen?" abzuweichen und Fragen zu stellen, die sich an den Menschen selbst richten, an ihn als Person, an sein Innerstes. Eine andere Qualität bei gleicher Zeit würde auch entstehen, würden sich Pflegepersonen im Moment der Körperpflege auf den einen Menschen vor ihnen konzentrieren, sich voll und ganz ihm widmen, statt im Kopf schon bei Frau Maier oder Herrn Müller zu sein.
In dieser Art Pflegesetting mit zuwendender Haltung würden Pflegepersonen den alten Menschen intensiver begegnen. Magische Momente in der Pflegearbeit wären die Folge und damit auch das Erleben von mehr Sinnstiftung und mehr Zufriedenheit im Beruf.

Altenpflege ist Lebensbegleitung

Die Erzählungen der interviewten professionell Pflegenden rund um erlebte magische Momente zeigen außerdem: Altenpflege wäre im Kern so viel mehr als Körperpflege. Altenpflege ist Lebensbegleitung in den letzten Jahren / Monaten/ Wochen / Tagen. Engagierte Altenpflege heißt Menschen dabei zu unterstützen, ihre Identität in einer schmerzhaften Zeit aufrechtzuerhalten (etwa rund um den Einzug ins Pflegeheim), sie hilft Ziele zu finden, steht alten Menschen zur Seite bei der Verarbeitung von Lebensgeschichte, beim persönlichen Lebensresümee ziehen, beim innerlichen Abschließen des Lebens und sie begleitet beim Sterben. Altenpflege ist in ganz besonderem Ausmaß Emotions- und Beziehungsarbeit. Magische Momente entstehen durch Begegnung mit den Menschen, sie sind emotional wichtige Schlüsselerlebnisse, für Bewohner wie für Pflegepersonen.
Keine Frage: Altenpflege braucht bessere Rahmenbedingungen und die Politik sollte hier dringend umdenken und ihren Beitrag leisten für eine Altenpflege, in der Pflegepersonen gerne tätig sind. Trotzdem möchte ich Sie ermuntern: Warten Sie nicht darauf, bis "jemand" oder "die Politik" mehr Zufriedenheit in Ihre Pflegearbeit bringt. Seien Sie selbst die Veränderung. Beginnen Sie damit, den alten Menschen wirklich zu begegnen. Wenn viele Pflegepersonen anfangen, die Beziehungsarbeit in der Pflege in den Mittelpunkt zu stellen, der "Seelenpflege" gleichen Wert einzuräumen wie der Körperpflege, und gleichzeitig lernen, diese psychosoziale Arbeit fachlich zu argumentieren und zu dokumentieren, dann verändert sich Altenpflege insgesamt. Für die alten Menschen. Aber auch für Pflegepersonen.

Buchtipp

Sonja Schiff
Magische Momente in der Altenpflege
Wie Empathie und Begegnung in der Pflege gelingen
Springer Verlag 2020 ISBN 978-3-662-59862-7; 29,99 € (eBook 22,99 €)

Nutzen Sie Ihre Chance: Dieser Inhalt ist zurzeit gratis verfügbar.

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