Skip to main content
main-content

21.07.2022 | Klima | Nachrichten

Hitzewellen: Wie in Frankreich ältere Menschen geschützt werden

verfasst von: Denis Durand de Bousingen

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Der Rekordsommer 2003 forderte in Frankreich 15.000 hitzebedingte Todesfälle – vor allem ältere Menschen. Seit 2004 gelten landesweit Hitzepläne, die nun wohl Wirkung zeigen. Was die Behörden vor Ort im Bedarfsfall tun.

Jardins du Trocadero Paris © Michel Euler/AP/dpaJardins du Trocadero in der Nähe des Eiffelturms: Abkühlung ist dringend geboten. In Frankreich mussten sich Menschen in einzelnen Regionen auf Temperaturen von bis zu 42 Grad einstellen.

Im schwarzen Polohemd führt der damalige französische Gesundheitsminister und Kinderarzt Professor Jean-François Mattéi im Garten seines provenzalischen Hauses ein Live-Interview mit einem Fernsehjournalisten. Er zweifelt dessen Darstellung an, wonach die seit mehreren Tagen brütende Hitze schon Hunderte oder sogar Tausende von Todesfällen verursacht habe – so warnten damals bereits Notärzte.

Am Ende des Sommers war klar: Die große Hitzewelle im Jahr 2003 hatte landesweit rund 15.000 hitzebedingte Todesfälle nach sich gezogen. Noch heute zählt dieses Interview von Mattéi, das seine politische Karriere ruinieren sollte, zu den schlimmsten Kommunikationspannen eines Regierungsmitglieds in Frankreich.

Knapp ein Jahr nach der Katastrophe, die vor allem ältere und kranke Menschen betroffen hatte, wurden die ersten Hitzepläne eingeführt. Diese können jedes Jahr zwischen dem 1. Juni und dem 15. September in den 95 französischen Départements (Bezirke) in vier Stufen nach Bedarf ausgerufen werden. In Deutschland gibt es bisher kein derartiges flächendeckendes Hitzewarnsystem.

Gefährdete Senioren werden angerufen

In den Stufen Grün und Gelb erhält die Bevölkerung Informationen und Warnungen, sich vor Hitze zu schützen. Ab der Stufe Orange wird die öffentliche Hand dann aktiv. So müssen beispielsweise Bewohner von Altersheimen einige Stunden am Tag in kühleren oder klimatisierten Räumen untergebracht werden – solche Aufenthaltsräume mussten ab 2004 in allen Altersheimen und Kliniken obligatorisch eingerichtet werden.

Gleichzeitig sind Sozialdienste aber der Stufe Orange verpflichtet, ältere Personen anzurufen oder zu besuchen, um sicher zu stellen, dass sie sich zu Hause ausreichend vor der Hitze schützen. Parallel dazu laufen Informationskampagnen in allen Medien an – digital oder auch durch Plakate und Flugblätter.

Die Bevölkerung wird gebeten, auf alleinlebende alte Menschen oder gesundheitlich angeschlagene Nachbarn acht zu geben. Im Bedarfsfall können Sozialarbeiter über eine kostenlose „Hitze-Rufnummer “ kontaktiert werden. Die Stufe Orange wird von den Behörden dann aktiviert, wenn mehr als 34 Grad Celsius erreicht werden und wenn in mehr als drei Nächten die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt.

Tragödie von 2003 hat sich seitdem nicht wiederholt

Stufe Rot wird dann ausgerufen, wenn außergewöhnlich lange und extreme Hitzewellen herrschen. Neben verstärkten Präventionsmaßnahmen können die Behörden auch Schritte veranlassen, die die Industrie, die Mobilität und die Landwirtschaft betreffen. Wie bei Katastrophenfällen müssen bei Stufe Rot alle Notdienste sowie ambulante und stationäre Gesundheitseinrichtungen auf eine ungewöhnlich hohe Zahl von Patienten vorbereitet sein.

Diese Hitzepläne scheinen seit ihrer Einführung gewirkt zu haben: Hitzebedingte Sterbefälle werden auch in diesen Tagen in Frankreich verzeichnet, aber eine Tragödie wie im Jahr 2003 hat sich seitdem nie wiederholt. Jedoch halten viele Ärzte die bestehenden Hitzepläne für unzureichend, um künftig extremere und häufigere Hitzewellen managen zu können.

Mitte Juli dieses Jahres wurde in 15 südlichen Départements in Frankreich die Stufe Rot ausgerufen. In 73 weiteren Regionen galt seitdem die Stufe Orange – darunter auch Regierungsbezirke, die damit bisher keine Erfahrung hatten, so etwa in der Bretagne und der Normandie. Am 19. Juli wurde in ganz Frankreich die Stufe Rot wieder aufgehoben. Allerdings gilt in 53 Départements noch die zweithöchste Alarmstufe.

Quelle: Ärzte Zeitung

print
DRUCKEN