Skip to main content
main-content

15.07.2022 | Klima | Nachrichten

Warnung vor Gesundheitsschäden

Fachleute: Hitzewelle trifft auf ein unvorbereitetes Land

verfasst von: Anno Fricke

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Das Gesundheitswesen und die Kommunen sind nicht ausreichend auf Hitzewellen vorbereitet, warnen Mediziner. Und die nächste Welle kommt wohl nächste Woche. Was Ärzte ihren Patienten raten können.

© Kay Nietfeld / dpa / picture allianceEin Passant erfrischt sich im Brunnen am Berliner Lustgarten bei hohen Temperaturen. 
© Kay Nietfeld / dpa / picture alliance

Deutschland ist nicht vorbereitet auf Hitzewellen. Experten haben am Donnerstag darauf verwiesen, dass es kaum Kommunen mit Hitzenotfallplänen gebe, und wenn ja, seien die Akteure des Gesundheitswesens nicht eingebunden.

In den Jahren 2018 bis 2020 haben Hitzewellen zusätzlich rund 20.000 Todesfälle verursacht, hat die Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) anlässlich einer Pressekonferenz am Donnerstag vorgerechnet. In heißen Sommern werde es auch künftig fünfstellige Opferzahlen geben: „Der Klimawandel ist die größte gesundheitliche Bedrohung in diesem Jahrhundert“, so das Fazit der Fachleute.

Voraussichtlich am Dienstag werde die extreme Hitze, die derzeit in Spanien, Portugal und Frankreich wütet, in Deutschland eintreffen und eine offizielle Hitzewarnung auslösen, kündigte Professor Andreas Matzerakis vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Freiburg an. Von Rekordtemperaturen betroffen sein werde vor allem der Südwesten bis hoch in die Kölner Bucht. Einen konsistenten Plan, wie man mit den Gesundheitsrisiken des Klimawandels umgehen sollte, hat das Land nach Einschätzung der KLUG-Experten nicht.

Klimasprechstunden als Teil allgemeiner Resilienzstrategie

Die Risiken von Hitze seien vom Gesundheitssektor lange nicht ernst genommen worden, sagte der Präsident der Ärztekammer Bayerns, Dr. Gerald Quitterer. Die bevorstehenden Hitzewellen seien mit die größten Herausforderungen für die Ärzteschaft überhaupt, so Quitterer. „Die Klimaveränderungen sind als medizinischer Notfall einzustufen“, forderte der Kammerpräsident. Hausärzten falle eine Schlüsselfunktion im Hitzeschutz zu, betonte Quitterer.

Sie und Medizinische Fachangestellte wüssten oft um die häusliche Situation ihrer Patienten und könnten zum Beispiel dazu raten, bettlägerige Patienten in kühlere Räume zu verlegen, und für Beschattung zu sorgen. Der Ärztekammer-Präsident sprach sich für Klimasprechstunden als Teil einer allgemeinen Resilienzstrategie aus.

Warnung auf alle Smartphones

Die Umweltmedizinerin Professorin Claudia Traidl-Hoffmann strich die Bedeutung der Wettervorhersage heraus. „Hitze ist eine Gefahr und kann tödlich sein“, sagte Ärztin. Sie berichtete von einem Bauarbeiter, der vor einigen Tagen mit einer Körpertemperatur von 43 Grad in die Universitätsklinik Augsburg eingeliefert worden sei, weil er in der Sonne weiterarbeitete anstatt den Schatten zu suchen. Dem Mann sei nicht mehr zu helfen gewesen. Es gebe „Kipppunkte“, sagte Traidl-Hoffmann, ab denen die Kunst der Ärzte nicht mehr greife.

Traidl-Hoffmann verwies auf ein weiteres Manko. Es sei unklar, inwieweit Hitze die Wirkung von Medikamenten beeinflusse. Hier bedürfe es weiterer Forschung, vor allem um chronisch Erkrankte zu schützen. Es sei wichtig, eine Präventionskultur gegen gesundheitliche Hitzefolgen aufzubauen, mahnten die Fachleute. Warnungen sollten auf allen Smart Phones ausgespielt, Fernsehprogramme mit Laufbändern unterlegt werden.

Kältehilfe gibt es, Hitzehilfe nicht

Der Vorstandsvorsitzende von KLUG, Dr. Martin Herrmann, forderte die Kommunen auf, sich kurzfristig auf die bevorstehende Hitzewelle vorzubereiten. „Es gibt Kältehilfe, aber keine Hitzehilfe“, merkte er an.

Die Kommunen sollten kühle Räume als Rückzugsorte für Betroffene ausweisen. Mittelfristig müssten Ärzte und Pflegekräfte mit den Kommunen gemeinsam Schutzpläne ausarbeiten. Es müsse diese Pläne sowohl in jeder einzelnen Einrichtung als auch auf Ebene der Kommunen geben, so Herrmann. Baurecht und Arbeitsschutz müssten zudem an Wetterereignisse angepasst werden. Ganz wichtig sei eine große Bildungskampagne, die weite Teile der Bevölkerung erreiche.

print
DRUCKEN