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01.12.2018 | PflegeAlltag | Ausgabe 12/2018 Zur Zeit gratis

Advent im Altenpflegeheim
Heilberufe 12/2018

Kinder und Senioren singen gemeinsam Weihnachtslieder

Zeitschrift:
Heilberufe > Ausgabe 12/2018
Autor:
Carolin Grehl
Neun Rollatoren parken an der Wand des Gemeinschaftsraums. Fast doppelt so viele Pflegeheimbewohner sitzen erwartungsvoll im Stuhlkreis. Selbstgebastelter Weihnachtsschmuck hängt an den Fenstern, Sicherheitskerzen flackern auf den Tischen. Die Alten lauschen gespannt den ersten, leisen Kinderstimmen, die vom Treppenhaus nach oben dringen. „Jetzt kommen sie gleich“, flüstert eine Pflegefachkraft einem alten Herrn zu, der unruhig in den Flur späht. Doch die kleinen Gäste aus der benachbarten Kita lassen noch auf sich warten. Zuerst müssen viele kleine Hände desinfiziert und die dicken Winterjacken ausgezogen werden. Dann ist es endlich soweit. 20 Kita-Kinder setzen sich gemeinsam mit ihren Erzieherinnen auf den Boden in den Stuhlkreis und stimmen das Begrüßungslied an: „Guten Morgen, Good Morning, Buon Giorno...“. Einige Bewohner stimmen mit ein, sie kennen das Lied schon. Denn die Kita-Kinder kommen regelmäßig hierher und beginnen ihren Besuch immer mit diesem Stück. Heute steht Adventssingen auf dem Programm.

Alt und Jung treffen sich

Die Zusammenarbeit zwischen dem Altenpflegeheim St. Pirmin und der Kommunalen Kita Abenteuerland im pfälzischen Maikammer ist eher zufällig entstanden: „Vor fünf Jahren kamen wir bei unserem Laternenumzug an der Einrichtung vorbei. Die Bewohner standen am Fenster und haben sich so gefreut, dass wir beschlossen haben, öfter vorbei zu schauen“, erzählt die Kita-Leiterin Elisabeth Buchenberger-Klodt. Seitdem singen, spielen und basteln die Kita-Kinder einmal im Monat in wechselnden Gruppen mit den Heimbewohnern. Auch die anderen Kitas und der Kinderchor aus dem Ort sind regelmäßig zu Gast im Haus St. Pirmin. Denn für Beate Dickhut, die Leiterin des Seniorenheims, sind diese Kooperationen ein wichtiger Baustein der Pflegearbeit: „Zwischen alten Menschen und Kleinkindern existiert eine ganz besondere Liebe — eben wie zwischen Großeltern und Enkeln oder Ur-Enkeln. Doch weil die jungen Angehörigen unserer Bewohner meistens schon groß, weggezogen oder nicht präsent sind, fördern wir den Besuch der Kinder aus dem Ort.“

Vorbereitung: Süßigkeiten besorgen und Gedichte lernen

Schon die Vorbereitung des gemeinsamen Adventssingens war Anlass für rege Aktivitäten im Altenpflegeheim: Es galt, die Dekoration zu basteln, Weihnachtslieder einzustudieren und Plätzchen für die Kinder zu backen. „Einige Bewohner machen sich richtig Gedanken, ob auch alles gut vorbereitet ist. Ihre größte Sorge ist, dass wir keine Süßigkeiten für die Kinder haben“, schmunzelt Birgit Kruppenbacher, Mitarbeiterin der sozialen Betreuung im Haus St. Pirmin. Sie erzählt von einer Seniorin, die ihr Lieblings-Kindergedicht von früher auswendig gelernt hat, um es den kleinen Gästen vorzutragen. Für jene, die sich erinnern können, ist der Besuch aus der Kita ein beliebtes Ritual. Für die anderen einfach ein schöner Moment. Eine willkommene Abwechslung im Heimalltag ist es für alle Bewohner.
Auch die Kita-Kinder werden gut auf die gemeinsamen Aktionen vorbereitet: Sie basteln, üben die Lieder und sprechen mit ihren Erzieherinnen über den bevorstehenden Ausflug zu den alten Menschen. Auch für sie ist der Ausflug zum Seniorenheim immer etwas Besonderes. „Ich war da schon ganz oft!“ berichtet ein dunkelhaariger Junge stolz. „Schau, da hängt mein Stern am Fenster, den haben wir das letzte Mal hier gebastelt“, antwortet ein Mädchen auf die Frage, was es am Haus St. Pirmin mag. „Ich finde das Guten-Morgen-Lied am besten, da singen immer alle mit“, sagt ein Vierjähriger.

Zaghafte Kontaktaufnahme

Als die Kinder und Erzieherinnen die Weihnachtslieder anstimmen, singen viele Bewohner mit, manche summen nur die Melodie oder wiegen sich im Takt. Ein paar Senioren sitzen einfach nur da und beobachten andächtig das Treiben im Stuhlkreis, sie scheinen den Moment zu genießen. Zwischen den Liedern entstehen kleine Pausen, die von den Kindern genutzt werden, um sich neugierig in der Runde umzusehen. Während sich die Kleinen schüchtern an ihre Erzieherinnen kuscheln, suchen die Größeren unbefangen das Gespräch: „Das hier ist meine kleine Schwester, die geht jetzt auch in die Kita“, erklärt ein Mädchen im Wollpulli zwei alten Damen, die sich interessiert nach vorne neigen. „Warum hast du da einen Stock?“ fragt ein blonder Junge einen gehbehinderten Herrn. Und als dieser nicht antwortet, gleich noch einmal: „Duuu... warum hast du einen Stock dabei?“
Nicht immer erhalten die Kinder eine Antwort auf ihre Frage oder eine Reaktion auf ihre zaghafte Kontaktaufnahme. „Wir versuchen, möglichst alle Bewohner in die Runde zu setzen. Also auch oder insbesondere diejenigen, die nicht mehr sprechen, sehen oder hören können“, erklärt Beate Dickhut. „Schließlich bekommt jeder auf seine Weise etwas von der Atmosphäre mit — Kinder üben einfach einen besonderen Reiz aus.“ Tatsächlich ist die Freude selbst jenen Bewohnern anzumerken, die nicht mehr aktiv kommunizieren können. Ihre Lippen verziehen sich zu einem leichten Schmunzeln, die Wangen werden rosig und die Augen in den faltigen Gesichtern beginnen zu leuchten. Wer kann, der wechselt auch ein paar Worte: „Hallo, du bist aber groß geworden“, sagt eine alte Frau zu einem blonden Mädchen. Dann wendet sie sich einem kleinen Jungen zu: „Und wie heißt Du? Du warst das letzte Mal noch nicht dabei, oder?“

Die schönen Momente sind nicht planbar

Damit Kinder wie Senioren Freude an der Begegnung haben, ist die Teilnahme an den Aktionen für beide Seiten freiwillig, das betonen sowohl die Kita- als auch die Heimleitung. Ebenso achten sie darauf, dass das Programm keinen reinen Animationscharakter hat und nicht zu streng durchgetaktet ist. Denn im Vordergrund stehen die Kontaktaufnahme und das Miteinander: „Mit den Liedern und Spielen können wir höchstens helfen, das Eis zu brechen. Aber die wirklich schönen Momente kann man nicht planen“, findet Elisabeth Buchenberger-Klodt. Als sie in die Runde fragt, wer die mitgebrachten Plätzchentüten austeilen wolle, recken alle Kinder ihre Hände in die Höhe und rufen „Iiiiiich!“. Selbst die Kleinen stehen auf, um das Geschenk stolz an den Mann oder die Frau zu bringen. Sie bemerken nicht, wie mühevoll es für manche Bewohner ist, sich nach vorne zu beugen und die Hand nach den Plätzchentüten auszustrecken. „Manche wachen buchstäblich auf und werden sichtlich mobiler, wenn ein Kind vor ihnen steht“, freut sich Birgit Kruppenbacher. Auch Beate Dickhut berichtet von bewegenden Momenten: „Es gibt Kinder, die am Ende noch einmal ganz von selbst zu bestimmten Bewohnern hingehen, ohne sie anzusprechen. Einfach, weil sie sich zu ihnen hingezogen fühlen oder sie sympathisch finden. Solche Verabschiedungen ohne Worte sind sehr rührend.“

Biographiearbeit: Mit den Kindern kommen die Erinnerungen

Als die Kita-Gruppe das beliebte Lied „In der Weihnachtsbäckerei“ anstimmt und eine Strophe mit „... du Schwein“ endet, beginnt eine zerbrechlich wirkende Frau im Rollstuhl zu kichern. So lange, bis der letzte Ton verklungen ist und die Kinder gehen müssen. Dann beginnt sie zu jammern. Nicht nur bei ihr löst der Besuch der Kleinen widersprüchliche Emotionen aus. „Viele Bewohner denken an die Zeit zurück, als sie selbst oder ihre eigenen Kinder klein waren. Vielleicht erinnern sich manche auch mit Wehmut an Menschen aus der eigenen Familie, die sie verloren haben oder zu denen es keinen Kontakt mehr gibt“, sagt Beate Dickhut. Für die Mitarbeiter der sozialen Betreuung bieten sich hier gute Ansatzpunkte für Gedächtnistraining oder Biographiearbeit. „Wir bleiben nach dem Kinderbesuch noch etwas sitzen, da entwickeln sich oft interessante Gespräche“, erzählt Birgit Kruppenbacher. „Wenn ich spüre, dass jemand aufgewühlt ist, spreche ich sie oder ihn später in Ruhe noch einmal darauf an.“ Manchmal gibt sie das Erlebte oder wichtige Informationen aus den Gesprächen mit den Senioren an die Pflegefachkräfte weiter. Denn diese haben meistens keine Zeit, an den Aktionen mit den Kita-Kindern teilzunehmen. Vielmehr nutzen sie den zeitlichen Freiraum, der sich durch die Ablenkung der Bewohner ergibt, für Organisatorisches und die Dokumentation. Sie können das Geschehen höchstens kurz und vom Rande aus beobachten. Im Team der Einrichtung stößt die Kita-Kooperation durchweg auf positive Resonanz. Die Sing- und Spielaktionen lassen sich gut in den Pflegealltag integrieren und Kinder sind gern gesehene Gäste.
Bevor sich die Kinderschar nach dem Weihnachtssingen wieder auf den Rückweg macht, verabschiedet sie sich — wie jedes Mal — mit dem Abschlusslied: „Kleine Leut‘, kleine Leut‘ gehen nach Hause“. Die Alten erwidern das Winken der Knirpse und schauen zu, wie diese gemeinsam mit ihren Erziehern den Stuhlkreis verlassen, in ihre dicken Winterjacken schlüpfen und nach und nach im Flur verschwinden. Es kehrt wieder Stille ein im Stuhlkreis. Schon jetzt haben die ersten, demenziell erkrankten Bewohner wieder vergessen, warum sie eigentlich hier sitzen. Sie riechen das Mittagessen und freuen sich nun darauf. Die anderen werden noch etwas länger an die Kinder denken und sehnsüchtig auf ihren nächsten Besuch warten.

SO ORGANISIEREN SIE KINDERBESUCH IM ALTENPFLEGEHEIM

Zehn Tipps für Leitungs- und Pflegefachkräfte
1.
Planung. Nehmen Sie Kontakt zu Kindergärten oder Jugendzentren im Umfeld auf. Überlegen Sie bei einem ersten gemeinsamen Treffen: Was erhoffen sich beide Seiten der Kooperation? Was ist organisatorisch möglich, was nicht? Beziehen Sie auch die Bewohner, beispielsweise den Heimbeirat, mit in die Planung ein. Beachten Sie, dass nicht nur die Kinder, sondern immer auch die Bewohner aktiv zum Gelingen der Aktion beitragen. Selbst wenn die Kooperation schon länger existiert, sollten Sie sich immer wieder regelmäßig abstimmen.
 
2.
Alter der Kinder. Je nach Aktivität können schon Mädchen und Jungen ab drei Jahren mit ins Altenheim kommen. Es ist von Vorteil, wenn sich die Kinder verbal schon einigermaßen verständigen und den Weg zum Heim selbstständig zurücklegen können.
 
3.
Aktivitäten. Gemeinsam singen, (sitz)tanzen, basteln, spielen, kochen oder backen — es gibt viele Dinge, die vergleichsweise einfach zu organisieren sind. Die Aktivitäten sollten sowohl Heimbewohnern als auch Kindern Spaß machen. Ebenso sollte der Ablauf vorher schon grob festgelegt sein — und Raum für persönliche Begegnungen lassen.
 
4.
Vorbereitung. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kooperationspartner: Wird Material benötigt? Wer besorgt es und übernimmt mögliche Kosten? Wo können die Kinder sitzen, ihre Jacken hinlegen, ggf. auf die Toilette gehen? Soll Musik vom Band gespielt werden? Wenn ja, wie lässt sich das realisieren? Wer übernimmt die Moderation/Begrüßung?
 
5.
Räumlichkeiten. Nicht nur im Gemeinschaftsraum können Kinder und Bewohner zusammenkommen. Vielleicht freuen sich Bettlägerige auch über einen Besuch der Kleinen in ihrem Zimmer. Rüstige Senioren könnten die Kinder in der Kita besuchen.
 
6.
Tageszeit. Damit der Aktion keine wichtigen pflegerischen Tagespunkte im Weg stehen, eignet sich die Zeit vor dem Mittagessen, nachdem die Grundversorgung abgeschlossen ist. Da die ersten Kinder schon mittags oder am frühen Nachmittag von ihren Eltern abgeholt werden, ist der Vormittag, etwa ab 10 Uhr, für die meisten Kitas und Pflegeeinrichtungen gut geeignet.
 
7.
Dauer. Für die Aktion selbst sollten nicht mehr als 30 bis 45 Minuten veranschlagt werden. Denn danach lässt bei Alt wie Jung die Aufmerksamkeit nach, viele empfinden das Beisammensein in einer derart großen Gruppe auch als anstrengend. Zudem kommen noch Vorbereitungs- und Wegzeiten hinzu.
 
8.
Koordination. Wenn die Kinder ankommen, sollten sie nicht noch warten müssen, bis alle Bewohner beisammensitzen oder fertig gegessen haben. Andersherum werden auch die Bewohner unruhig, wenn sich die Kinder verspäten oder zu lange brauchen, um sich auszuziehen. Deshalb sollten die Organisatoren das Drumherum ebenso gut planen wie die Aktion selbst.
 
9.
Flexibilität. Es regnet in Strömen, das Bastelmaterial ist nass? Einige Kinder oder Bewohner sind unruhig und wollen nicht mitmachen? Überlegen Sie sich ein paar Alternativen für möglichen Leerlauf und wie Sie auf mögliche Störungen im Ablauf reagieren können.
 
10.
Probebesuch. Beim allerersten Besuch im Rahmen der Kooperation sollten erst einmal nur sehr wenige Kinder und Bewohner an der Aktion teilnehmen. So können die Organisatoren die Abläufe in Ruhe durchgehen und auch schauen, wie beide Seiten reagieren.
 

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