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01.06.2020 | Pflege Alltag | Ausgabe 6/2020 Zur Zeit gratis

Heilberufe 6/2020

Isolation und Ängsten professionell begegnen

Zeitschrift:
Heilberufe > Ausgabe 6/2020
Psychische Belastung für Bewohner und Mitarbeiter Plötzlich stehen nicht mehr die Pflegeeinrichtung als Wohnort und die Lebensqualität der Bewohner im Mittelpunkt aller Bemühungen, sondern der Infektionsschutz. Das verändert den Alltag gravierend und führt zu einer deutlich gestiegenen psychischen Belastung aller Beteiligten. Diese Aufgabe kann nur im Team gemeistert werden.
Der Alltag in den Pflegeeinrichtungen veränderte sich durch die Corona-Pandemie maßgeblich. Nicht nur durch das erst absolute, später etwas gelockerte Besuchsverbot. Vielmehr wurden jegliche Freizeitaktivitäten mit externer Beteiligung, sei es ein Gottesdienst mit dem Pfarrer oder ein Musiknachmittag mit einem Alleinunterhalter, untersagt. Gemeinschaftsaktivitäten innerhalb der Einrichtungen wurden zurückgefahren, nur noch Begegnungen vorzugsweise gleichbleibender Bewohner- und Mitarbeitergruppen waren möglich. Große Speisesäle mussten geschlossen, ein Speisenangebot in Buffetform darf nicht angeboten werden.
Viele Einrichtungen und Mitarbeiter fanden sehr kreative Mittel und Wege, um den Bewohnern der Einrichtung dennoch den Kontakt zur Außenwelt und etwas Abwechslung zu ermöglichen. So wurden technische Möglichkeiten wie Videoanrufe genutzt, aber auch musikalische Angebote vor Fenstern und Balkonen bis hin zur Mitmach-Gymnastik und Gottesdiensten im Innenhof schafften ein klein wenig Abwechslung. Geistig rüstige Bewohner konnten die Notwendigkeit der getroffenen Maßnahmen häufig nachvollziehen und freuten sich über die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und Freizeitgestaltung. Einige von ihnen äußerten sich auch explizit dazu, dass sie sich auf Grund der getroffenen Schutzmaßnahmen sicher fühlten und begrüßten diese. Da es ihnen allen gleich ginge, sei dies eben gerecht und notwendig. Nachrichten aus Italien und Frankreich, aber auch Meldungen über Ausbrüche in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zeigten die Gefahren durch das Coronavirus. Die Sorge um eine Erkrankung mit unter Umständen schweren Folgen, da man selbst zur Risikogruppe zählte, ließ das Kontakt- und Besuchsverbot absolut erforderlich erscheinen.

Krise für Bewohner mit kognitiven Beeinträchtigungen

Viel schwerer scheinen die Folgen aber für die vielen Bewohner der Pflegeeinrichtungen zu sein, welche an kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen leiden. Diese Personengruppe, welche in der Regel mindestens die Hälfte aller Bewohner in den Altenpflegeeinrichtungen ausmacht, konnte die veränderten Abläufe und die damit verbundenen Einschränkungen nicht verstehen und nachvollziehen. Sie vermissen den Kontakt zu vertrauten Familienangehörigen, sie wundern sich, warum die sie umgebenden Personen plötzlich mit Mundschutz bei ihnen stehen, so dass sie Emotionen nicht oder deutlich schwerer erkennen können. Sie verstehen nicht, warum Mahlzeiten und Tagesabläufe sich verändert haben und es deutlich weniger Gemeinschaftserlebnisse gibt. Ehepartner und Kinder befürchten zu Recht, dass Angehörige mit fortgeschrittener Demenz sie nach der wochenlangen Zwangstrennung nicht mehr erkennen und zuordnen können. Technische Hilfsmittel wie Videotelefonie lassen für diesen Bewohnerkreis oft das Erkennen der vertrauten Personen nicht zu, auch wenn Mitarbeiter diese Angebote begleiten. Basale Möglichkeiten des Kontaktes, ein vertrauter Geruch, eine bekannte Geste oder Berührung lassen sich nicht per Internet oder Telefonleitung übertragen. Pflegende beobachten teilweise eine zunehmende Unruhe bei den Bewohnern, gerade zu den Zeiten eines geänderten Tagesablaufs, wenn also zum Beispiel der vertraute Besuch am Nachmittag ausbleibt. Andere Bewohner ziehen sich mehr und mehr zurück, depressive Stimmungen verstärken sich. Im Extremfall verlässt den Bewohner der Lebensmut, die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme reduziert sich immer mehr, der Allgemeinzustand verschlechtert sich zunehmend.

Körperliche Nähe fehlt

Alle Menschen und damit auch alle Bewohner von Pflegeeinrichtungen, ob kognitiv eingeschränkt oder nicht, haben ein Bedürfnis nach körperlicher Nähe, Vertrautheit und Zugewandtheit. Nicht verwunderlich ist daher, dass viele Pflegende ein erhöhtes Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung und Nähe bei den Bewohnern bemerkten. Viel wichtiger noch als ein freundliches Wort scheint aktuell eine Umarmung oder das Halten der Hand, obwohl doch gerade überall von "Social Distancing" gesprochen wird. Gerade in diesen Zeiten wird deutlich, dass Pflege ohne menschliche Kontakte, ohne Berührungen und ohne körperliche Nähe nicht möglich und auch keinesfalls erstrebenswert ist.
Die Corona-Krise bringt das Pflegepersonal nicht nur physisch an seine Belastungsgrenze, sondern auch psychisch. Weil wichtige Therapien wie Logopädie und Physiotherapie nicht stattfinden dürfen, beobachten Pflegekräfte, wie es den Bewohnern auch ohne akute Erkrankung täglich schlechter geht. Besorgte Angehörige rufen verstärkt beim Pflegepersonal an, um Informationen über Bewohner zu erhalten. In dieser Situation ist es wichtig zu reflektieren, dass dies alles den äußeren Umständen geschuldet ist und niemand damit das Personal verärgern möchte. Wenn es gelingt, hier den Standpunkt zu wechseln, wird die persönliche Schlüsselposition klar. Manch einer empfindet dies als Aufwertung und freut sich über die Anerkennung, die aktuell auch durch die Gesellschaft Pflegenden gezeigt wird. Andere empfinden diese Last der Verantwortung als sehr groß und drohen, daran zu zerbrechen.

Das hilft im Arbeitsalltag

Eine so außerordentliche psychische Belastung, welche die Pflegekräfte jetzt gerade erleben, muss geübt werden. Es gilt, sich klarzumachen, was auf einen zukommen kann und warum. Dies bedeutet auch die Auseinandersetzung mit der Situation, dass sich Covid-9-Infektionen vielleicht zunächst unbemerkt in der eigenen Einrichtung ausbreiten und einige Bewohner daran versterben könnten. Wegen einer häufig tiefen Verbundenheit zu den Bewohnern kommt es neben Trauer und Mitgefühl häufig auch zu Schuldgefühlen. Doch jeder muss sich bewusst machen, dass dieser Fall eintreten kann und seine Gefühle akzeptieren.
Kleine Achtsamkeitsübungen können zum Beispiel helfen, Schuldgefühle zu minimieren sowie auch positive Aspekte wahrzunehmen. Ein Mood-Board, an dem Kollegen ihre Gefühle anonym äußern können, das mit "Komplimenten to go" zu kleinen Aufmerksamkeiten anregt, kann das Teamgefühl stärken, wenn ein intensiver persönlicher Austausch durch Teambesprechungen momentan nicht umgesetzt werden kann. Gerade in Extremsituationen wie der aktuellen sinkt oft die Selbstzufriedenheit. Aufmerksamkeiten wie das genannte Mood-Board oder ein Korb voller Süßigkeiten für die Pflegenden von der Geschäftsführung können hier positiv wirken. Eine weitere Unterstützung des Pflegepersonals bietet eine Telefonhotline zu Psychologen, an die sich die Mitarbeiter anonym und kostenlos wenden können. Die Psychologen hören zu, geben Tipps zur Entspannung, vermitteln aber auch Kontakte und Therapien bei weitergehendem Unterstützungsbedarf.
Umstrukturierungen, die auf Grund der Ausbreitung des Coronavirus notwendig waren, machten es erforderlich, dass feste Teams von Mitarbeitern gebildet wurden, welche eine gleichbleibende Gruppe von Bewohnern versorgen. In gut funktionierenden Kleingruppen kann dies zu erhöhter Arbeitszufriedenheit führen, doch auch gegenteilige Effekte sind möglich. Unterschwellig vorhandene Konflikte innerhalb des Teams können sich durch die geänderten Arbeitsabläufe verstärken, auch "schwierigen" Bewohnern kann man schlecht aus dem Weg gehen, wenn man sie in seiner Gruppe zu versorgen hat. Achtsamkeit und Sensibilität der Leitungskräfte sind hier umso mehr gefragt, um sowohl das Wohl der Mitarbeitenden als auch der Bewohner zu schützen.
Mitte Mai wurden erste vorsichtige Schritte hin zu einer Lockerung des Besuchsverbots in den Pflegeeinrichtungen unternommen. Viele Pflegekräfte stehen diesen Lockerungen skeptisch gegenüber, Sorgen und Ängste über eine Infektion in der Einrichtung wachsen. Diese sowie die künftigen Herausforderungen, vor die uns das Corona-Virus stellen wird, können Pflegende nur im Team und gemeinsam mit den Leitungskräften bewältigen.

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