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Neue internistische IMC-Station in der München Klinik Neuperlach Von Anfang an war Pflege dabei

Interviewt wurden:
Katrin Starke, Stationsleitung internistische IMC-Station
Patrick Schalamon, Stationsleiter internistische Intensivstation

Beim Umbau des Intensivkomplexes der München Klinik Neuperlach wurden Pflege und Medizin frühzeitig in die Planung eingebunden. Wie das gelungen ist, berichten Katrin Starke, Stationsleitung der internistischen IMC-Station, und Patrick Schalamon, Stationsleiter der internistischen Intensivstation.

© privatPatrick Schalamon & Katrin Starke, © privat

Frau Starke, Herr Schalamon, Sie und Ihr Team durften die neue IMC-Station bzw. den Intensivkomplex aktiv mitgestalten. Welche Möglichkeiten hatten Sie dabei?

Schalamon: Der ITS-Komplex wurde parallel zur IMC komplett neu gestaltet. Hier konnten wir von der pflegerischen Seite bei allen Themen mitsprechen. Das reichte von der Wandfarbe bis zur kompletten Raumgestaltung, um das Bestmögliche für unsere Patienten herauszuholen. Aber auch für die Mitarbeiter. Unser Ziel war es, eine angenehme und moderne ­Arbeitsumgebung zu schaffen.

Starke: Über die Bereichsleitung und Herrn Schalamon als Projektleiter erfuhr ich viel über die Pläne für die IMC, die auch zügig in die Umsetzung gingen. Als die ersten neuen Kollegen kamen, war das für mich eine super Chance, in einer großartigen Zusammenarbeit etwas Neues zu erschaffen. Neue Strukturen mit neuen Kollegen. Das ist etwas Besonderes.

Schalamon: Für uns beide war es eine große Herausforderung, das „alte“ Team an die Idee zu gewöhnen, die neu entstehende Station mit aufzubauen. Neue Kollegen einzuarbeiten. Viel Arbeit zu investieren, ohne erstmal ein sichtliches Ergebnis zu haben und dabei schon ein Teamgefühl zu entwickeln, obwohl wir zwei getrennte Teams waren.

Die neue IMC-Station wird als „das Beste aus beiden Welten“ bezeichnet. Was heißt das konkret für die pflegerische Versorgung und die Arbeitsbedingungen im Vergleich zu ITS und Normalstation?

Starke: Die IMC-Station ist für Patienten, deren Zustand noch zu schlecht für die Normalstation ist, die aber eine ITS benötigen, die für Schwerstkranke vorgesehen ist. Dafür braucht es Personal mit vertieftem Wissen über Medizin und Medikamente. Es ist genau richtig für Kollegen, die jahrelang auf der ITS gearbeitet haben, die aber merken, dass ihnen der rasante medizinische Fortschritt und der anhaltende Stresspegel durch die Schwerstkranken zu viel werden. Auf der IMC können sie sich ein wenig zurücknehmen. Ein großes Plus aber ist die Erfahrung der Kollegen. Sie können diese in einer gewohnten Umgebung weitergeben.

Auf etablierten Stationen existieren feste Strukturen. Wir hingegen konnten alles selbst gestalten.

Und Frischexaminierte oder Neueinsteiger können auf der IMC-Sta­tion erste Erfahrungen sammeln. Sie lernen verschiedenste i.v. Medikamente und deren Verabreichung als Infusion oder über den Perfusor kennen und haben den ersten Kontakt mit der High-Flow-Therapie und Heimbeatmungs­maschinen bei tracheotomierten Patienten.

„Das haben wir immer schon so gemacht“, gibt es bei Ihnen nicht. Wie gelingt es Ihnen als pflegerischer Leitung, diesen Kulturwandel im Team zu fördern?

Schalamon: Das ist in der Pflege ein Riesenthema. Viele möchten die gewohnten Dinge, die sie kennen und bei denen sie sich wohlfühlen, genauso weiterführen. Von Vorteil war hier bei uns der Neuaufbau der Station im geschützten Umfeld der ITS. Es gab keine festen Strukturen, wir konnten einfach alles selbst gestalten. Dabei wurden Standards der ITS als Grundstein verwendet. Als immer mehr neue Kollegen, entweder von extern oder aus dem Haus, auf die neue Station kamen, konnten auf dieser Grundlage komplett eigene Versorgungskonzepte entwickelt werden. Wie nehmen wir Patienten auf? Welche Dokumenta­tion verwenden wir? Wann führen wir die Systemwechsel durch? All das sind Dinge, die man auf etablierten Stationen schon vorfindet. Was sich dort nur schwer ändern lässt, konnte hier im neuen Team gemeinsam überlegt und entschieden werden. Auch die Tagesgestaltung auf Station ließ sich damit einfach anpassen. Natürlich darf man die klinischen Vorgaben nicht aus den Augen verlieren.

Sie sagen, das Team „findet sich selbst, durch sich selbst“. Welche Bedeutung hat dieses Teambuilding-Konzept für die täg­liche Zusammenarbeit?

Starke: Ja, im Nachhinein war es eine nette Umschreibung für „Wir lernen uns kennen und raufen uns zusammen.“  Wie in allen Teams gab und gibt es auch bei uns die Rollen im Team. Dominante Parts, zurückhaltende Parts. Aber auch die Lustigen, die immer nen lockeren Spruch auf den Lippen haben, um angespannte Situationen zu lockern. Es braucht viel Kommunikation, um die verschiedenen Charaktere abzuholen und miteinander ein Team zu formen. Da hat mir meine Weiterbildung als Deeskalationstrainerin nach ProDeMa einen großen Vorteil verschafft, um wichtige Grundlagen zu kennen und für die verschiedensten Situationen gewappnet zu sein. Schon allein, weil wir ein Multikulti-Team sind (12 Nationen bei 25 Mitarbeitern).

Das Team kann selbst über Besuchszeiten, Schichtmodelle und Kommunikationsstrukturen entscheiden. Wie gelingt es, die selbst gestalteten Strukturen mit den Anforderungen des Klinikalltags in Einklang zu bringen?

Starke: Man muss sich die Gegebenheiten wieder anschauen. Besuchszeiten rund um die Uhr sind eine großartige Sache für Angehörige. Auch ein durchgehend anwesender Dienstarzt auf Station ist super. Wir haben uns trotzdem aktiv für feste Besuchszeiten entschieden. Warum? Unser Fokus liegt auf der Patientenversorgung. Wir wollen, dass die Patienten pflegerisch komplett versorgt und alle Untersuchungen erledigt sind. Dann können sie ihren Besuch auch genießen, ohne ständig unterbrochen zu werden. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Bei delirösen und palliativen Patienten beispielsweise. Diese profitieren von individuellen Besuchszeiten, wenn sie jemand Vertrauten in einer fremden Umgebung um sich haben.

Von den Schichtmodellen haben wir die Zeiten der ITS übernommen. Einerseits, weil sie für das tägliche Tun gut gepasst sind. Andererseits, weil es sehr komplex ist, die Zeiten zu ändern. Allein durch den Tagesablauf der Klinik.

Auch die Hürde Betriebsrat war gewaltig. Für die Kommunikationsstruktur ist es daher unumgänglich, eine Vielzahl an Gesprächen zu führen. Auch mit dem ärztlichen Personal. Hier galt es, weg zu kommen vom „Halbgott in Weiß“ hin zu einer Kommunikation auf Augenhöhe. Dafür nutzen wir unser monatliches Teamgespräch, das interprofessionell mit den Stationsärzten stattfindet. Das haben wir uns von der ITS abgeschaut.

Was würden Sie anderen pflegerischen Leitungskräften raten, die ähnliche Projekte planen? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Mitgestaltung wirklich gelingt und nicht zur Belastung wird?

Schalamon: Wir haben festgestellt, dass es ein großer Vorteil war, dass wir beide „neu“ waren. Wir waren voller Tatendrang und Ideen. Das ist nicht zu verachten. Wir kamen und kommen auch heute noch super miteinander aus. Und die Kommunikation miteinander darf man nicht unterschätzen.  Man braucht eine offene und ehrliche Kommunikation. So kann man auch möglicherweise entstehende Gerüchte schnell und gut auffangen bzw. korrigieren. Da ist es sehr nützlich, dass sich die Leitungen gut verstehen und im engen Austausch sind. Man sollte offen gegenüber allen neuen Gedanken sein und das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Auch das Team will mitgenommen werden.  Das gelingt durch offene Kommunikation auf Augenhöhe – ohne verschlossene Türen unter den Leitungen, die es häufig gibt.  Ohne das ITS-Team wäre der Grundstein nicht gelungen. Sie geben für die neuen Kollegen Sicherheit mit neuen Situationen, z. B. durch Einweisungen für die Überwachungsmonitore und den Umgang mit invasiveren Patienten als auf den Normalstationen. Man darf nicht vergessen, dass die neuen Kollegen überwiegend von der Normalstation zu uns auf die neue IMC gekommen sind.  Und dann zu sehen, wie beide Stationen ihre neuen, eigenen Bereiche beziehen, und man stolz sein kann, dass seine zwei „Kinder“ erwachsen geworden sind. Und obwohl wir räumlich weit auseinander sind, helfen wir uns immer noch und sind füreinander da.

Das Interview führte Benjamin Berger

Bildnachweise
München Klinik Neuperlach/© München Klinik (MK)