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31.07.2017 | Intensivstation | Nachrichten

Mangelware Intensivpflegekräfte

Bundesweit können 3.150 Stellen in der Intensivpflege nicht besetzt werden.
Wo liegen die Ursachen der Misere und was ist zu tun?

Den Kliniken gehen die Intensivpflegekräfte aus. Jedes zweite Krankenhaus (53 Prozent) hat Probleme, entsprechende Stellen zu besetzen. Bei den großen Häusern sind es sogar 68 Prozent. Das geht aus einem Gutachten hervor, das die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) am Dienstag in Berlin präsentiert hat. Insgesamt sind bundesweit 3.150 Stellen für Intensivpflegekräfte offen. Die vorgegebene Fachkraftquote von mindestens 30 Prozent erreichen drei Viertel der Intensivstationen.

Aus Sicht der DKG ist die Patientenversorgung dennoch „objektiv gut“. Eine Pflegevollkraft versorgt laut Gutachten pro Schicht durchschnittlich 2,2 Patienten. Die von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) geforderte Quote von zwei Fällen pro Schicht werde damit im Mittel erreicht. Die DKG sieht vor allem Politik und Kostenträger in der Pflicht, dem Fachkräftemangel zu begegnen. „Wer mehr Personal und Personaluntergrenzen fordert, muss auch die Refinanzierung sichern“, so DKG-Präsident Thomas Reumann.

Verdi und DBfK kritisieren Gutachten

Zweifel an der guten Versorgungssituation hegen sowohl Gewerkschaften als auch Pflegeverbände. „Nichts ist gut in der Intensivpflege“, kritisiert Sylvia Bühler, Bundesvorstandsmitglied von Verdi. Aus Berichten von Beschäftigten und vorliegenden Gefährdungsanzeigen werde deutlich, dass ein Verhältnis von 1:3 Pflegekraft-zu-Patienten eher die Regel als eine Ausnahme sei. „Statt den Fachkräftemangel in der Pflege zu beklagen, muss zügig gehandelt werden“, erklärt Bühler mit Verweis auf die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Die DKG sei bei den Verhandlungen zu Personaluntergrenzen gefordert, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Notwendig sind aus Sicht der Gewerkschaft Vorgaben, die Sicherheit für die Patienten und Entlastung für die Beschäftigten bringen.

Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) teilt die positive Einschätzung der DKG nicht. Berichte von Intensivpflegenden würden ein völlig anderes Bild zeichnen. „An der Fluktuation und einer Vielzahl unbesetzter Pflegestellen lässt sich ablesen, dass Pflegefachpersonen nicht länger bereit sind, sich unter Wert zu verkaufen und miserable Bedingungen hinzunehmen“, sagt DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel. Über Jahre habe man ignoriert, dass die Patienten nicht nur Ärzte und Technik, sondern vor allem kompetente und verlässliche Pflege bräuchten. „Jetzt darauf zu verweisen, dass seit 2008 die Personalzahlen der Pflege wieder angestiegen seien und man also alles getan habe, um beruflich Pflegenden gute Bedingungen zu bieten, klingt zynisch“, so Knüppel weiter.

Wie Verdi pocht der DBfK auf die Umsetzung der im Juni beschlossenen Personaluntergrenzen, auch wenn die DKG dies als Gängelung und als finanziell nicht umsetzbar betrachte. Mit dem Gesetz zwinge die Politik die Arbeitgeber endlich dazu, Verantwortung für den Schutz und die Gesundheit ihrer Pflegekräfte zu übernehmen.
Die Grundlage für das Gutachten der DKG bildeten die Daten von bundesweit 314 Krankenhäusern. Diese gaben im Herbst 2016 Auskunft zur Personalsituation auf ihren Intensivstationen. (ne)