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Erschienen in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 8/2015

01.12.2015 | Kommentare

Innovatives Potenzial eines „Disziplinentrialogs“ zwischen Diakoniewissenschaft, Psychologie und Theologie

verfasst von: Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse

Erschienen in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie | Ausgabe 8/2015

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Auszug

Grundlegend für das Verständnis und die Einordnung des zu kommentierenden Beitrags ist die Einsicht, dass eine umfassende, der Komplexität ihres Gegenstands gerecht werdende wissenschaftliche – theoretisch-konzeptuelle und empirische – Auseinandersetzung mit Alter und Altern Perspektiven verschiedener Disziplinen berücksichtigen und zu integrieren versuchen muss. Erich Rothacker unterscheidet bereits 1938 in seinem Buch Schichten der Persönlichkeit zwischen einer (körperlichen) Alterns- und einer (seelischen) Reifungskurve. In einem Exkurs über Altern und Reifen kennzeichnet er Entwicklung im Alter durch die Überschneidung beider Kurven, aus der sich die Notwendigkeit ergebe, eine primär am Nachlassen von Organfunktionen interessierte medizinische Alternsforschung durch die Untersuchung „geistigen Schaffens“ zu ergänzen, dessen Höhepunkt vielfach erst erreicht werde, wenn die Leistungsfähigkeit der Organe bereits unwiderlegbar nachgelassen habe. Charlotte Bühler verwendet in ihrem 1933 erschienenen Buch Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem den Begriff der Intentionalität zur Kennzeichnung der aktiven und kreativen Hinordnung des Menschen auf Ziele; ausgehend von der Unterscheidung zwischen einer allgemeinen biologischen Lebenskurve und einem biografischen Lebenslaufschema analysiert sie menschliche Entwicklung vor dem Hintergrund von biologisch-physiologischen Veränderungen, sozialen Strukturen, erlebnispsychologischen Aspekten sowie in verschiedenen Lebensabschnitten hergestellten Werken und Produkten. Ähnlich wie Charlotte Bühler, der zufolge menschliche Entwicklung auch als Entfaltung eines „integrierenden Selbst“ zu verstehen ist, betont William Stern schon 1923 mit dem Begriff der Plastik, dass Menschen Entwicklungsbedingungen nicht einfach ausgeliefert sind, sondern diese mitgestalten und deuten, zu einem guten Teil ihre eigene Entwicklung aktiv gestalten. Robert Butler und Ursula Lehr haben bereits in den frühen 1960er Jahren die Bedeutung von Altersbildern für den Verlauf von Entwicklungsprozessen betont, wobei sich Deutungen und Erwartungen anderer z. T. im Selbstbild der Person, z. T in gesellschaftlichen Strukturen und institutionellen Praktiken – die ihrerseits Erlebens- und Verhaltensspielräume älterer Menschen wesentlich mitgestalten – widerspiegeln. Hans Thomae hat in seinem 1983 erschienenen Buch Alternsstile und Altersschicksale vor dem Hintergrund biologisch-medizinischer, sozial- und verhaltenswissenschaftlicher Befunde die Differenzierung von Formen des Alterns als eine zentrale Aufgabe beschrieben, die nur unter Berücksichtigung der Erkenntnisse zahlreicher Disziplinen angemessen zu leisten ist. Die Arbeiten von Glen Elder zu den Folgen der großen Depression und der Rekrutierung im Zweiten Weltkrieg können als eine weitere Kontextualisierung von Lebensläufen angesehen werden, da sie die soziale Einbindung („interdependent lives“) und die Bedeutung des Zeitpunkts, zu dem Menschen mit Lebensereignissen konfrontiert werden („age distinction“), für die Verortung von Menschen im Kontext von historischen Entwicklungen und Kohorten verdeutlichen. Folgt man dem von Paul Baltes und John Nesselroade postulierten „Entwicklungskontextualismus“, dann ist menschliche Entwicklung über den Lebenslauf grundsätzlich als das Zusammenwirken sich wechselseitig beeinflussender altersbezogener, kulturwandelbezogener und nichtnormativer Entwicklungssysteme und Entwicklungseinflüsse zu begreifen. Als exemplarisch für die interdisziplinäre Orientierung der Gerontologie können im deutschen Sprachraum v. a. die Bonner Gerontologische Längsschnittstudie, die Berliner Altersstudie, die Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters, die Zürcher Längsschnittstudie und die Österreichische Hochaltrigkeitsstudie betrachtet werden – die genannten Studien beschränken sich in ihrem Erkenntnisinteresse nicht auf disziplinspezifische Fragestellungen, sondern zeichnen sich darüber hinaus dadurch aus, dass Aussagen zu integrativen theoretischen Leitkonzepten – etwa differenzielles Altern, Kohortenspezifität, Kontinuität und Diskontinuität – getroffen werden sollen. …
Metadaten
Titel
Innovatives Potenzial eines „Disziplinentrialogs“ zwischen Diakoniewissenschaft, Psychologie und Theologie
verfasst von
Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse
Publikationsdatum
01.12.2015
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie / Ausgabe 8/2015
Print ISSN: 0948-6704
Elektronische ISSN: 1435-1269
DOI
https://doi.org/10.1007/s00391-015-0978-9