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Bereits vor der COVID-19-Pandemie waren informell pflegende Personen (iPP) hoch belastet, nutzten jedoch selten formelle Hilfsangebote. In der Pandemie spitzte sich die Situation zu. Unklar ist, inwiefern dieser Zustand postpandemisch anhält.
Ziel und Fragestellung
(1) Zeigen sich Unterschiede hinsichtlich der objektiven und subjektiven Belastung der iPP im Prä-Post-Pandemie-Vergleich? (2) In welchem Umfang werden formelle Hilfen im Prä-Post-Pandemie-Vergleich genutzt?
Material und Methoden
Die Sekundäranalyse basiert auf präpandemischen Daten der Studie Benefits of Being a Caregiver (Oktober 2019–Februar 2020, N = 489) und postpandemischen Daten der Studie Progression in Home Care (September 2022–Mai 2023, N = 471). Zur Verringerung systematischer Unterschiede wurde ein Propensity Score-Matching durchgeführt. χ2-Tests bzw. Exakte Tests nach Fisher und (Welch-)t-Tests bzw. nonparametrische Verfahren wurden angewandt.
Ergebnisse
Die objektive Belastung nahm nach der Pandemie signifikant ab, dennoch waren ca. 30,0 % der iPP mit mehr als 10 Pflegestunden/Tag hoch belastet. Die subjektive Belastung blieb konstant hoch. Die Inanspruchnahme formeller Angebote steigerte sich bei einzelnen Diensten signifikant (Angehörigenberatung, Haushaltshilfe, Betreuungsdienst, ärztliche Versorgung, Heilmittel), verblieb jedoch insgesamt auf einem niedrigen Niveau. Alle Effektstärken waren klein, mit Ausnahme eines großen Effekts bei der ärztlichen Versorgung.
Diskussion
Auch postpandemisch zeigen iPP ein hohes subjektives und objektives Belastungsniveau mit dem damit verknüpften erhöhten Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Um dem entgegenzuwirken, sollten die Nutzungsraten formeller Entlastungsangebote gezielt gesteigert werden.
Die vorliegende Arbeit wurde von Natascha Lauer als Teil der Erfüllung der Anforderungen zur Erlangung des Grades „Dr. rer. biol. hum.“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) durchgeführt.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Hintergrund und Fragestellung
Vor dem Hintergrund knapper Ressourcen im Gesundheitssystem [22] und der gleichzeitig steigenden Anzahl an pflegebedürftigen Personen (pP) (in Deutschland aktuell: 5,7 Mio.; Schätzung für 2055: 7,6 Mio.) [23] spielen informell pflegende Personen (iPP) eine zentrale Rolle, v. a. für die häusliche Versorgung älterer pP. Zu der heterogenen Gruppe der iPP zählen Angehörige (mit Verwandtschaftsverhältnis zu der pP) sowie Zugehörige (Freund*innen, Bekannte oder Nachbar*innen), die als Hauptpflegepersonen unentgeltlich Unterstützung leisten [1].
COVID-19-Pandemie und häusliche Pflege
Die häusliche Pflege einer pP ging bereits vor der COVID-19-Pandemie nicht nur mit positiven Aspekten einher, sondern insbesondere mit hohen objektiven und subjektiven Belastungen [10] sowie mit häufig hieraus resultierenden negativen Konsequenzen für die physische und psychische Gesundheit der iPP [12]. Objektive Belastung beschreibt den quantifizierbaren Aufwand, der durch die häusliche Pflege entsteht [17], wohingegen subjektives Belastungserleben ein komplexes Konstrukt ist, das von psychosozialen Faktoren mitbestimmt wird (z. B. soziale Unterstützung, Coping-Strategien) [9]. Im Zuge der COVID-19-Pandemie spitzten sich die Pflege- und die psychosoziale Belastungssituation der iPP zu [29]. Durch die Kontaktbeschränkungen fiel die Möglichkeit der Inanspruchnahme formeller Angebote, die die iPP (z. B. Angehörigengruppe), die pP (z. B. Heilmittel) oder beide (z. B. Tagespflege) entlasten, weg. Es blieben Erholungs- und Vernetzungsmöglichkeiten aus, und das Belastungserleben stieg an [2, 24, 27]. Zudem erschwerte sich durch die soziale Isolation die Möglichkeit, informelle Hilfe durch Zugehörige zu beanspruchen [27]. Dies resultierte in einer pandemiebedingten Verschlechterung der Pflegesituation [24].
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Ziel und Forschungsfrage
Um zu prüfen, inwiefern der hohe Belastungszustand und die geringe Inanspruchnahme von Hilfen auch postpandemisch anhalten, vergleicht die vorliegende Studie die präpandemische mit einer postpandemischen Situation anhand folgender Forschungsfragen:
1.
Inwiefern zeigen sich Unterschiede hinsichtlich der objektiven und subjektiven Belastung der iPP im Prä-Post-Pandemie-Vergleich?
2.
In welchem Umfang werden formelle Angebote durch die iPP im Prä-Post-Pandemie-Vergleich genutzt?
Studiendesign und Untersuchungsmethoden
Design und Stichprobe
Die präpandemischen Daten stammen aus der Querschnittstudie „Benefits of Being a Caregiver“ (Oktober 2019–Februar 2020), einer schriftlichen Befragung von iPP gesetzlich Pflegversicherter in Bayern (5000 Fragebogen, Rücklaufquote 21,6 %).
Die postpandemischen Daten stammen aus der Querschnittsstudie „Progression in Home Care (Phase I)“ (September 2022–Mai 2023), einer schriftlichen Befragung von iPP gesetzlich Pflegversicherter in Bayern (25.000 Fragebogen, Rücklaufquote 11,8 %, ISRCTN13390923).
In beiden Studien erfolgte die Fragebogenverteilung mit Unterstützung des Medizinischen Dienstes Bayern (MD) an iPP von pP mit den Pflegegraden 0 bis 4 im Rahmen des Begutachtungsprozesses auf Pflegegradein- oder Pflegegradhöherstufung. Nicht befragt wurden iPP von pP mit Pflegegrad 5. Die Zustimmung der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg liegt für die Studien vor (220_20B; 20-220_2-B).
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Teilnehmende mussten deutschsprachig, die Hauptpflegeperson (bei Vorhandensein mehrerer iPP diejenige Person, die den durchschnittlich größten zeitlichen Umfang an unentgeltlicher häuslicher Pflege erbrachte) einer älteren gesetzlich pflegeversicherten pP (> 64 Jahre) mit Hauptwohnsitz in Bayern sein und erstmalig eine Ein- oder Höherstufung des Pflegegrades beantragen.
Es erfolgte literaturgestützt [25, 26] ein globales Propensity Score-Matching [13] der ursprünglichen Stichproben (nPrä-Corona = 1082, nPost-Corona = 2927) anhand der die iPP betreffenden Kovariaten Alter, Geschlecht, Zusammenwohnen mit der pP, Bildungsabschluss, Erwerbstätigkeit und Pflegegrad, um den größtmöglichen Common Support zu gewährleisten [5]. Die resultierende Stichprobengröße betrug N = 1104 (nPrä-Corona = 552, nPost-Corona = 552). In die Analysen flossen nur iPP ein, die pP pflegten, die älter als 64 Jahre waren, sodass eine Substichprobe aus N = 960 iPP gezogen wurde (nPrä-Corona = 489, nPost-Corona = 471). Es wurde eine Balanceprüfung mittels standardisierter Mittelwertdifferenzen (SMD) [28] und t-Tests bzw. Chi-Quadrat-Tests [19] durchgeführt, um potenzielle Unterschiede hinsichtlich der Kovariaten sowie weiterer soziodemografischer Charakteristika zwischen den beiden Substichproben geringfügig ungleicher Größe nachträglich auszuschließen.
Instrumente
Die objektive Belastung wurde über die Pflegezeit als durchschnittliche Stunden pro Tag erfasst. Sie inkludiert die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL, z. B. Anziehen), instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL, z. B. Zubereitung von Mahlzeiten) und Beaufsichtigung (z. B. Vermeidung gefährlicher Situationen).
Die subjektive Belastung wurde mit der Kurzversion der Häuslichen Pflege-Skala [9] erfasst. Höhere Summenwerte zeigen ein stärkeres Belastungserleben an.
Die Inanspruchnahme formeller („Haben Sie in den letzten 3 Monaten folgende Unterstützungsangebote genutzt?“) und informeller („Erhalten Sie zurzeit Hilfe von Angehörigen, Freund*innen, Bekannten bei der Unterstützung/Betreuung/Pflege“) Hilfen wurde mit je einem Item (Ja/Nein) erfragt. Für die Analyse der Inanspruchnahme wurden die formellen Angebote in 4 Kategorien [21] unterteilt: (1) Wissen & Befähigung, (2) Koordination & Organisation, (3) Austausch & Begleitung sowie (4) Auszeit & Regeneration und die Anzahl der durchschnittlich genutzten Angebote je Kategorie berechnet (Tab. 2). Zudem wurde das Nutzungsverhalten für ärztliche Dienstleistungen und Heilmittel/nichtmedikamentöse Versorgung erhoben.
Die Variablen zur Beschreibung der Stichprobe finden sich in Tab. 1. Das Zusatzmaterial online 1 beinhaltet alle Erhebungsinstrumente, inklusive Referenzen.
Tab. 1
Allgemeine Stichprobencharakteristika
Variable
Prä-Corona
N = 489
N (%)/M ± SD (Spannweite)
Post-Corona
N = 471
N (%)/M ± SD (Spannweite)
p1
Pflegende Person
Alter (in Jahren)
61,95 ± 12,68 (21–94)
62,37 ± 11,84 (24–93)
0,753
Geschlecht (weiblich)
380 (77,7)
359 (76,2)
0,753
Bildungsgrad
Kein Schulabschluss
1 (0,2)
5 (1,1)
0,250
Hauptschule
181 (37,0)
159 (33,8)
Realschule/Mittlere Reife
210 (42,9)
202 (42,9)
(Fach‑)Abitur/Fachhochschulreife
50 (10,2)
41 (8,7)
(Fach‑)Hochschulabschluss
47 (9,6)
64 (13,6)
Erwerbstätigkeit (Ja)
249 (50,9)
242 (51,4)
0,934
Verwandtschaftsverhältnis zur gepflegten Person (Er/Sie ist mein*e …)
Partner*in
143 (29,2)
110 (23,3)
0,224
(Schwieger‑)Elternteil
305 (62,4)
313 (66,5)
Sonstige
41 (8,4)
48 (10,2)
Gepflegte Person
Alter (in Jahren)
82,42 ± 7,10 (65–99)
83,04 ± 7,19 (65–102)
0,340
Geschlecht (weiblich)
380 (77,7)
303 (64,3)
0,480
Ursache der Pflegebedürftigkeit 2
Demenz
176 (36,0)
154 (32,7)
0,468
Schlaganfall
70 (14,3)
63 (13,4)
0,828
Altersgebrechlichkeit
278 (56,9)
294 (62,4)
0,203
Krebs
66 (13,5)
63 (13,4)
0,956
Sonstige
178 (36,4)
187 (39,7)
0,469
Pflegegrad
0
111 (22,7)
115 (24,4)
0,862
1
62 (12,7)
60 (12,7)
2
170 (34,8)
172 (36,5)
3
96 (19,6)
86 (18,3)
4
50 (10,2)
38 (8,1)
Pflegesituation
Zusammenleben (Ja)
255 (52,1)
222 (47,1)
0,250
Pflege weiterer Personen (Ja)
35 (7,2)
83 (17,6)
<0,001
Beziehungsqualität zur gepflegten Person
Positiv
287 (58,7)
283 (60,1)
0,934
Neutral
176 (36,0)
169 (35,9)
Negativ
22 (4,5)
19 (4,0)
Einschätzung der Pflegesituation (1=negativ bis 10=positiv)
4,64 ± 2,07 (1–10)
5,67 ± 2,14 (1–10)
<0,001
Zurechtkommen mit der Pflegesituation
(1=gelingt mir gar nicht bis 10=gelingt mir vollständig)
3,99 ± 2,02 (1–10)
6,46 ± 2,08 (2–10)
<0,001
Signifikante p-Werte in Fett.
1 α‑Fehler-Korrektur nach Benjamini-Hochberg
2 Mehrfachnennungen möglich
Statistische Analysen
Die statistischen Analysen wurden mit IBM SPSS Version 28 (α = 0,05) und die Balanceprüfung des Propensity Score-Matching mit R Statistics 4.5.0 (Schwellenwert 0,1) durchgeführt. Zur Bestimmung der Gruppenunterschiede wurden für kategoriale Variablen χ2-Tests, Exakte Tests nach Fisher (Zellhäufigkeiten < 5) und für metrische Variablen t-Tests, bei Varianzinhomogenität Welch-Tests und bei Vorhandensein extremer Ausreißer (> 2,5facher Interquartilsabstand) nichtparametrische Mann-Whitney-U-Tests gerechnet. Effektstärken wurden mittels Cramers V (klein: 0,1, mittel: 0,3, groß: 0,5) und Cohens d (klein: 0,2, mittel: 0,5, groß: 0,8) bzw. η2 (klein: 0,02, mittel: 0,13, groß: 0,26) angegeben [6].
Ergebnisse
Allgemeine Charakteristika
Die präpandemische Stichprobe umfasste N = 489 und die postpandemische N = 471 iPP. Die Balanceprüfungen zeigten, dass keine SMD der Kovariaten den Schwellenwert überstieg und keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der allgemeinen Charakteristika der iPP existierten. Es kann von einem gelungenen Matching ausgegangen werden (Tab. 1, Zusatzmaterial online 2).
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Nach der Pandemie wurden die Pflegesituation und das Zurechtkommen mit dieser signifikant positiver eingeschätzt und signifikant häufiger eine weitere Person gepflegt (Tab. 1).
Postpandemische Veränderung
Objektive Belastung
Auch nach der Pandemie waren ca. 30,0 % aller IPP mit mehr als 10 Stunden Pflege/Tag hoch belastet (Abb. 1). Dennoch zeigte sich, dass die objektive Belastung nach der Pandemie signifikant geringer war, v. a. im Bereich der ADL (Tab. 2). War vor der Pandemie ein Drittel der iPP durch mehr als 10 Pflegestunden/Tag hoch belastet, so war dieser Wert postpandemisch um ca. 4,0 % geringer. Der Anteil derjenigen, die mit weniger als 5 Stunden/Tag pflegten, war postpandemisch fast 10,0 % höher. Der Anteil der sehr stark Belasteten, die mehr als 15 h/Tag pflegten, war postpandemisch ca. 5,0 % geringer (Abb. 1).
Abb. 1
Postpandemische Veränderungen der objektiven Pflegebelastung (1SP „Selbstpflege“, z. B. Körperpflege, Nahrungszubereitung etc.), min. 2,5 h; 2angelehnt an [11]; N/n65+ bzw. N/n65− Anzahl informell pflegender Personen im nichterwerbsfähigen (≥ 65 Jahre) bzw. erwerbsfähigen (< 65 Jahre) Alter
2V Cramers V, d Cohens d bei parametrischem bzw. η2 Eta-Quadrat bei nichtparametrischem Test
3 Anzahl durchschnittlich genutzter formeller Angebote je Kategorie
4 Mann-Whitney-U-Test, da extreme Ausreißer (> 2,5facher Interquartilsabstand)
Subjektive Belastung
Die erlebte Belastung war nach der Pandemie nicht signifikant höher als vor der Pandemie. Mehr als zwei Drittel der iPP fühlten sich postpandemisch hoch bis sehr hoch belastet (Abb. 2).
Abb. 2
Postpandemische Veränderungen der subjektiven Pflegebelastung (Einteilung nach Pendergrass et al. [18])
IPP beanspruchten nach der Pandemie signifikant mehr informelle Hilfe durch Zugehörige (Tab. 2).
Inanspruchnahme formeller Hilfen
Es wurden signifikant mehr formelle Angebote genutzt, v. a. aus den Kategorien „Wissen & Befähigung“ und „Koordination & Organisation“ (Tab. 2).
Inanspruchnahme spezifischer formeller Angebote
Nach der Pandemie wurden die Angehörigenberatung (p < 0,001, V = 0,21), Haushaltshilfen (p = 0,002, V = 0,12), der Betreuungsdienst (p = 0,046, V = 0,08), die ärztliche Versorgung (p < 0,001, V = 0,46) und Heilmittel (p < 0,001, V = 0,17) signifikant häufiger genutzt (Abb. 3). Alle Effektstärken waren klein, mit Ausnahme eines großen Effekts bei der ärztlichen Versorgung.
Ziel der Studie war es, die Pflegebelastung sowie die Inanspruchnahme formeller Hilfen durch iPP vor und nach der Pandemie zu vergleichen, um zu prüfen, inwiefern die hohe Belastung und die unzureichende Inanspruchnahme formeller Angebote postpandemisch persistieren.
Es konnte gezeigt werden, dass die objektive Belastung, v. a. im Bereich der ADL, geringer war, iPP jedoch auch nach der Pandemie hoch belastet sind. Die subjektive Belastung blieb hoch. Die Pandemie bedingte kurzzeitige Belastungsspitzen [2, 24, 27]. Die generell hohe Belastungssituation scheint jedoch ursächlich stärker in der Pflegesituation selbst begründet zu liegen [10]. Die Inanspruchnahme formeller Angebote war bei einzelnen Angeboten (v. a. Angehörigenberatung, Haushaltshilfe, Betreuungsdienst, der ärztlichen Versorgung und der Heilmittel) postpandemisch höher. Sie zeigte sich jedoch insgesamt über alle Angebote hinweg, mit Ausnahme des ambulanten Pflegedienstes, der Haushaltshilfe sowie der ärztlichen Versorgung und Heilmittel, auf einem niedrigen Niveau.
Allgemeine Charakteristika
Die Entstehung der Stichproben auf Basis einer bayernweiten, unselektierten Verteilung von Befragungsunterlagen durch den MD sowie deren Größe (jeweils n > 400) legt nahe, dass eine Abbildung der Situation der gesetzlich Pflegeversicherten und ihrer iPP in Bayern gelungen ist. Die bayernspezifischen Stichproben ähneln hinsichtlich soziodemografischer Charakteristika der iPP tendenziell denjenigen deutschlandweiter Befragungen während der Pandemie [4]. Eine gesamtdeutsche Generalisierung der Ergebnisse, auch für iPP von pP mit Pflegegrad 5, sollten zukünftige Studien prüfen.
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Objektive und subjektive Belastungen
Auch nach der Pandemie waren fast 30,0 % aller und ca. 25 % der iPP im erwerbsfähigen Alter mit mehr als 10 Pflegestunden/Tag hoch objektiv belastet. Da mindestens 2,5 h am Tag zur Selbstpflege (z. B. Körperpflege) und mindestens 6,5 h für Schlaf [11] aufgewendet werden müssen, verblieben den iPP 5 oder weniger Stunden für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit, die Versorgung der eigenen Kernfamilie oder für Freizeitaktivitäten. Dies gefährdet den Verbleib jüngerer iPP in der Erwerbstätigkeit [20]. Zudem hängt die hohe objektive Belastung auch mit dem subjektiven Belastungserleben zusammen, das sich nach der Pandemie bei mehr als zwei Dritteln der iPP als hoch bis sehr hoch erwies. Anhaltend hohes Belastungserleben steigert das Risiko für physische und psychische Gesundheitsrisiken der iPP [18], was im Übergang der pP in die stationäre Langzeitpflege resultieren kann. Subjektiv hoch belastete iPP können eine starke Tendenz zu dysfunktionalen Coping-Strategien aufweisen, etwa dem vermehrten Konsum schädlicher Substanzen [7]. Häufig zeigen sich bei iPP in der Folge psychosomatische Symptome [16].
Dennoch war die objektive Pflegebelastung postpandemisch signifikant geringer, was sich hauptsächlich auf weniger Pflegestunden der iPP im nichterwerbsfähigen Alter in der postpandemischen Erhebung (Abb. 1) zurückführen lässt, wobei weniger körpernahe ADL ausgeübt wurden bei gleichbleibendem Pflegebedarf und fast gleicher Nutzung des ambulanten Pflegedienstes. Dies ging einher mit dem scheinbar gegenteiligen Trend der signifikanten Zunahme der Pflege weiterer Personen, wobei die gleichzeitige signifikante Zunahme informeller Hilfe durch Zugehörige als potenzieller Belastungsausgleich diskutiert werden kann.
Inanspruchnahme formeller Hilfen
Abgesehen von einer erhöhten Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen und Heilmittel, die auf potenzielle Nachholeffekte nach den pandemischen Kontaktbeschränkungen hinweisen könnte, war die Nutzung der meisten formellen Angebote auch nach der Pandemie weiterhin gering. Die Inanspruchnahme der Dienste der Kategorie „Wissen & Befähigung“ stieg signifikant an, wobei die Angehörigenberatung nach der Pandemie 3‑mal häufiger genutzt wurde. Insgesamt nutzte jedoch nur ca. ein Fünftel aller iPP ein entsprechendes Angebot. Dabei besitzt die Angehörigenberatung eine zentrale „Schlüsselfunktion“ für die Ermittlung des Unterstützungsbedarfs und die Vermittlung der iPP an passgenauer Unterstützungsangebote [8]. Der deutliche Anstieg der Inanspruchnahme der Angehörigenberatung könnte durch den zunehmenden Ausbau der Pflegestützpunkte, gezielte Förder- und Fachprogramme in Bayern und durch eine Aufklärungskampagne des MD verursacht worden sein, die ab 2020 iPP über die kostenfreie Nutzung informierte.
Auch Angebote der Kategorie „Koordination & Organisation“ wurden nach der Pandemie häufiger genutzt, Haushaltshilfe sogar signifikant häufiger. Maßnahmen wie die Erhöhung des Entlastungsbetrags (§ 45b SGB XI), der z. B. die Finanzierung einer Haushaltshilfe unterstützt, könnten zur Steigerung der Inanspruchnahme beigetragen haben. V. a. Finanzierungsunsicherheiten gelten als einer der Hauptgründe der Nichtinanspruchnahme [3]. Hier besteht weiterer Handlungsbedarf.
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Zusammenfassend
Obwohl sich auch nach der Pandemie zwei Drittel der iPP hoch belastet fühlen, wurden postpandemisch die Pflegesituation sowie das Zurechtkommen mit dieser signifikant positiver eingeschätzt. Dies könnte bedingt sein durch die signifikante Zunahme der Inanspruchnahme informeller Hilfe. Soziale Unterstützung kann einen positiven Einfluss auf das Belastungserleben haben und stellt einen Resilienzfaktor dar [15].
Insgesamt zeigt sich, dass zahlreiche formelle Angebote, z. B. im Bereich „Auszeit und Regeneration“, auch nach der Pandemie wenig genutzt werden. Grund könnte sein, dass weiterhin eine systematische Information aller iPP sowie eine Koordination der Angebote fehlt [16]. Im Sinne eines Case-Management-Ansatzes, wie in den Pflegeberatungsrichtlinien für die Pflegeberatung nach §7a SGB 11 vorgesehen (Zusatzmaterial online 3), könnten Anreize für bestehende Versorgungsstrukturen zur generellen Weitervermittlung formeller Angebote an iPP geschaffen werden. Auch Hausärzt*innen könnten als vermittelndes Bindeglied [16], wie in der S3-Leitlinie „Pflegende Angehörige von Erwachsenen“ [14] empfohlen, fungieren.
Limitationen
Aufgrund der Nichtvorhersehbarkeit der COVID-19-Pandemie konnte für den Prä-Post-Pandemie-Vergleich nicht dieselbe Stichprobe rekrutiert werden. Um die Vergleichbarkeit bestmöglich zu gewährleisten, wurden das gleiche Studiendesign gewählt und ein Propensity Score-Matching mit Balanceprüfungen durchgeführt. Selektionseffekte können nicht vollständig ausgeschlossen werden, insbesondere da die Rücklaufquoten nicht gleich waren.
Es kann keine Aussage über potenziell wohnortbedingte Unterschiede bei der Inanspruchnahme formeller Hilfen getroffen werden.
Alle Informationen basieren auf Selbstberichten der iPP von pP mit den Pflegegraden 0 bis 4 und unterliegen bekannten Antworttendenzen. Es können keine Aussagen über iPP von pP mit Pflegegrad 5 getroffen werden.
Da es dem MD nach endgültiger Aufhebung der Ausnahmeregelung der Pflegebegutachtung nach § 147 SGB XI im Rahmen sinkender Infektionszahlen wieder möglich war, Hausbesuche im persönlichen Kontakt durchzuführen, wird der Zeitraum der Gültigkeit der Ausnahmeregelung vom 28.03.2020–01.07.2022 als Pandemiezeitraum definiert – ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
Fazit für die Praxis
Bei dem auch postpandemisch beobachteten, hohen objektiven und subjektiven Belastungsniveau besteht die Gefahr, dass viele iPP physisch und psychisch erkranken. Dem sollte präventiv entgegengewirkt werden, um häusliche Pflege und Erwerbstätigkeit eines Teils der iPP in Zukunft zu sichern.
Angesichts der auch postpandemisch relativ niedrigen Inanspruchnahme sind gezielte Aufklärungskampagnen zu formellen Angeboten für iPP notwendig. Ergänzend könnte ein Case-Management-Ansatz zur Steigerung der Inanspruchnahme formeller Angebote beitragen. Beratungsstellen sollten z. B. wiederholte Kontakte als Beratungsserie ermöglichen, um eine fallgestaltende Prozessbegleitung und die flexible Anpassung von Maßnahmen an sich verändernde Bedarfe zu fördern.
Pflegepolitisch sollten Geldleistungen der Pflegeversicherung für formelle Angebote flexibler und stärker bedarfsgerecht eingesetzt werden.
Danksagung
Die Autor*innen bedanken sich bei der G. und I. Leifheit-Stiftung und der Reinhard Frank-Stiftung für die Förderung der Studie, bei allen teilnehmenden pflegenden Zu- und Angehörigen für die Beantwortung des Fragebogens, bei den Gutachter*innen des MD Bayern für die Verteilung der Fragebogen sowie bei unseren studentischen Hilfskräften Frederike Bürner und Banu Güner für die tatkräftige Unterstützung.
Förderung
Die Studie „Benefits of Being a Caregiver“ wurde durch die G. und I. Leifheit Stiftung und die Studie „Fortschritt in der häuslichen Pflege (Progression in home care; ProCare)“ wurde durch die Reinhard Frank-Stiftung gefördert.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
A. Pendergrass, E. Graessel, A. Kratzer, P. Scheerbaum, O.-T. Henßler, M. Heckel und N. Lauer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Alle beschriebenen Studien am Menschen wurden mit Genehmigung der zuständigen Ethikkommission durchgeführt, in Übereinstimmung mit nationalem Recht und der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbeiteten Fassung). Die Genehmigung für die Studien und das Verfahren zur Einholung der Zustimmung wurde von der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen erteilt (Registrierungsnummer 220_20B für die Studie „Benefits of Being a Caregiver“ und 20-220_2‑B für die Studie „Fortschritt in der häuslichen Pflege [Progression in home care; ProCare]“).
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Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Hohe Belastung und geringe Inanspruchnahme von Hilfen als anhaltendes Problem für informell Pflegende nach der COVID-19-Pandemie
Häusliche Pflege für ältere chronisch pflegebedürftige Menschen
Verfasst von
Anna Pendergrass
Elmar Graessel
André Kratzer
Petra Scheerbaum
Oliver-Timo Henßler
Maria Heckel
Natascha Lauer, M.Sc. Psychologie
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