Skip to main content

29.01.2024 | Hebammen | Online-Artikel

Sex und Schwangerschaft: Lust und Liebe im Wandel

Sexualität ist ein bedeutender Aspekt im Leben der meisten Paare. Das ändert sich auch nicht während einer Schwangerschaft oder nach einer Geburt. In Sachen Sex gibt es in dieser Zeit allerdings Vieles zu berücksichtigen: Etwa emotionale Schwankungen, die wenig Lust zulassen oder die Frage nach der richtigen Verhütungsmethode.

Die Entwicklung der menschlichen Sexualität wird durch biologische und psychologische Faktoren, aber auch durch den soziokulturellen Kontext wie Herkunft, Religion, Erziehung und andere Umweltbedingungen beeinflusst. So unterscheiden sich Menschen in ihrem sexuellen Erleben und haben unterschiedliche Bedürfnisse, Vorlieben und Einstellungen. Die Ausdrucksformen der Sexualität sind dementsprechend vielfältig. 

Ein Thema für Hebammen!

Ebenso individuell sind auch jede Schwangerschaft und das Lustempfinden in dieser Zeit. Das macht Sexualität auch zu einem relevanten Beratungsthema für Hebammen – immerhin zielt ihre Arbeit darauf ab, die Gesundheit von Frauen und Familien vor, während und nach einer Schwangerschaft zu fördern. Ob Aufklärung über hormonelle Veränderungen, Verhütungsberatung, Beckenbodentraining oder ein offenes Ohr bei Konflikten: Betrachtet man die vielfältigen Herausforderungen, denen sich Paare in Schwangerschaft und Wochenbett in Bezug auf ihre Sexualität stellen müssen, wird deutlich, dass die Hebamme viel tun kann, um das Paar zu unterstützen.

Sex während der Schwangerschaft

Viele Paare fragen sich, ob Sex während der Schwangerschaft überhaupt möglich ist. Sie haben Angst, durch den Geschlechtsverkehr Schmerzen auszulösen oder dem Kind zu schaden. Die Hebamme kann hier Entwarnung geben: Sex während einer normal verlaufenden Schwangerschaft ist in den meisten Fällen unbedenklich. Die Gebärmutter ist gut geschützt, so dass das Baby vor äußeren Einflüssen sicher ist. Bei bestimmten Schwangerschaftsrisiken kann es jedoch notwendig sein, auf Geschlechtsverkehr zu verzichten:

  • Vaginalinfekte
  • Infekte des Partners
  • Blutungen
  • Vorzeitige Wehen
  • Plazenta praevia
  • Komplikationen in früheren Schwangerschaften (z.B. Frühgeburten)
  • Anzeichen einer drohenden Frühgeburt (z.B. vorzeitiger Blasensprung, Schwäche des Muttermundes)
  • Mehrlingsschwangerschaften

Ein auf und ab: Libido und Sexualempfinden

Bestimmte körperliche Veränderungen während der Schwangerschaft können die Lust der Frau auf Sex steigern: So sorgen die Schwangerschaftshormone dafür, dass die Geschlechtsorgane stärker durchblutet werden. Ihre Vulva wird dadurch empfindlicher. Außerdem produziert der Körper mehr Scheidensekret, was die Gleitfähigkeit in der Scheide erhöht. Auch die Brustwarzen reagieren sensibler auf Zärtlichkeiten.
All dies kann allerdings auch dazu führen, dass Berührungen der Genitalien oder der Brüste als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden. Auch zunehmend eingeschränkte Beweglichkeit und Veränderung des Körpers können für Unwohlsein sorgen. Ob die körperlichen Veränderungen die Libido stärken oder schwächen, ist von Frau zu Frau unterschiedlich - und kann sich im Laufe der Schwangerschaft auch wieder ändern.

Viele Männer finden ihre Partnerin während der Schwangerschaft mindestens genauso attraktiv wie zuvor. Es gibt aber auch Gründe, warum bei werdenden Vätern der Wunsch nach Sex mit der schwangeren Partnerin in den Hintergrund treten kann. Neben der unbegründeten Angst, dem ungeborenen Kind zu schaden, kann die Aussicht auf die Vaterschaft und die neue Verantwortung den werdenden Vater in der ersten Zeit verunsichern.

Nach der Geburt: Wann kommt die Lust (zurück)?

Wie während der Schwangerschaft, ist es auch nach der Geburt wichtig, dass die Partner miteinander über ihre sexuellen Bedürfnisse und Gefühle sprechen - denn wann und wie diese ausgelebt werden wollen, ist absolut verschieden. Jede*r muss erst in seine neue Rolle hineinwachsen, egal ob Mutter oder Vater.
Frauenärztinnen und -ärzte empfehlen, zumindest mit dem ungeschützten vaginalen Geschlechtsverkehr bis zum Versiegen der Lochien zu warten. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Gebärmutter jedoch noch sehr anfällig für Infektionen. Kondome helfen, den weiblichen Unterleib zu schützen. Für den Mann ist der Wochenfluss nicht gefährlich und auch nicht ansteckend.

© supersizer / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)Aus zwei mach drei: Nach einer Geburt ist es normal, dass die Sexualität eines Paares in den Hintergrund rückt.


Wann Sex wieder möglich ist und ab wann er beiden Partnern wieder Spaß macht, sind zwei verschiedene Dinge – denn dass die meisten Mütter unmittelbar nach der Geburt wenig Interesse an Sex haben, ist auch hormonell bedingt. Nach der Geburt sinkt der Östrogenspiegel. Beim Stillen wird das Bindungs- und Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet. Es ist das gleiche Hormon, das auch am weiblichen Orgasmus beteiligt ist. Die Folge für viele Frauen: Streicheln ist schön, aber Sex kann warten. Auch das Hormon Prolaktin, das für die Milchproduktion verantwortlich ist, wirkt sich hemmend auf die sexuelle Lust aus.

Für viele Frauen fühlt sich Sex nach einer Geburt zudem anders an als vorher. Eine im wahrsten Sinne des Wortes tragende Rolle spielt dabei die Gesundheit des Beckenbodens, die sich direkt auf das sexuelle Empfinden der Frau auswirken kann. Der Beckenboden schließt das Becken nach unten ab, trägt und stützt die inneren Organe und ermöglicht so eine aufrechte Haltung. Er sorgt dafür, dass die Schließmuskeln von Blase und Darm funktionieren und trägt zu einer lustvollen Sexualität bei. Viele Frauen bemerken nach der Geburt, dass ihr Beckenboden durch die starke Belastung geschwächt ist. Beginnt die Wöchnerin (zunächst unter Anleitung der Hebamme) frühzeitig mit einer achtsamen und individuellen Beckenbodenarbeit, wird die Regeneration der jungen Mutter gefördert und damit auch das lustvolle Erleben von Sexualität unterstützt.

Lust ja, aber …

Es gibt Situationen, in denen Frauen nach der Entbindung auf Geschlechtsverkehr verzichten sollten. Auf keinen Fall darf der Sex nach der Geburt Schmerzen verursachen. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Körper noch Ruhe braucht. Auch nach einer Operation sollten Frauen warten: Ein Kaiserschnitt hinterlässt eine tiefe Wunde. Nicht nur die oberste Hautschicht, sondern auch Muskeln, Bindegewebe und die Gebärmutter werden durch den Schnitt geöffnet. Für die Wundheilung nach einer Sectio braucht der Körper mindestens drei Wochen Zeit, oft aber auch länger. Förderlich sind dabei Ruhe, Luft und Wärme, Druck- und Zugentlastung und eine gute persönliche Hygiene. Durch starke Belastungen kann die Narbe aufreißen. Das Gleiche gilt für einen Dammriss, der mit einer Naht geschlossen wurde. Wenn der Damm geschwollen ist, kann das ebenfalls ein Grund sein, mit dem Geschlechtsverkehr zu warten.

Verhütung nach der Geburt

Unmittelbar nach der Geburt ist die Fruchtbarkeit vermindert. Das macht Verhütung aber nicht überflüssig. Die Frage nach einer sicheren Verhütungsmethode sollte nach der Schwangerschaft neu überdacht werden. Gerade in der Stillzeit werden besondere Anforderungen an ein Verhütungsmittel gestellt: Es muss sicher und zuverlässig sein, darf die Milchproduktion und -qualität nicht beeinflussen und keine schädlichen Auswirkungen auf das Baby haben.

Wann die erste Regelblutung nach der Geburt einsetzt, hängt wesentlich davon ab, ob gestillt wird oder nicht - doch dass Stillen eine zuverlässige Verhütungsmethode darstellt, ist ein Mythos. Junge Eltern sollten darüber aufgeklärt werden. Stillt eine Mutter ihr Baby voll, das heißt, legt sie es regelmäßig alle vier Stunden an, auch nachts, produziert der Körper große Mengen des milchbildenden Hormons Prolaktin. Es hemmt die Reifung der Eizellen, der Eisprung bleibt aus und die erste Regelblutung lässt auf sich warten. Doch schon kleine Verzögerungen im Stillrhythmus senken den Prolaktinspiegel, die Eierstöcke nehmen ihre eigentliche Funktion wieder auf und eine Blutung ist wieder möglich - ebenso wie eine Schwangerschaft. Zur Sicherheit empfiehlt es sich, auch während der Stillzeit zusätzlich zu verhüten.

Die verschiedenen Methoden können Paare bei der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung mit ihrem Frauenarzt oder ihrer Frauenärztin besprechen. Auch Hebammen können Paare bei einem der letzten Wochenbettbesuche zur Verhütung proaktiv beraten. Meist kennen sie die Lebenssituation des Paares bereits und haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, was es dem Paar erleichtert, sich zu öffnen.

Emotionale Aspekte: Der richtige Umgang mit Unlust und Frust

Austausch und Respekt hinsichtlich der Wünsche und Gefühle des Partners können dazu beitragen, eine gesunde und befriedigende sexuelle Beziehung während der Schwangerschaft und nach der Geburt aufrechtzuerhalten – oder zumindest durch eine offene Kommunikationskultur Intimität zu schaffen und sich so nahe zu bleiben.
Nicht nur die Wöchnerin hat mit physiologischen Veränderungen, Hormonschwankungen und möglichen Ängsten zu kämpfen. Auch der Partner oder die Partnerin steht in dieser Zeit der Veränderung vor Herausforderungen. Mangelnde Erholung und Dauerstress belasten die Paar- und Elternschaft und gefährden das familiäre Bindungsgefüge. Wenn sich negative Gefühle häufen, ist es notwendig, das normale Gefühlschaos von den Symptomen einer Wochenbettdepression zu unterscheiden. Offene Gespräche zwischen den Partnern und gezielte Interventionen sind unerlässlich, um Verständnis und Unterstützung zu fördern und Probleme frühzeitig zu lösen. Eltern sollten durch Fachkräfte motiviert werden, sich aktiv Unterstützung zu holen und professionelle Angebote anzunehmen.

Manchmal macht eine Schwangerschaft auch Konflikte und Abneigungen sichtbar, die bisher unausgesprochen waren. Vor allem wenn es sich um das erste gemeinsame Kind handelt, bekommt die Partnerschaft durch die gemeinsame Verantwortung eine Verbindlichkeit, die vorher vielleicht noch nicht so empfunden wurde. Es kann auch sein, dass Zweifel an der Verlässlichkeit des Partners/ der Partnerin aufkommen. Wenn der Gedanke an die künftige gemeinsame Familie und die neue Elternrolle nicht Vorfreude, sondern wachsendes Unbehagen hervorruft, können sich diese mitunter verdrängten Meinungsverschiedenheiten auch in sexuellem Desinteresse oder Ablehnung äußern.

Auch wenn es schwerfallen mag: Bei Konflikten hilft es nur, die eigenen Gefühle zu reflektieren und offen mit dem oder der Partner*in zu sprechen. Wenn dies nicht gelingt oder die Probleme unlösbar erscheinen, kann es hilfreich sein, sich an eine unbeteiligte dritte Person zu wenden. Hier kann die Hebamme helfen, indem sie bei den typischen Konfliktthemen nach einer Schwangerschaft vermittelt. Gehen die Konflikte über normale Unstimmigkeiten hinaus, kann es sinnvoll sein, eine professionelle Paarberatung in Anspruch zu nehmen - nicht nur zur Stabilisierung der Paarbeziehung, sondern auch zum Wohle des Kindes.

Die Rolle der Hebamme

Versteht man das sexuelle Wohlbefinden gemäß der WHO als integralen Bestandteil der allgemeinen Gesundheit, ergibt sich für Hebammen die Verantwortung, sich mit Fragestellungen rund um Sexualität auseinanderzusetzten: Etwa im direkten Kontakt mit Klient*innen, im Dialog mit Kolleg*innen und innerhalb der Berufsverbände, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene – beispielsweise, indem sich Hebammen für Aufklärung und Enttabuisierung einsetzen.
Trotz der Bedeutung der Sexualität für Gesundheit und Wohlbefinden wird eine offene Kommunikation darüber in der täglichen Praxis der Hebammen noch zu oft vermieden. Eine Weiterentwicklung der Hebammenausbildung zum Themenfeld Sexualität könnte in Zukunft dazu führen, dass Hebammen sexuelle Themen im Arbeitsalltag häufiger proaktiv thematisieren. Gelingt dies, können Hebammen wesentlich zum Abbau von Scham und Hemmungen beitragen. Sexualität wird so von einem Tabuthema, das gerne vernachlässigt wird, zu einem vielfältigen Kompetenzfeld für Hebammen. (jr)

Download – Wissenswertes aus der Forschung 

Über Sex gibt es viel zu wissen. Entsprechend breit gefächert ist das Forschungsfeld. Damit Sie auf dem aktuellen Stand sind, haben wir ausgewählte Studienergebnisse rund um die schönste Nebensache der Welt zusammengefasst. „Sexualität kompakt“ aus der aktuellen HebammenWissen 1/24 finden Sie hier – aktuell frei verfügbar.

"Sexualität Kompakt" als PDF

Literatur

Frauenärzte im Netz: Sexualität https://www.frauenaerzte-im-netz.de/koerper-sexualitaet/sexualitaet/ (Letzter Zugriff: 24.01.2023)

Frauenärzte im Netz: Sex nach der Geburt (https://www.frauenaerzte-im-netz.de/koerper-sexualitaet/sexualitaet/sex-nach-der-geburt/)

familienplanung.de: Sex in der Schwangerschaft: Erlaubt ist, was gefällt – und nicht schadet https://www.familienplanung.de/schwangerschaft/sex-in-der-schwangerschaft/ (Letzter Zugriff: 24.01.2023)

World Health Organisation (2020) Sexual health. https://www.who.int/teams/sexual-and-reproductive-health-and-research/key-areas-of-work/sexual-health/defining-sexual-health (Letzter Zugriff: 24.01.2023)

Geuens S, Polona Mivšek A, Gianotten W. (2023) Midwifery and Sexuality. Springer

Frauengesundheitsportal: Was ist sexuelle Gesundheit? https://www.frauengesundheitsportal.de/themen/sexuelle-gesundheit/was-ist-sexuelle-gesundheit/ (Letzter Zugriff: 24.01.2023)

Profamilia: Verhütung nach der Geburt https://www.profamilia.de/themen/eltern-sein/verhuetung-nach-der-geburt (Letzter Zugriff: 24.01.2023)

Eidt C (2024) Was Sie schon immer über Sex wissen sollten .... HebammenWissen 5(1), 10–13. https://doi.org/10.1007/s43877-023-0847-5

Kerlen-Petri K (2024) Let‘s talk about Sex. HebammenWissen 5(1), 14–16. https://doi.org/10.1007/s43877-023-0844-8

Jellouschek-Otto, B (2024) Liebesleben auf dem Prüfstand. HebammenWissen 5(1), 17–21. https://doi.org/10.1007/s43877-023-0849-3

Borchard, C (2023) Tränen, Trauer und Turbulenzen. HebammenWissen 4(5), 10–15. https://doi.org/10.1007/s43877-023-0807-0

Tacke L (2023) Beckenbodentraining: Sanft zur stabilen Mitte. HebammenWissen 4(5), 16–19. (2023). https://doi.org/10.1007/s43877-023-0811-4

Morland B (2023) Gut versorgt nach Sectio. HebammenWissen 4(1), 14–16. https://doi.org/10.1007/s43877-022-0724-7