Präsentismus im Berufsalltag Arbeiten mit Krankheit zehrt an den Kräften – und zwar länger als gedacht
- 11.11.2025
- Gesundes Arbeiten
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Trotz Krankheit zu arbeiten ist für viele normal. Auf lange Sicht schadet das der Leistungsfähigkeit. Eine deutsch-niederländische Studie zeigt: Ohne richtige Erholungsphasen bleibt die Erschöpfung deutlich länger bestehen, als viele denken.
Gerade in der Erkältungssaison gehen viele Beschäftigte krank zur Arbeit - aus Pflichtgefühl, wegen Zeitdrucks oder um das Team nicht im Stich zu lassen. Besonders in sozialen Berufen wie der Pflege lässt sich das häufig beobachten. Doch dieses Verhalten, bekannt als „Präsentismus“, hat Folgen: Forschende der Technischen Universität Chemnitz, der Universität Groningen und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zeigen, dass die Belastung, die durch Arbeiten trotz Krankheit entsteht, deutlich nachhaltiger ist als bisher angenommen.
Erschöpfung hält über Wochen an
In einer 16-wöchigen Tagebuchstudie mit 123 Berufstätigen untersuchten die Forschenden um Dr. Carolin Dietz von der TU Chemnitz, welche kurz- und mittelfristigen Folgen Präsentismus für die Erholung hat. Die Teilnehmenden berichteten wöchentlich, ob sie trotz Krankheit gearbeitet hatten und wie erschöpft sie sich fühlten.
Das Ergebnis: In den Wochen, in denen Beschäftigte krank zur Arbeit gingen, stieg ihr Erschöpfungsniveau deutlich – und blieb auch danach über mehrere Wochen erhöht. „Wer krank arbeitet, braucht wesentlich länger, um sich zu regenerieren“, erklärt Dietz. „Unsere Daten zeigen, dass sich Erschöpfung nach solchen Phasen nur langsam über mehrere Wochen hinweg abbaut.“
Etwa zwei Drittel der Teilnehmenden gaben an, mindestens einmal während des Studienzeitraums krank gearbeitet zu haben. Besonders stark betroffen waren jene, die mehrfach Präsentismus zeigten. Wer Präsentismus regelmäßig zeigt, läuft Gefahr, in eine Spirale aus Überforderung und dauerhafter Erschöpfung zu geraten“, warnt Co-Autor Dr. Oliver Weigelt von der Universität Groningen.
Auswirkungen auf Betriebe und Gesundheitsschutz
Um sicherzustellen, dass die beobachteten Effekte tatsächlich durch das Arbeiten trotz Krankheit entstehen, berücksichtigte das Forschungsteam weitere Faktoren wie Krankheitssymptome, Arbeitsbelastung und Zeitdruck. „Die Erschöpfung ist nicht allein eine Folge der Krankheit, sondern vor allem des Verhaltens, trotzdem weiterzuarbeiten“, betont Prof. Dr. Christine Syrek von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Für das betriebliche Gesundheitsmanagement liefert die Studie wichtige Hinweise. „Präsentismus kann kurzfristig sinnvoll erscheinen, führt aber mittelfristig zu Leistungsabfall und höheren Belastungskosten“, fasst Prof. Dr. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz zusammen. Unternehmen sollten Mitarbeitende daher ausdrücklich ermutigen, sich bei Krankheit auszukurieren, nicht nur, um Ansteckungen zu vermeiden, sondern um langfristige Erschöpfung zu verhindern. „Ausruhen ist keine Schwäche, sondern eine Investition in nachhaltige Leistungsfähigkeit“, so Meyer. (jr)
tu-chemnitz.de
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