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05.12.2019 | Gerontopsychiatrie | Nachrichten

Demenz-Patienten: Wenn die Fußmattenfarbe Panik auslöst

Autor:
Anno Fricke

Schon einfache Veränderungen im Alltag von Demenz-Patienten könnten helfen, ihnen die Einnahme eines Psychopharmakons zu ersparen, betont der Medizinische Dienst der Kassen in seinem neuen Praxisleitfaden.

Wenn die Fußmatte Panik auslöst © sv_production / stock.adobe.comQuelle der Angst: Für Patienten mit Demenz kann bereits eine schwarze Fußmatte vor der Zimmertür Agitiertheit auslösen.
© sv_production / stock.adobe.com

Als zentrale gesundheits- und pflegepolitische Aufgabe haben Vertreter des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbands der Krankenkassen (MDS) am Donnerstag in Berlin die umfassende Versorgung von Menschen mit einer Demenz bezeichnet. Nicht-medikamentöse Verfahren in der Demenztherapie sollten dabei an Boden gewinnen.

Mit einem aktualisierten Praxisleitfaden will der MDS Hausärzte, Neurologen, Ergo- und Physiotherapeuten sowie die Pflegekräfte und -berater für eine sektorenübergreifende Versorgung von demenzkranken Menschen gewinnen. Ausweislich der Erkenntnisse der Medizinischen Dienste leben derzeit in Deutschland etwa 1,7 Millionen Menschen mit einer Demenz. Bis 2030, so die Prognose, könnten es zwei Millionen, bis 2050 knapp drei Millionen sein.

70 Prozent der Heimbewohner haben Demenz

„Wichtig ist die Koordination und Kooperation in der Diagnostik, Therapie und Pflege“, so MDS-Geschäftsführer Dr. Peter Pick bei der Vorstellung des neuen Praxisleitfadens. Demenz und andere gerontopsychiatrische Krankheiten seien die häufigsten Ursachen für den Umzug aus dem häuslichen Umfeld in eine stationäre Pflegeeinrichtung. Der Anteil von Heimbewohnern mit einer Demenz liege bei rund 70 Prozent.

Zur Erhaltung ihrer Lebensqualität sei die Behandlung oft mehrerer chronischer Erkrankungen besonders wichtig. Zudem sollten die höheren Risiken für Fehl- und Mangelernährung sowie Stürze, mögliche sturzbedingte Frakturen und Depressionen beachtet werden, sagte Pick.

Mehr Personal nötig

Die Gabe von Medikamenten sei wesentliches Element einer umfassenden Therapie. Dennoch gelte es, den Nutzen und die Risiken der Medikamentenversorgung, insbesondere bei längerfristigem Einsatz, in jedem Einzelfall sorgfältig abzuwägen und nicht-medikamentöse Alternativen zu prüfen. Hier kämen zum Beispiel Verfahren wie das Training kognitiver Funktionen und von Alltagsaktivitäten, Verfahren zur Beziehungsgestaltung und zur körperlichen Aktivierung infrage. Gerade bei demenztypischen psychischen Verhaltenssymptomen die Notwendigkeit der Gabe von psychotropen Medikamenten zu hinterfragen, hieß es bei der Veranstaltung des MDS.

„Wir müssen uns im Klaren sein, dass nicht-medikamentöse Verfahren personal- und zeitintensiv sind, sodass hier Fragen der Personalbemessung und -besetzung angesprochen sind“, sagte Pick.

Rund 240.000 Menschen mit einer Demenz würden mit Psychopharmaka behandelt, ohne dass den Ursachen ihrer psychischen Verhaltenssymptome auf den Grund gegangen worden sei, bekräftige Dr. Andrea Kimmel vom Team Pflege des MDS unter Bezug auf eine Untersuchung der Universität Bremen.

Einfache Veränderungen können helfen

Dabei könnten manchmal schon einfache Veränderungen im Alltag der betroffenen Menschen helfen, ihnen die Medikamenteneinnahme zu ersparen. Die Unsicherheit, nicht mehr zu wissen wer man ist oder wo man sich befinde, mache Demenzpatienten besonders verletzlich, so dass sie schon auf einfache Umgebungseinflüsse reagierten, erläuterte Kimmel. Und daraus resultierten dann oft auch die von Pflegekräften oder Krankenhauspersonal als „herausfordernd“ beschriebenen Verhaltensweisen wie ruheloses Umherlaufen, Aggressivität, lautes Rufen und Schreien.

Kimmel stellte ein Beispiel vor: Legt man vor das Zimmer eines Heimbewohners eine schwarze Fußmatte, dann kann es sein, dass dieser schreit und anfängt, Gegenstände in ihrem Zimmer umherzuwerfen. Denn ,die schwarze Matte könne suggerieren, dort befinde sich ein Abgrund und der Bewohner könne das Zimmer nicht mehr verlassen.

Standardlösungen gebe es nicht, sagte Kimmel weiter. Der Praxisleitfaden wolle aber der professionellen Pflege Mut machen, „Dinge auszuprobieren“.


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