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15. Gender Care Gap: Situation, Ursachen und Maßnahmen zur Verringerung

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Zusammenfassung
Die Mehrheit aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird nach wie vor von weiblichen An- und/oder Zugehörigen in der Häuslichkeit versorgt. Die Motivation zur Übernahme dieser Tätigkeit ist vielfältig, wobei emotionale Zuneigung, persönlich-moralische sowie soziale Verpflichtung am häufigsten genannt werden. Nicht nur die individuelle Motivation, sondern auch kontextuelle, wohlfahrtsstaatliche und kulturelle Faktoren beeinflussen die Entscheidung für oder gegen die häusliche Pflegeübernahme und münden im Gender Care Gap. Der Gender Care Gap, der Unterschied in der Übernahme häuslicher Pflege zwischen Männern und Frauen, variiert stark innerhalb Europas. Gleich ist in allen Ländern, dass mehr Frauen als Männer häusliche Pflege übernehmen. Die Schweiz und Schweden sind Länder mit geringer Ausprägung des Gender Care Gaps, während dieser in Luxemburg, Griechenland und Kroatien am höchsten ist. Deutschland liegt im Mittelfeld europäischer Länder, d.h. der Anteil der pflegenden Frauen ist etwas mehr als doppelt so hoch wie der der Männer. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass in Ländern, in denen die Ausgaben für Langzeitpflege höher sind, der Gender Care Gap geringer ist. Ebenso zeigt sich, dass in Ländern mit relativ geringer Lücke bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern der Gender Care Gap ebenfalls vergleichsweise geringer ausgeprägt ist.
In Germany, the majority of people in need of care are still cared for by female relatives in their own homes. The motivations for taking on this activity are diverse, with emotional affection, personal-moral commitment and social obligation most frequently mentioned. Not only individual motivation, but also contextual, welfare state and cultural factors influence the decision for or against providing long-term care at home and result in the gender care gap. The gender care gap, the difference taking over domestic care between men and women, varies greatly within Europe. However, in all countries more women than men provide long-term care at home. In Switzerland and Sweden, the gender care gap is less pronounced, while it is highest in Luxembourg, Greece and Croatia. Germany is in the middle range of European countries, i.e. the proportion of female carers is slightly more than twice as high as that of male carers. Current studies show that in countries where expenditure on long-term care is higher, the gender care gap is smaller. It also turns out that in countries with a relatively small gap in the labour market participation between women and men, the gender care gap is comparatively less pronounced.

15.1 Pflegebedürftige Menschen und pflegende An- und Zugehörige: Motivation für die Übernahme von Pflege und Verteilung zwischen den Geschlechtern

Von derzeit fünf Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden 84 % (4,17 Mio.) zu Hause und 16 % (0,79 Mio.) in Einrichtungen der vollstationären Langzeitpflege versorgt. Von den in der Häuslichkeit versorgten Menschen beziehen 2,55 Mio. ausschließlich Pflegegeld und werden durch Zu- und Angehörige betreut. Weitere 1,05 Mio. pflegebedürftige Menschen leben in Privathaushalten und werden zusammen mit oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt. Darüber hinaus nutzen weitere 560.000 Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1 zum Teil über Entlastungsleistungen landesrechtlicher Angebote (30.000). Laut Statistischem Bundesamt (2022) werden die übrigen 530.000 Pflegebedürftigen mit Pflegegrad 1 weder mit Leistungen von Pflegeheimen noch von ambulanten Diensten versorgt. Ob diese Personengruppe weitere Hilfeleistungen nutzt, ist der Pflegestatistik nicht zu entnehmen (Statistisches Bundesamt 2022). Ein Blick auf die Alters- und Geschlechtsverteilung zeigt, dass 79 % der pflegebedürftigen Menschen mindestens 65 Jahre alt sind und ein Drittel bereits 85 Jahre oder älter. Die Mehrheit (62 %) von ihnen ist weiblich (Statistisches Bundesamt 2022). Bekanntermaßen steigt mit zunehmendem Alter das Risiko, pflegebedürftig zu werden. In der Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen liegt die Pflegequote bei 9 % und bei den ab 90-Jährigen bereits bei 82 %.
Gemäß SOEP-Daten aus dem Jahr 2020 übernehmen mehrheitlich Frauen in Deutschland wöchentlich regelmäßig häusliche Pflegetätigkeiten (57,0 %). Knapp ein Drittel (31,6 %) der häuslich Pflegenden ist jünger als 50 Jahre, die Mehrheit ist zwischen 50 und 65 Jahre alt (45,7 %) und etwas mehr als ein Fünftel (22,8 %) ist mindestens 65 Jahre alt (Herrmann et al. 2023). Wird die geschlechtsspezifische Verteilung der Anteile des wöchentlichen Pflegeaufwandes von mindestens zehn Stunden in Deutschland betrachtet, zeigt sich eine Ungleichverteilung zu Ungunsten der pflegenden Frauen, und zwar über verschiedene Subgruppen hinweg (s. Table 15.1). Allgemein liegt unter den pflegenden Personen, die wöchentlich Pflegearbeiten von mindestens zehn Stunden leisten, der Anteil der Frauen bei 47,2 % (Männer 34,9 %). Der Anteil, der für die Pflege mindestens zehn Stunden in der Woche aufwendet, liegt bei den nichterwerbsfähigen Pflegenden noch etwas höher, jedoch im Geschlechtervergleich wieder bei den Frauen höher (52,2 % vs. 45,8 %). Unter den erwerbstätigen häuslich Pflegenden ist der Anteil der Frauen (39,1 %) im Vergleich zu den Männern (25,7 %), die den oben beschriebenen Pflegeaufwand betreiben, ebenfalls höher (Herrmann et al. 2023). Neben der Frage nach den Ursachen dieser Ungleichverteilung stellt sich auch die Frage nach der Motivation für die Übernahme der Pflege.
Tab. 15.1
Geschlechtsspezifische Aufteilung des Pflegeaufwandes bei Pflegenden, die wöchentlich regelmäßig pflegen; in %. (Quelle: nach Herrmann et al. 2023)
Charakteristika von Pflegenden nach Geschlecht
Alle
Erwerbsfähige
Nicht-Erwerbsfähige
Erwerbstätige
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Anteil mit Pflegeaufwand wöchentlich \({\geq}\) 10 h
47,2
34,9
45,4
29,7
52,2
45,8
39,1
25,7
Pflege-Report 2024

15.1.1 Motive der häuslichen Pflegeübernahme

Neben individuellen Motiven (Gräßel 2000; Kofahl 2008; Zwar et al. 2023) werden kontextuelle, wohlfahrtsstaatliche und kulturelle Faktoren sowohl bei Männern als auch bei Frauen beschrieben, die die Entscheidung für oder gegen die häusliche Pflegeübernahme beeinflussen (Heß et al. 2020). Gräßel (2000) zeigt bezüglich individueller Motive ein bipolares Bild mit den Ausprägungen Zuneigung oder Verpflichtung. Kofahl (2008) bestätigt diese Befunde mit der EUROFAMCARE-Studie und beschreibt, dass Hauptpflegepersonen in sechs europäischen Ländern primär durch emotionale Bindung motiviert waren, die Pflege eines älteren Angehörigen zu übernehmen (Deutschland: 45,1 %, Griechenland: 57,1 %, Italien: 71,1 %, Polen: 47,5 %, Schweden: 72,0 %, UK: 52,8 %, s. Table 15.2). Für Deutschland stehen an zweiter und dritter Position die Motive soziale Verpflichtung (16,6 %) und persönlich-moralische Verpflichtung (17,9 %).
Tab. 15.2
Hauptgrund, die Betreuung des Angehörigen zu übernehmen; in %. (Quelle: Kofahl 2008, S. 140)
 
DE
EL
IT
PL
SE
UK
Gesamt
Emotionale Bindung (Liebe, Zuneigung)
45,1
57,1
71,1
47,5
72,0
52,8
57,3
Soziale Verpflichtung
16,6
15,8
11,2
22,0
8,3
13,3
14,7
Persönlich-moralische Verpflichtung
17,9
14,4
6,5
21,1
6,9
12,9
13,4
Betreuung gibt mir ein gutes Gefühl
3,6
2,6
3,3
1,8
4,9
5,0
3,5
Betreuter würde nicht wollen, dass ihn jemand anderes pflegt oder betreut
2,9
1,9
1,3
1,4
1,8
3,3
2,1
Keine Alternative/es war notwendig
6,1
4,7
1,7
2,1
1,1
2,5
3,1
Eher zufällig und ohne bewusste Entscheidung
1,9
2,1
1,7
1,1
1,6
4,4
2,1
Religiöse Überzeugung
0,5
0,7
0,8
1,3
0,2
0,7
0,7
Kosten für professionelle Pflege zu hoch
1,7
0,6
0,5
0,2
0,1
0,3
0,6
Wirtschaftliche Vorteile
0,6
0,1
0,1
0,8
0,0
0,6
0,4
Andere Gründe
3,0
0,0
1,7
0,7
3,1
4,2
2,1
DE = Deutschland, EL = Griechenland, IT = Italien, PL = Polen, SE = Schweden, UK = United Kingdom
Pflege-Report 2024
Ein integratives Review zur Motivation der häuslichen Pflegeübernahme aus der Perspektive der Selbstbestimmungstheorie zeigt die Komplexität der Thematik auf und kommt zu dem Ergebnis, dass die autonome Motivation zur Pflegeübernahme die wichtigste Determinante des Wohlbefindens bei häuslich Pflegenden ist (Dombestein et al. 2020). Wie schwierig die autonome Motivation zur Pflegeübernahme ist, zeigt sich in Deutschland bei Frauen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren. Wie weiter oben beschrieben, übernimmt diese Altersgruppe am häufigsten Pflegetätigkeiten und sieht sich zweierlei Forderungen ausgesetzt: Einerseits wird erwartet, dass sie länger beruflich tätig sind und andererseits, dass sie häusliche Pflegeaufgaben übernehmen. So etablierte sich der Begriff des „zweiten Vereinbarungskonflikts“ (Heß et al. 2020). Zum Zielkonflikt zwischen Renten- und Pflegepolitik publizierten Fischer und Müller (2020) Folgendes: „Während zur Stabilisierung der gesetzlichen Rente die Arbeitsmarktbeteiligung von älteren Menschen erhöht werden soll, ist das Pflegesystem darauf angewiesen, dass häusliche Pflege von eben diesen Gruppen geleistet wird“. Frauen leisten infolge von Frühverrentung mehr Pflege für Angehörige. Zudem hat die Erhöhung des Renteneintrittsalters den Konflikt verschärft (Fischer und Müller 2020, S. 860). Des Weiteren zeigt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Alterssurveys, dass persönliche Werte wie Selbstoptimierung, Selbsttranszendenz, Erhalt des Bestehenden und Offenheit für Veränderung signifikant mit informeller Pflege assoziiert sind und als Motivatoren oder Hindernisse wirken können. Selbstoptimierung schließt Leistung und Macht ein und konzentriert sich auf die Verfolgung der eigenen Ziele, wohingegen die Selbsttranszendenz Universalismus und Wohlwollen beinhaltet. Sie konzentriert sich auf die Unterstützung und den Schutz anderer und der eigenen Umwelt (Zwar et al. 2023). Bei Männern und Frauen wurden die gleichen Motivatoren gefunden, wobei unterschiedliche Werte einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Pflegeübernahme haben. Ein höherer Stellenwert von Selbstoptimierung war mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für die häusliche Pflegeübernahme verbunden, während eine höhere Wertschätzung der Selbsttranszendenz mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, häusliche Pflege auszuüben, assoziiert war. Mit zunehmendem Alter war ein höherer Wert bei den Erhaltungswerten mit einer noch geringeren Wahrscheinlichkeit für die Pflegeübernahme verbunden. Das Geschlecht milderte diese Assoziationen nicht, dennoch wurden niedrigere Quoten für die Pflege nur bei Männern mit höheren Werten bei der Offenheit für Veränderungen und nur bei Frauen mit höheren Werten bei Erhalt des Bestehenden (conservation) gefunden. Die Selbsttranszendenz war bei beiden Geschlechtern mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für die Pflegeübernahme verbunden (Zwar et al. 2023).
Der weiter oben beschriebene Gender Care Gap, der Unterschied in der Übernahme häuslicher Pflege zwischen den Geschlechtern, variiert stark innerhalb Europas (Geyer et al. 2024, S. 97). Dennoch leisten in allen Ländern mehr Frauen als Männer häusliche Pflege. In der Schweiz, in Schweden und in Portugal ist der Gender Care Gap am geringsten, d. h. dass Frauen etwas weniger als doppelt so oft pflegen wie Männer. Den höchsten Gender Care Gap weisen Luxemburg, Griechenland und Kroatien auf. In diesen Ländern ist der Anteil der pflegenden Frauen im Vergleich zu pflegenden Männern rund dreimal so hoch. Deutschland liegt im Mittelfeld der betrachteten europäischen Länder, d. h. der Anteil der pflegenden Frauen ist etwas mehr als doppelt so hoch wie der der Männer. Die Bereitschaft, nahestehende Familienangehörige zu pflegen, ist in Deutschland hoch. Kontextfaktoren, die diese Entscheidung beeinflussen, sind beispielsweise die Größe des Hauses, flexible Arbeitszeit oder die Entfernung zum Pflegebedürftigen. Hingegen wird mit der Vorstellung, selbst häusliche Pflege in Anspruch nehmen zu müssen, sehr zurückhaltend umgegangen. Insbesondere jüngere Personen (20 bis 39 Jahre) ohne Pflegeerfahrung gaben an, von ihren Angehörigen nicht zu erwarten, dass die Pflege im Falle der eigenen Pflegebedürftigkeit übernommen werden sollte. Diese Personengruppe ist einerseits bereit häusliche Pflege zu leisten, möchte jedoch im Falle der eigenen Pflegebedürftigkeit niemandem zur Last fallen – weder den eigenen Kindern noch dem Partner oder der Partnerin (de Jong et al. 2021). Eine weitere Untersuchung auf der Basis des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) zeigt, dass normative Kosten und das geschlechterspezifische Lohngefälle auch unter gemischten Geschwistern in einem Gender Care Gap resultieren, d. h. eher die Schwester als der Bruder die häusliche Pflege übernimmt (Barigozzi et al. 2020). Im Umkehrschluss zeigt sich auch in dieser Konstellation, dass aufgrund bestehender sozialer Normen die Pflege von Töchtern eher erwartet wird als von Söhnen. Des Weiteren entstehen für Töchter höhere normative Kosten als für Söhne, wenn sie die Übernahme häuslicher Pflegetätigkeiten ablehnen. Der Gender Pay Gap beeinflusst also nicht nur die Partnerschaft zwischen Mann und Frau, sondern auch die Geschwisterbeziehung zwischen Schwester und Bruder und dies wiederum die Entscheidung, häusliche Pflege zu übernehmen, und zwar zu Ungunsten der Schwestern. Männer übernehmen eher häusliche Pflegetätigkeiten, wenn sie keine Schwester haben. Somit resümieren Barigozzi und Kollegen (2020), dass politische Maßnahmen nicht die häusliche Pflege unterstützen sollten. Töchter seien bereits kulturell prädestiniert, (zu viel) häusliche Pflege zu übernehmen. Häusliche Pflegearrangements sollten durch formelle Angebote unterstützt werden, da folglich zeitliche Freiräume für Frauen entstünden, die beispielsweise eine berufliche Tätigkeit ermöglichten. Geschlechterdifferenzen bei der Übernahme der Pflege durch jüngere Frauen und Männer (bis 44 Jahre) beobachtete auch Fuchs (2006): Während Frauen eher aus Pflichtgefühl die häusliche Pflege übernahmen, taten jüngere Männer dies eher aus selbstwertdienlichen Motiven oder weil sie anderen Pflegemöglichkeiten misstrauten. Für beide Geschlechter im Rentenalter waren eher soziale oder finanzielle Motive ausschlaggebend für die Übernahme der Rolle des pflegenden Angehörigen (Fuchs 2006).
Insgesamt wird die Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern – hier häusliche Pflege – von drei Ebenen beeinflusst, die miteinander in Verbindung stehen: die Makroebene, die Staat und Gesellschaft betrachtet sowie bestehende Gesetzgebungen und Normen berücksichtigt, interagiert mit dem Lebensumfeld, bestehend aus Kommune (inkl. Infrastruktur), Betrieben sowie Familie und Freunden (Mesoebene) und der Mikroebene, die das Individuum in den Fokus nimmt (Gärtner et al. 2020, S. 75). Der Zusammenhang zwischen diesen Ebenen und den Themenfeldern soziale Normen (Geschlechterstereotype, Geschlechterrollen-Zuschreibungen), Infrastruktur, Struktur des Arbeitsmarktes und staatliche Leistungen ermöglicht Ansätze zur Erklärung der Ungleichverteilung häuslicher Sorgearbeit. Diese Aspekte bilden einen wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens ab (Gärtner et al. 2020).

15.1.2 Sorgepolitik: Deutschland und Schweden im Vergleich

Ein Vergleich zwischen Deutschland und Schweden macht noch deutlicher, wie im Kontext von Kultur und Wohlfahrtsstaat die Entscheidung, häusliche Pflege zu übernehmen, beeinflusst wird (Heß et al. 2020). Um Ursachen der Ungleichheit bei der Verteilung der Sorgearbeit für pflegebedürftige Menschen noch besser zu verstehen, müssen die Ausgestaltung der Sorgepolitik und die Organisation von Sorgearbeit analysiert werden. Schweden wird herangezogen, da das schwedische Modell zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu den erfolgreichsten in der Europäischen Union gehört (Theobald 2020).
Kulturelle Wertvorstellungen zur Rolle von Staat und Familie hinsichtlich Sorge- und Pflegeverantwortlichkeiten unterscheiden sich innerhalb Europas grundlegend (Heger und Korfhage 2018; Kraus et al. 2020). Der grundlegende Ansatz der Sorgepolitik in Deutschland umfasst, dass Sorge- und Pflegeverantwortlichkeiten vorrangig von der Familie zu übernehmen sind. Dies wird als expliziter Familialismus bezeichnet (Theobald 2020, S. 187–189, Czaplicki 2019, S. 131). In skandinavischen Ländern, wie z. B. Schweden, liegt die Sorge-/Pflegeverantwortlichkeit aus kultureller Perspektive primär beim Staat – auch als optionaler Familialismus bezeichnet (Theobald 2020, S. 187–189). Daran anknüpfend wurde für Deutschland der Terminus familienorientiertes Care-Regime und für Schweden der Terminus dienstleistungsorientiertes Care-Regime geprägt (Theobald 2020, S. 184). Zeitintensive pflegerische Tätigkeiten in der Häuslichkeit werden eher von staatlichen Dienstleistern übernommen (Heß et al. 2020; Theobald 2020, S. 187–188). In der praktischen Umsetzung bedeutet es, dass Schwedinnen und Schweden seltener als Deutsche zeitintensive pflegerische Aufgaben übernehmen und eher instrumentell unterstützen. Letzteres erfolgt nahezu gleichverteilt durch Männer und Frauen, beispielsweise indem sie organisatorische Aufgaben übernehmen oder für eine pflegebedürftige Person Informationen beschaffen. In der Konsequenz haben Schwedinnen und Schweden mehr Tageszeit zur Verfügung, um einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Insgesamt betrachtet wird in Deutschland die Übernahme häuslicher Sorgearbeit von Geschlecht, sozialer Schicht und Alter beeinflusst und in Schweden kaum. Der explizite Familialismus wird in Deutschland durch die soziale Pflegeversicherung (SGB XI) staatlich unterstützt, insbesondere durch die Möglichkeit der sog. Geldleistung, die nach Pflegegrad differenziert ist (BMG 2024). Diese Form der kulturellen Vorstellung zur Verteilung von Pflegetätigkeiten korrespondiert zwar mit den Wertvorstellungen der deutschen Bevölkerung (Pflege sollte durch die Familie erfolgen), verhindert jedoch zugleich die partnerschaftliche Aufteilung der häuslichen Pflege. Kulturell bedingt üben somit in Deutschland eher Frauen (intensive) pflegerische Aufgaben aus. Hinsichtlich der Ausgestaltung der Pflegetätigkeiten und der Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten ist die geschlechtsspezifische Studienlage widersprüchlich. In Schweden wurde mit der Einführung des Social Service Act 1982 das Recht auf öffentliche universelle Dienstleistungen gesetzlich verankert. Demnach finanzieren Kommunen Dienstleistungen und haben großen Handlungsspielraum bei der Ausgestaltung und somit auch bei der Pflege. Wirft man einen Blick auf die Beschäftigungsquote von Frauen zwischen dem 50. und 64. Lebensjahr, liegt diese in Deutschland bei 68 % und für Schwedinnen bei 75 % (Heß et al. 2020). Darüber hinaus wird die sog. 24-Stunden-Betreuung durch Personen vorrangig aus Osteuropa (sog. Live-ins) in Schweden nicht benötigt (Hellgren 2015). Dieses häusliche Pflegearrangement (rechtlich in der Grauzone) ist in Deutschland ein wichtiger Bestandteil des Pflegesystems (Freitag 2020). Somit basieren die geschlechtsspezifischen Differenzen hinsichtlich der Übernahme häuslicher Pflegetätigkeiten u. a. auf Anreizen im System der deutschen Sorgepolitik.

15.2 Welcher Maßnahmen bedürfte es, um den Gender Care Gap zu reduzieren?

Aktuelle Analysen zeigen: Je größer die relative Lücke in der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern ist, desto größer ist der Gender Care Gap in einem Land. Dies impliziert, dass in Ländern mit geringer Frauenerwerbsquote weibliche An- und Zugehörige im Vergleich zu Männern stärker in die häusliche Pflege eingebunden werden (Teschner und Wittenberg 2024). Weitere Analysen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen, dass in Ländern, in denen insgesamt die Ausgaben für Langzeitpflege höher sind, wie in Schweden, Belgien oder der Schweiz, der Gender Care Gap geringer ist. Und umgekehrt zeigen sich in Ländern, in denen die Ausgaben für Langzeitpflege gering sind, relativ hohe geschlechtsspezifische Unterschiede in der privat erbrachten Pflege. Dazu zählen Kroatien oder Griechenland. Im Spiegel beider Dimensionen befindet Deutschland sich ebenfalls im Mittelfeld (Fig. 15.1).
Abb. 15.1
Bereinigter Gender Care Gap und relative Ausgaben für Langzeitpflege; Gender Care Gap in %, Ausgaben in % des BIP. (Quelle: Geyer et al. 2024)
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Wird die Betrachtung der Ausgaben spezifiziert für die stationäre Langzeitpflege, wird der beschriebene Zusammenhang noch deutlicher. In Ländern wie Schweden oder der Schweiz werden knapp 2 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) für stationäre Pflege ausgegeben, wohingegen in Kroatien und Griechenland 0,15 % bzw. 0,07 % des BIP dafür aufgewendet werden. Deutschland investiert rund 1 % des BIP in die Ausgaben für stationäre Langzeitpflege und liegt damit im europäischen Vergleich ebenfalls im Mittelfeld (Geyer et al. 2024). Weitere Analysen zeigen, dass in Ländern mit höheren Ausgaben für stationäre Langzeitpflege im Durchschnitt geringere geschlechtsspezifische Unterschiede in der informellen Pflege zu beobachten sind. Auf EU-Länderebene zeigt sich somit, dass ein stärkerer formeller Pflegesektor häuslich Pflegende – insbesondere Frauen – entlastet (Fig. 15.2). Geyer und Kollegen (2024) merken kritisch an, dass dies nicht automatisch zu einer allgemeinen Gleichstellung der Geschlechter beiträgt, da der Frauenanteil in der professionellen Pflege ebenfalls hoch ist und Pflegeberufe relativ gering entlohnt werden.
Abb. 15.2
Ein gut finanziertes Pflegesystem entlastet vor allem Frauen von der häuslichen Pflege und verringert den Gender Care Gap. (Quelle: Geyer et al. 2024)
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Der Unabhängige Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf (2023) adressiert im zweiten Bericht die besondere Situation häuslich pflegender Erwerbstätiger und erarbeitete Empfehlungen zur Ausgestaltung einer praxistauglichen Familienpflegezeit. Diese enthält die Weiterentwicklung der Gesetzeslage zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf und sieht die Einführung einer steuerfinanzierten Lohnersatzleistung mit Freistellungsansprüchen für häuslich Pflegende, die nahestehende Angehörige pflegen, vor. Mit diesen Empfehlungen soll die Sorgearbeit im deutschen Pflegesystem anerkannt und wertgeschätzt werden. Eine Lohnersatzleistung hat das Potenzial, finanzielle Nachteile (Altersarmut), die durch häusliche Pflegearbeit entstehen können, abzufedern. Für eine konkrete Darstellung der Handlungsempfehlungen zur Ausgestaltung einer Familienpflegezeit und eines Familienpflegegeldes wird auf den Zweiten Bericht des Unabhängigen Beirats für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf (2023) auf den Seiten 26 bis 38 verwiesen.

15.3 Fazit

Häusliche Pflege wird in Deutschland deutlich häufiger und in größerem Umfang von Frauen als von Männern geleistet. Das gilt auch im europäischen Ländervergleich, wie auf der Basis von SHARE-Daten durch Geyer und Kollegen (2024) gezeigt wurde. Dabei werden wesentliche Unterschiede zwischen den Ländern hinsichtlich der Ausgaben für das formelle Pflegesystem herausgearbeitet. Es zeigt sich: Je höher die Ausgaben für formelle Pflege sind, desto geringer ist der Gender Care Gap. Parallel dazu ist die geschlechtsspezifische Ungleichheit in der Berufswelt in den untersuchten Ländern von Bedeutung. Länder mit geringer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bezüglich der Erwerbsbeteiligung weisen auch einen geringen Gender Care Gap aus. Wie beschrieben, nimmt Deutschland im europäischen Vergleich der Ausgaben für formelle Pflege, der Geschlechterungleichheit und bezüglich des Gender Care Gaps einen mittleren Platz ein. Überlegungen zur Reduzierung des Gender Care Gaps sind vielfältig. Dazu zählt die Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit, was wiederum gleichzeitig ein Beitrag zur Reduzierung des Fachkräftemangels wäre (Fischer und Müller 2020). Eine weitere Maßnahme zur Reduktion des Gender Care Gaps wäre, mehr in formelle Pflege zu investieren, um das Angebot sowie die Qualität zu erhöhen und um auf diesem Weg den Umfang der häuslichen Pflegearbeit für An- und Zugehörige – insbesondere für Frauen – zu verringern. Das schwedische Modell zeigt, dass es möglich ist, den Gender Care Gap zu reduzieren. Aktuell besteht jedoch u. a. in Deutschland die Herausforderung, mit dem wachsenden Fachkräftemangel in der professionellen Pflege umzugehen. Dem Statistischen Bundesamt (2022) zufolge werden im Jahr 2049 mindestens 280.000 professionelle Pflegekräfte in Deutschland fehlen. Eine ausreichend hohe Anzahl an Pflegefachkräften könnte einerseits die Qualität der professionellen Pflege verbessern und andererseits häuslich Pflegende entlasten und den Gender Care Gap reduzieren. Die Einführung einer steuerfinanzierten Lohnersatzleistung mit Freistellungsansprüchen für häuslich Pflegende, die nahestehende Angehörige pflegen, hätte das Potenzial, finanzielle Nachteile (Altersarmut) häuslicher Pflegearbeit abzufedern.
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Titel
Gender Care Gap: Situation, Ursachen und Maßnahmen zur Verringerung
Verfasst von
PD Dr. Andrea Budnick
Copyright-Jahr
2024
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-70189-8_15
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