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20.06.2022 | Forschungsprojekt | Online-Artikel

Vom „Pflegen“ zum „Lehren“

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Die Vorstellung, dass eine Person, die die Pflege beherrscht, selbstverständlich anderen beibringen kann, wie man pflegt, ist ein Mythos. Ein Forschungsvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) widmet sich der Frage nach der notwendigen Veränderung der beruflichen Identität beim Übergang von der Kompetenz des Pflegens zur pädagogischen Fähigkeit des Unterrichtens.

Symbolbild © Rob / Stock AdobeVom Pflegen zum Lehren: Die Fähigkeit, einen erfolgreichen Lernprozess zu rahmen, setzt „neues Wissen“ voraus.

Durch die Triangulierung von ausführlichen Expert*inneninterviews mit Pflegeschulleiter*innen und Lehrer*innen, Gruppendiskussionen und Unterrichtsethnographien sollen die Herausforderungen und die Wege der Bearbeitung dieser beruflichen Habitustransformation im Rahmen der Studie „Zur Transformation des professionellen Habitus von Pflegelehrer*innen“ identifiziert werden. Die Disposition zur „guten Pflege“ hat mit der verantwortlichen Haltung einer „guten Pflegelehrer*in“ nur begrenzt zu tun. Die Könnerschaft, die gebraucht wird, um einen gelingenden Pflegeprozess zu realisieren, ist durchaus unterschieden von der Fähigkeit, einen erfolgreichen Lernprozess zu rahmen. Sie setzt – verglichen mit der ursprünglichen Fachkompetenz – „neues Wissen“ voraus.

Neues Wissen: In dem für Transformationsprozesse notwendigen Lernprozess werden implizite Wissensbestände besonders interessant, die wir in unserer grundlagentheoretisch orientierten Studie als „Zwischenwissen“ (Herzberg & Walter 2021) bezeichnen. Konkreter:

  • Die wechselseitige „Komplementarität“ von Wissenschaftswissen und professionellem Handlungswissen, die zunächst als Konkurrenz empfundenen wird und zu einer neuen professionellen Wissensform werden muss, über die sich professionelle „Eigenlogiken“ entwickeln können (Dewe & Otto 2012)
  • Ein Systemwissen „eigenen Typs“ im Rücken der professionell Handelnden (Bohnsack 2020; schon Goffman 1983), das sich als Erfahrungswissen sukzessive aufbaut und den Beteiligten durchaus nicht bewusst sein muss (z.B. bestimmte Reaktionen und Handlungsdispositionen im mentalen Milieu der Unterrichtssituation; Scheunpflug 2004)
  • Das Phänomen einer „reflection-in-action“ (Schön 1983), d.h. einer intuitiven Könnerschaft, die erst im Vollzug modifizierten professionellen Handelns entsteht und sedierte professionelle Selbstverständlichkeiten zu überdecken beginnt (Neuweg 2001).

Die Rekonstruktion dieser Wissensformen hat nicht nur das Potenzial, den notwendigen Professionalisierungsschritt bei Pflegelehrer*innen vom Pflegen zum Lehren empirisch nachzuvollziehen; sie eignet sich zudem zur theoretischen Aufklärung eines Prozesses, den bereits Pierre Bourdieu (2001, 210f.) als „Habitustransformation“ beschrieben hat. Solche Veränderungen laufen zu beträchtlichen Teilen implizit ab und stützen sich auf intuitive Wahrnehmungsfähigkeiten, die Michael Polanyi (1966) als „tacit knowing“ bezeichnet: Eine erfahrene Pflegeperson erkennt zum Beispiel beim Betreten eines Krankenzimmers spontan an der auffälligen Körperhaltung einer Patientin, dass sich ihr Befinden verändert hat und sie sofortige Hilfe benötigt. Eine kompetente Lehrperson erkennt während des Lernprozesses einer Auszubildenden die tiefere Ursache einer Lernblockade und geht mitunter intuitiv auf die Schwierigkeit der konkreten Lernenden ein.

Methodischer Ansatz: Auf diese Wissensformen fokussiert die Methodentriangulation, also die Nutzung verschiedener qualitativer Ansätze: Die geplanten Expert*inneninterviews konzentrieren die Aufmerksamkeit auf eine ausführliche, narrative Rekapitulation der Berufsbiographie, in der sich Habitusveränderungen abbilden können. Bei den Gruppendiskussionen wird auf die diskursive Reproduktion impliziten Kollektivwissens geachtet, das solche Transformationen unterstützen kann. Die Unterrichtsethnographien nehmen unbewusst eingeschliffene oder noch unsichere Praktiken des Unterrichtens in den Blick, die auf „Sollbruchstellen“ professioneller Habitualisierung deuten. Für den geplanten Ost-West-Ländervergleich sind folgende Untersuchungssettings vorgesehen:

  • 20 „Expert*inneninterviews“ in zwei Bundesländern zu zwei Erhebungszeitpunkten, um (a) Ansätze von Habitustransformationen zwischen den Erhebungszeitpunkten sensibel zu registrieren und (b) die Dynamiken der Felder wahrzunehmen
  • 8 jeweils schulbezogene „Gruppendiskussionen“ mit Pflegelehrer*innen ebenfalls zu zwei Erhebungszeitpunkten, um (c) kollektive Einstellungen der betroffenen Akteur*innen zu gewinnen und (d) deren mögliche Veränderung wahrzunehmen
  • 16 „ethnographische Beobachtungen“ halbtägiger Unterrichtssituationen ebenfalls zu einem frühen und einem späteren Zeitpunkt, um (e) das Maß der Veränderung im Lehrhabitus resp. (f) dessen mögliche Blockierung zu rekonstruieren.

Perspektiven: Die Anbahnung und Ermöglichung von pädagogischer Professionalität, die sich selbst als eine spezifische, von der bisherigen abweichende „Könnerschaft” begreifen muss, betrifft keineswegs nur die Pflege. Sie bezieht sich auch auf die Lehre in der Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie, deren Reflexionsstand, was dieses Problem angeht, deutlich hinter die Pflegepädagogik zurückfällt. Auch hier käme es nicht in erster Linie darauf an, Wissen zu vermitteln, sondern Können zu ermöglichen. Die Transformation des Pflegehabitus in die Fähigkeit, diesen didaktisch anzubahnen, bleibt vorläufig ein wichtiges Forschungsdesiderat, zu dessen Einlösung das hier vorgestellte DFG-Forschungsvorhaben in den nächsten drei Jahren einen wichtigen Beitrag leisten könnte.

Prof. Dr. Heidrun Herzberg, BTU Cottbus-Senftenberg
Prof. Dr. Anja Walter,
TU Dresden

(Literatur bei den Verfasserinnen)




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