Interview Die hebammenwissenschaftliche Forschung in Deutschland voranbringen
- 17.09.2025
- Interview
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Die Hebammenwissenschaft ist eine junge Disziplin, in der viele Ideen, Bedarfe und Vorstellungen zusammenkommen. Für ihre wissenschaftliche Weiterentwicklung soll nun eine Forschungsagenda für die Jahre 2026-2036 entwickelt werden. Es gilt, aktuelle und zukünftige Bedarfe zu definieren und gemeinsame Ziele festzuhalten. Deshalb lud Ende August eine Gruppe aus Wissenschaftlerinnen der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V. (DGHWi) und des Hebammenwissenschaftlichen Fachbereichstags e.V. (HWFT) in das Schloss Herrenhausen in Hannover zu einem Scoping Workshop ein. Wir sprachen mit vier der insgesamt acht Initiatorinnen über das Format, die Ziele und Ergebnisse.
Frau Professorin Bauer, der Hebammenberuf befindet sich nun bereits fünf Jahre in der Vollakademisierung: Wo steht die hebammenwissenschaftliche Forschung heute?
Bauer: Die Hebammenforschung ist in Deutschland eine noch junge Disziplin und gewinnt weiter an Relevanz und Reichweite, bleibt aber in Struktur und Finanzierung vorwiegend projektgebunden und abhängig von Förderprogrammen. Die bisherigen Forschungsfelder sowie -methoden sind vielfältig. Es geht um die peripartale Versorgung entlang des Hebammen-Betreuungsbogens - im Besonderen die geburtshilfliche und gesundheitliche Versorgung und die damit verbundenen maternalen sowie kindlichen Outcomes, die Versorgungsforschung, Prävention und Gesundheitsförderung. Es geht aber auch um die Professionalisierung und Akademisierung des Hebammenberufs sowie um pädagogische Fragestellungen, Digitalisierung in Praxis und akademischer Ausbildung, Professionsforschung und Leitlinienentwicklung.
In den letzten Jahren haben mehr als 60 Hebammenwissenschaftlerinnen zu den unterschiedlichsten Themen promoviert. Momentan befinden sich circa weitere 50 Hebammenwissenschaftler*innen im Promotionsprozess. Inzwischen werden an 47 Studienstandorten Hebammenstudiengänge angeboten und an einigen Hochschulen/Universitäten sind hebammenwissenschaftliche Institute, die Forschung betreiben, entstanden.
Ende August fand der erste Scoping Workshop zur Professionalisierung der Hebammenwissenschaft statt. Was genau ist ein Scoping Workshop und wie entstand die Idee dafür?
Fillenberg: Ein Scoping Workshop soll zu Beginn eines so umfangreichen Projektes wie der Entwicklung einer Forschungsagenda allen Beteiligten ein gemeinsames Verständnis über die Ziele verschaffen. Was genau soll umgesetzt werden? Neben den Erwartungen werden aber auch Einschränkungen definiert.
Die Vollakademisierung des Hebammenberufs war zwar ein bedeutender Impuls für die hebammenwissenschaftliche Forschung und die Weiterentwicklung einer evidenzbasierten Praxis im Hebammenwesen, bislang fehlte es aber sowohl an einer strukturierten Forschungsförderung als auch an einer klaren strategischen Ausrichtung der Disziplin. Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft haben wir, Prof.in Dr. Nicola Bauer, Prof.in Dr. Barbara Fillenberg, Prof.in Dr. Melita Grieshop, Dr. Kristina Jäger, Dr. Astrid Krahl, Prof.in Dr. Karolina Luegmair, Prof.in Dr. Nina Knape und Prof.in Dr. Therese Werner-Bierwisch daher die Erarbeitung einer Forschungsagenda als nächsten notwendigen Schritt erachtet – ein Meilenstein, den auch der Wissenschaftsrat in der Weiterentwicklung wissenschaftlicher Disziplinen ausdrücklich verlangt. Der Scoping Workshop war also ein wichtiger Teilschritt in der Entwicklung einer Forschungsagenda der Hebammenwissenschaft.
Und wieso gerade die VolkswagenStiftung als Unterstützerin für die Umsetzung?
Bauer: Die VolkswagenStiftung fördert Wissenschaft und Technik in Forschung und Lehre in den unterschiedlichsten Fachbereichen. In der Vergangenheit wurden bereits die Pflegewissenschaft sowie die Versorgungsforschung durch die VolkswagenStiftung gefördert. Das Förderformat des Scoping Workshops richtet sich zudem an explorative und partizipative Vorhaben, die die Weiterentwicklung einzelner Fachdisziplinen ermöglichen sollen. Dies schien uns bei der Antragstellung sehr passend und vielversprechend.
Welche relevanten Bezugsdisziplinen waren außer der Hebammenwissenschaft noch vertreten und worin genau lag der Mehrwert dieser Interdisziplinarität?
Luegmair: Die Entwicklung der ersten hebammenwissenschaftlichen Forschungsagenda in Deutschland lebt von interdisziplinärem Austausch und vielfältigen Perspektiven. Während viele Hebammen selbst bereits akademische Hintergründe in Soziologie, Gesundheitsökonomie, Pädagogik, Pflegewissenschaften oder Public Health einbringen, erweiterten externe Gäste das Spektrum. Beiträge aus der Versorgungsforschung, der Gynäkologie und Geburtshilfe, der Geschichtswissenschaft, von Krankenkassen sowie aus zivilgesellschaftlichen Initiativen wie MotherHood und dem Berufsverband ergänzten die innere Fachlichkeit um wichtige systemische, politische und historische Dimensionen. Mit dieser Perspektivenvielfalt konnte eine breite Grundlage für die Entwicklung der Forschungsagenda geschaffen werden, die wissenschaftlich fundiert, gesellschaftlich relevant und politisch anschlussfähig ist. Bezugsdisziplinen und externe Perspektiven wirkten somit zusammen, um blinde Flecken zu erkennen und prioritäre Forschungsbedarfe differenziert zu identifizieren.
Drei Tage - 29 Expertinnen: Mit welchen Ergebnissen sind Sie nach Hause gefahren?
Fillenberg: Wir konnten mit äußerst erfreulichen Zwischenergebnissen nach Hause zurückkehren, die eine hervorragende Grundlage für die nächsten Arbeitsphasen bilden. Diese Ergebnisse sind das Resultat eines strukturierten Prozesses und von drei Tagen intensiver Diskussionen, in deren Verlauf es uns gelungen ist, eine gemeinsame Sprache und ein einheitliches Verständnis zu entwickeln – eine wesentliche Voraussetzung für die weitere Ausarbeitung der Agenda.
Und wie geht es nun weiter?
Jäger: In den kommenden Wochen und Monaten werden wir die Ergebnisse des Scoping Workshops auswerten und als Positionspapier aufbereiten und veröffentlichen. Zudem soll eine Arbeitsgruppe zur weiteren Entwicklung der Forschungsagenda unter dem Dach der DGHWi gemeinsam mit dem HWFT entstehen und Inhalte der Forschungsagenda in einem Delphi-Verfahren konsentiert und ergänzt werden.
Darüber hinaus ist die Verbreitung der Inhalte des Positionspapiers und des aktuellen Stands des Gesamtprojekts in regelmäßigen Abständen sehr wichtig. So ist beispielsweise auf der 8. Internationalen Konferenz der DGHWi in Leipzig (4. bis 5. Mai 2026) ein großzügiges Zeitfenster für die Vorstellung der Arbeit an der Forschungsagenda im Rahmen eines Workshops vorgesehen.
Das Interview führte Josefine Baldauf