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Erschienen in: Heilberufe 1/2019

01.01.2019 | Forensik | Letzte Seite Zur Zeit gratis

Lügendetektor

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 1/2019

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Haben Sie früher heimlich geraucht? Mögen Sie Ihre Schwiegermutter? Gefällt Ihnen die neue Brille der Kollegin wirklich? Notlüge, Flunkern, Höflichkeitsantwort, es gibt viele Synonyme für die Unwahrheit - oft verbunden mit Angst vor Bestrafung, Ablehnung oder Ärger. Aber Lügen ist auch nicht wirklich entspannend.
Lügen sind fast so alt wie die Menschheit und ebenso der Wunsch, Lügner zu entlarven. In Indien ließ man schon vor 2.000 Jahren Verdächtige ein Reiskorn kauen und schlucken. Die Ordnungshüter gingen davon aus, dass einem Lügner regelrecht "die Spucke wegbleibt" und er daher das Reiskorn nicht schlucken könne. Im Laufe der Jahrhunderte wechselten die Methoden und waren teilweise recht fragwürdig. So testeten die Inquisitoren im 16. und 17. Jahrhundert den Wahrheitsgehalt einer Aussage anhand der Schwimmprobe: Der gefesselte Proband wurde zu Wasser gelassen. Wer unterging hatte die Wahrheit gesagt, wer gelogen hatte, wurde vom Teufel getragen. Problematisch an dieser Form der Wahrheitsfindung war jedoch, dass die Ehrlichen ertranken und die "Unehrlichen" später hingerichtet wurden. Die Suche nach der Wahrheitstestung ging weiter und vor rund 100 Jahren wurde dann der "Lügendetektor" oder Polygraph in Kalifornien das erste Mal eingesetzt.
Wie der Name sagt, zeichnet der Mehrkanalschreiber mehrere Körperreaktionen auf: Herz- und Atemfrequenz, Blutdruck, Zittern und die "allgemeine Schwitzrate". Streng genommen misst der Lügendetektor also gar keine Lügen, sondern verschiedene Körperreaktionen.

Nichts für schwache Nerven

Unser vegetatives Nervensystem reagiert bei Stress mit gesteigerter Atmung, Herzrasen und erhöhtem Blutdruck. Wir beginnen zu Schwitzen und werden zittrig. Der Mund wird trocken und viele bekommen Bauchschmerzen oder Durchfälle. Dabei spielt es für unser Nervensystem keine Rolle, ob wir Prüfungsangst haben oder Angst davor, bei einer Lüge ertappt zu werden. Dieses Prinzip nutzt der Polygraph, indem er unseren Nervositätsgrad aufzeichnet. Bei der Wahrheit sind wir entspannt, bei Lügen nervös. Vor allem in den USA wird der Lügendetektor zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt und ist vor Gericht als Beweismittel zugelassen. Aber auch Arbeitgeber können potentielle Mitarbeiter auf ihren Lebenslauf testen oder misstrauische Ehepartner ihre Partner auf Affären befragen lassen.

Ohne mit der Wimper zu zucken…

Doch der Test ist umstritten. Die Qualität variiert sehr stark und ist abhängig von der Erfahrung des Befragers, der Art der Fragen und der Auswertung der Reaktionen. Darum dürfen nur speziell ausgebildete Beamte die Befragung durchführen. Je entspannter ein Lügner ist, desto eher kommt es zu falschen Ergebnissen. Geheimdienste trainieren Spione daher, ihre Körperreaktionen auch bei Stress unter Kontrolle zu halten und so den Test zu bestehen. Es gibt jedoch Fälle, in denen Verdächtige den Test nicht bestanden und erst Jahre später durch DNA-Analysen entlastet werden konnten. In Deutschland wurde der Test durch Urteile des BGH abgelehnt. Daher suchen Forensiker nach neuen Methoden, um Unwahrheiten zu erkennen.

Frischluft für Lügner?

Man weiß, dass Lügen anstrengender sind als die Wahrheit. Eine Lüge muss "erfunden" werden. Dies erfordert höchste Konzentration, insbesondere bei komplexen Zusammenhängen, wie der Konstruktion eines Alibis oder Tathergangs. Aktive Hirnareale verbrauchen also mehr Energie und Sauerstoff. Eine funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) kann die verstärkte Durchblutung und erhöhten Sauerstoffverbrauch belegen. Andere Wissenschaftler versuchen, durch EEG-Ableitungen eine erhöhte Aktivität beim Wiedererkennen von Tatortbildern, das sogenannte neuronale Spiegelbild, nachzuweisen. Beide sind aber unspezifisch und können durch Training umgangen werden.
… und die Moral von der Geschicht'? Entspannte Lügner ertappt man nicht.
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Metadaten
Titel
Lügendetektor
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…
Publikationsdatum
01.01.2019
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Forensik
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 1/2019
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-018-0014-8