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01.06.2022 | Fachkräftemangel | Nachrichten

Studie: Auf Intensivstationen fehlen bis zu 50.000 Pflegefachpersonen

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Auf Deutschlands Intensivstationen fehlen bis zu 50.000 Pflegekräfte. Zu diesem Ergebnis kommt der Gesundheitssystemforscher Michael Simon in einer heute veröffentlichten Studie. Die Personallücke übersteigt damit bisherige Schätzungen erheblich.

Intensivstation © Robert Michael/picture allianceDer Personalmangel auf den Intensivstationen ist enorm.

In der von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie stützt sich Simon auf Daten der Krankenhausstatistik 2020 sowie des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Demnach gab es 2020 in deutschen Krankenhäusern rund 28.000 Intensivbetten, von denen durchschnittlich etwa 21.000 belegt waren. Die Zahl der Pflegekräfte in diesem Bereich entsprach etwa 28.000 Vollzeitstellen.

Allein um die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV), also die Mindestbesetzungen einzuhalten, müsste die Zahl der Vollzeitstellen von 28.000 auf 50.800 steigen, rechnet Simon vor. Werden die Empfehlungen der DIVI zum Maßstab gemacht, sind sogar 78.200 Vollzeitkräfte nötig – also 50.000 mehr. Der Personalbestand müsste sich nahezu verdreifachen.

Personallücke übertrifft bisherige Schätzungen deutlich

Bisherige Schätzungen gingen davon aus, dass bundesweit etwa 3.000 bis 4.000 Pflegefachkräfte in Vollzeit auf den Intensivstationen fehlen. Abgeleitet wurden diese Zahlen von den Stellenplänen der Krankenhäuser. Doch die sind an deren wirtschaftliche Situation gekoppelt. „Ein Krankenhaus, das gezwungen ist, Kosten zu sparen, kürzt den Stellenplan“, erklärt Simon. Folge man nicht nur wirtschaftlichen Kriterien bei der Berechnung, gehe die Unterbesetzung „weit über die bisher diskutierte Zahl“ hinaus.

Mit dem aktuellen Personalbestand dürften gemäß PpUGV nur 11.700 der 28.000 Intensivbetten genutzt werden, so die Analyse des Experten. Rund 60 % der vorhandenen Intensivbetten müssten „gesperrt“ werden. Lege man die DIVI-Empfehlungen zugrunde, wären es sogar 75%. Das heißt: 3 von 4 Betten dürften nicht belegt werden.

Die Personallücke könnte sogar noch größer sein. Simon geht davon aus, dass die Personaldecke durch Kündigungen in der Zwischenzeit weiter geschrumpft ist. Für den Gesundheitsexperten steht fest: „Es besteht dringender Handlungsbedarf.“ Unterbesetzung und Arbeitsüberlastung seien „eine Gefahr für die Gesundheit der Patienten und auch für die Gesundheit des Pflegepersonals auf Intensivstationen“.

Bettensperrungen und -abbau sind keine Lösung

Bisher erfolgten Bettensperrung bereits in kleinerem Rahmen bei akutem Personalmangel. „Zwar können Bettensperrungen kurzfristig eine Entlastung für das Pflegepersonal bewirken, das grundsätzliche Problem der massiven Unterbesetzung können sie nicht lösen“, erklärt Simon.

Eine drastische Reduzierung der vorgehaltenen Intensivbetten eignet sich aus Sicht von Simon ebenso wenig. Mit 34 Betten pro 100.000 Einwohner ist Deutschland gegenüber dem OECD-Durchschnitt (12) sehr gut aufgestellt.  

Angesichts der offensichtlichen Aus- und vielfach auch Überbelastung der Intensivstationen sei aber von einem entsprechenden Bettenbedarf auszugehen. Auch in der Pandemie habe dies Deutschland vor Schlimmerem bewahrt.

Personalmangel nicht isoliert betrachten

Eine einfache Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Um die intensivmedizinische Versorgung zu verbessern sieht Simon vor allem die Bundesregierung in der Pflicht. Notwendig seien u.a. Änderungen der PpUGV, die Einführung eines verbindlichen Verfahrens zur Ermittlung des Personalbedarfs, eine Umgestaltung des Intensivregisters und Änderungen der Krankenhausfinanzierung.

Simon warnt zudem davor, das Problem der Intensivstationen isoliert zu betrachten. Viele Probleme würden dorthin ausgelagert, da auch die Normalstationen „seit mehr als 30 Jahren unterbesetzt“ seien. Ob Patient*nnen von einer Normalstation auf eine Intensivstation oder von dort wieder zurückverlegt werden könnten, sei in hohem Maße davon abhängig, wie gut Normalstationen besetzt sind.

Die „Ankündigungen“ im Koalitionsvertrag der Ampelkoalition im Hinblick auf die Sicherstellung und Überwachung einer bedarfsgerechten Personalbesetzung“ müssten „konsequent und zügig“ umgesetzt werden. Simon: „Werden nicht sehr bald Maßnahmen ergriffen, durch die eine für die Pflegekräfte direkt spürbare und nachhaltig wirkende Entlastung erreicht wird, droht eine weitere Verschlechterung.“ (ne)

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