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Erschienen in: Heilberufe 10/2022

01.10.2022 | Ernährung im Alter | Pflege Kolleg Zur Zeit gratis

Speiseplan für Hochbetagte

verfasst von: Mag. Dr. Brigitte Pleyer, Mag. Alexandra Raidl

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 10/2022

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Zusatzmaterial online: Zu diesem Beitrag sind unter https://​doi.​org/​10.​1007/​s00058-022-2932-8 für autorisierte Leser zusätzliche Dateien abrufbar.
Aktiv anpassen Die Gruppe der hochaltrigen Menschen ist sehr heterogen und von unterschiedlichen Bedürfnissen geprägt. Diesen möglichst gerecht zu werden, ist für Pflege- und Betreuungskräfte prioritär - von der Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme im Aktionsradius Bett bis hin zur Begleitung in der Sterbephase.
Die Gruppe der Erwachsenen im hohen Alter ist sehr heterogen, wofür unterschiedliche phäno- und genotypische Voraussetzungen verantwortlich gemacht werden. Zur ersten Gruppe gehören Menschen im Alter von 90 und älter, die sehr aktiv sind. Ihnen ist es wichtig, trotz ihres hohen Alters sportlich aktiv zu sein. Dies spiegelt sich auch im Appetit wieder. Sie essen mit Freude und Lust und können ihre Mahlzeiten gut an den Tagesrhythmus und ihre Aktivitäten anpassen. Benötigt wird mitunter Unterstützung beim Einkauf, bei der Zubereitung und den hauswirtschaftlichen Nacharbeiten, wie Abwasch und Küchenreinigung. Diese aktiven Personen sind sehr bestimmend und wissen, was sie essen und trinken möchten.
Die zweite Gruppe hat viele Verluste im Leben erlitten. Am Ende alleine zu sein, stellt eine große psychische Belastung dar. Sie sehen wenige Gründe, die das Leben lebenswert machen. Doch ein Ziel ist noch da: jemanden zu sehen oder eine Angelegenheit zu klären. Sie erdulden dafür Schmerzen und Unangenehmes. Nahrung wird in angepasster Form akzeptiert. Wichtig ist hier, Geduld zu haben, die Wünsche nach bestimmten Speisen und Getränken zu erfragen und so gut als möglich zu erfüllen. Das Eingehen auf diese Wünsche wird als Wertschätzung und Anteilnahme empfunden. Nicht alle ältere Erwachsene können dies auch verbal formulieren und sich bedanken. Doch wenn sie die angebotenen Speisen annehmen und essen, sollte das von den betreuenden Personen schon als Anerkennung gewertet werden.
Die dritte Gruppe hat das hohe Alter mit einer Vielzahl an chronischen Erkrankungen erreicht, die den Körper zunehmend geschwächt haben. Den Beginn der Sterbephase von sehr alten, multimorbiden Menschen zu erkennen, ist für die betreuenden Personen nicht immer leicht. Bei manchen dauert diese Phase mehrere Wochen, bei anderen sind es wenige Tage. Meist erkennt man eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes und ein zunehmendes Schwinden der Lebensenergie. Neben der Verschlechterung der Grunderkrankungen kann es zu einer Vielzahl an Symptomen kommen, die eine Herausforderung für die Betreuungspersonen sind: Atemnot, Wundliegen, Fatigue, Mundtrockenheit, Juckreiz, Angst, Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen und andere Symptome können den Sterbeprozess begleiten. Um in dieser Phase zu helfen, braucht es ein hohes Maß an Erfahrung und professionellem Wissen. Pflegende Angehörige sollten sich in diesem Fall unbedingt an Pflegefachkräfte (z.B. mobiles Palliativpflegeteam, Pflegeeinrichtung) wenden, da eine solche Betreuung eine große Belastung sein kann.

Aktionsradius Bett

Während jüngere bzw. hochbetagte ältere Erwachsene mit guter Konstitution einen großen Aktionsradius haben, engt er sich bei schlechtem Allgemeinzustand immer mehr ein. Die Mobilität wird geringer. Beschwerden, Kraftlosigkeit, Gehbeeinträchtigungen und nicht verfügbare Unterstützung schränken den Aktionsradius immer mehr auf das eigene Bett ein. Es lässt sich sehr häufig beobachten, dass sich der ältere Erwachsene rund um das Bett eine "neue Welt" aufbaut.
Der Nachttisch nimmt eine wichtige Funktion ein. Brille, Hörgeräte, Zahnprothese, Medikamente, Telefon, Telefonbuch, Wasserglas, Uhr, Fernbedienung für den Fernseher und andere Dinge werden dort abgestellt. Solange die zu betreuende Person kommunizieren kann, ist es ganz besonders wichtig, diese Gegenstände in Reichweite zu belassen. Wünschenswert wären Ideen, die es ermöglichen, dass die für wichtig erachteten Gegenstände leicht auffindbar sind. Das schafft Gelassenheit und verhindert zudem Anschuldigungen, dass etwas weggenommen wurde. Mitunter ist der hygienische und optische Eindruck dieser Zusammenstellung für die Betreuungspersonen nicht erfreulich, sollte jedoch im Sinne der Autonomie und Selbstbestimmung so weit wie möglich akzeptiert werden.

Essbereich funktionell gestalten

Die Wahl des richtigen Schlafmöbels kann einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden haben. Ein höhenverstellbares Pflegebett sollte erst dann eingesetzt werden, wenn Pflegetätigkeiten im Bett unumgänglich sind (waschen, Einlagen wechseln …). Die unausgesprochene Botschaft für den älteren Menschen lautet nämlich: "Jetzt bin ich krank, pflegebedürftig und soll im Bett liegen bleiben". Das ist für die Motivation, wieder aus dem Bett zu steigen und selbstständig zu gehen, eher hemmend.
Da das Bett oft zugleich der Essbereich wird, ist es wichtig, diesen funktionell zu gestalten. Ein auf dem Boden rollbarer, schwenkbarer Beistelltisch kann auf die individuellen Bedürfnisse eingestellt werden. Auf diese Weise ist das Geschirr in Sichtweite gebracht. Die zu betreuende Person sollte, wenn möglich, die Mahlzeiten mit aufrechtem Oberkörper zu sich nehmen, und im Idealfall auch nach dem Essen einige Zeit aufrecht sitzend verweilen.
Bei starken Rückenschmerzen kann es allerdings sein, dass die Kompression auf die Wirbel und Bandscheiben zu groß ist, und die Betroffenen lieber seitlich liegend die Speisen zu sich nehmen. Auch außerhalb fixer Mahlzeiten und während der Nacht sollten Obst, Joghurt, Saft oder Wasser leicht erreichbar sein. Viele ältere Menschen haben wenig Appetit und würden lieber öfter kleine Portionen Portionen leicht verdaulicher Speisen zu sich nehmen als dreimal täglich eine normal große.

Ernährung am Lebensende

Essen und Trinken hat für jeden Menschen eine existenzielle und eine emotionale Bedeutung. Nahrung stillt neben den physischen auch sehr viele psychisch-emotionalen Bedürfnisse. Die stillende Mutter trägt nicht nur für die körperliche Entwicklung Sorge, sondern entwickelt auch eine innige Beziehung zum Säugling. Am Ende des Lebens braucht es in der Regel keine Nährstoffzufuhr, da diese von den schwächer werdenden Organen nicht mehr aufgenommen und weiterverarbeitet werden können. Im Vordergrund stehen das Wohlbefinden des Sterbenden und der respektvolle persönliche Umgang. Dieser Respekt sollte sowohl kognitiv Orientierten wie auch Demenzkranken in gleicher Weise entgegengebracht werden.

Ablehnen von Nahrung und Flüssigkeit

Grundlegend für die Entscheidung, in welcher Weise die Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung erfolgen soll, ist die Antwort auf die Frage, ob der ältere Erwachsene nicht essen kann oder nicht essen will. Wenn die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit abgelehnt wird, sollten zunächst unbedingt mögliche medizinische Ursachen für das Unvermögen zu essen und zu trinken abgeklärt werden. Es können eine Vielzahl an Ursachen wie beispielsweise Infektionen, entzündliche Erkrankungen in den Verdauungsorganen, chronische Verstopfung, Mundtrockenheit, Nebenwirkungen von Medikamenten, Depressionen, fortgeschrittene Demenz u.a.m. für das Desinteresse an der Nahrung verantwortlich sein.
Mitunter kann die Adaptierung der Konsistenz oder die Veränderung der Rahmenbedingungen (Ambiente, Essumgebung) zu einer Verbesserung der Akzeptanz. Durch besondere Achtsamkeit und Zuwendung lassen sich individuelle Wünsche und Bedürfnisse wahrnehmen und entsprechende Maßnahmen setzen.
Die richtige Geschwindigkeit beim Essenanreichen zu finden, ist von entscheidender Wichtigkeit, aber sowohl für pflegende Angehörige wie auch für professionelles Personal in der Fülle der Aufgaben eine Herausforderung.

Bedürfnisse realistisch einschätzen

Die Ernährung unter dem Gesichtspunkt der Lebenserhaltung und Unterstützung einer Therapie verliert am Lebensende ihre Bedeutung. Im Vordergrund steht, die körperlichen und psychischen Zeichen wahrzunehmen und Wünsche und Bedürfnisse realistisch einzuschätzen. Ist die Nahrungszufuhr mit Lebensmitteln über den Mund nicht möglich, können auch nach medizinischer Anordnung eine PEG-Sonde (PEG = perkutane endoskopische Gastrotomie) oder parenterale Ernährung zum Einsatz kommen.
Immer wieder kommt es vor, dass ältere Menschen in der Sterbephase das Essen und Trinken ablehnen. Wenn Angehörige das Gefühl haben, ihre Mutter oder ihr Vater würde verhungern und verdursten, wenn es keine Versorgung mit Speisen und Getränken mehr gibt, stimmt dies oft nicht mit dem Empfinden des Sterbenden überein. Die allmähliche, langsame Dehydratation im Sterbeprozess ist nach heutigem Wissensstand ein natürlicher Vorgang. Das Durstgefühl ist mehr davon abhängig, ob der Mund eine gut feucht haltende Mundpflege bekommt, als von der Menge der zugeführten Flüssigkeit.
Für onkologische Patienten ist seit Längerem belegt, dass sie in der unmittelbaren Sterbephase keinen Hunger oder Durst verspüren oder schon sehr kleine Mengen ausreichen. Ein natürlicher Prozess im Körper verhindert während des Sterbens die Empfindungen von Hunger und Durst (terminale Anorexie).
Für eine Flüssigkeitsgabe am Lebensende spricht, wenn der Sterbende trinken möchte, wenn die Gefahr von Kreislaufproblemen, Krämpfen oder Delir gegeben ist oder die Flüssigkeit als Lösungsmittel für Medikamente dient. Oft ist es auch für den behandelnden Arzt oder das Fachpersonal schwierig abzuschätzen, ob noch eine Chance zur Verbesserung besteht oder der Beginn des Sterbeprozesses eingesetzt hat.

Pflege einfach machen

Die Gruppe der Hochaltrigen und Langlebigen ist hinsichtlich ihrer körperlichen und psychischen Verfassung sehr heterogen.
Essen und Trinken sind für Hochbetagte und Langlebige oft die einzigen Momente für Sozialkontakte. Sie zu erhalten hat einen besonderen Stellenwert für den zu betreuenden älteren Erwachsenen.
Die Ablehnung von Essen und Trinken in der Sterbephase kann von Angehörigen als sehr beunruhigend empfunden werden. Unterstützung durch Fachkräfte hilft, diese Zeit des Abschiednehmens zu verstehen und anzunehmen.

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Metadaten
Titel
Speiseplan für Hochbetagte
verfasst von
Mag. Dr. Brigitte Pleyer
Mag. Alexandra Raidl
Publikationsdatum
01.10.2022
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Ernährung im Alter
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 10/2022
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-022-2932-8

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