Erfahrungen der psychosozialen Notfallversorgung an der Universitätsmedizin Magdeburg nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt
- Open Access
- 01.07.2025
- Leitthema
Zusammenfassung
Die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im Rahmen eines MANV-/Katastrophenlagen-Konzepts (MANV Massenanfall von Verletzten) ist ein wesentlicher Bestandteil im Umgang mit außergewöhnlichen Belastungssituationen, wie etwa nach Anschlägen. Die PSNV wird gemäß den Qualitätsstandards und Leitlinien des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe als Unterstützung für Überlebende, Angehörige, Hinterbliebene, Vermissende sowie Einsatzkräfte definiert, um psychische Belastungsreaktionen nach extrem belastenden Ereignissen zu mildern und einer Chronifizierung vorzubeugen [1]. Sie umfasst präventive, akute und nachsorgende Maßnahmen, um die psychische Gesundheit und soziale Stabilität von Betroffenen zu sichern oder wiederherzustellen [2]. In den vergangenen Jahren hat sich die PSNV im Rahmen von MANV-Konzepten als entscheidendes Element in der Krisenbewältigung etabliert, um die individuellen und kollektiven Folgen schwerwiegender Notfälle zu mindern.
Anschläge und vergleichbare MANV-Lagen treten plötzlich und unerwartet auf, überraschen die Betroffenen und lösen durch ihre Intensität massive emotionale und körperliche Reaktionen aus [3]. Neben den unmittelbaren physischen Auswirkungen belasten solche Ereignisse die psychische Gesundheit der Betroffenen erheblich, beispielsweise durch die Entstehung akuter Belastungsreaktionen, posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS), reaktiver Depressionen und Angststörungen [4, 5]. Psychosomatische Symptome wie Schlafstörungen, Herzrasen, Schmerzerleben und andere Körpersymptome sind häufig [6].
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Besonders relevant ist die Förderung von Schutzfaktoren wie sozialer Unterstützung zur Reduktion langfristiger Auswirkungen auf die psychische Gesundheit [2, 7]. Gleichzeitig müssen potenzielle Risikofaktoren berücksichtigt werden – etwa direkte Exposition, Verlust nahestehender Personen, mediale Reizüberflutung oder individuelle Vulnerabilitäten [8]. Fehlende Unterstützung und gesellschaftliche Stigmatisierung können die Genesung erschweren [6].
Nicht nur Betroffene selbst, sondern auch Helfende und medizinisches Personal benötigen gezielte psychosoziale Unterstützung. Nach vergleichbaren Ereignissen, wie dem Anschlag in Paris, zeigten Helfer:innen erhöhte Raten von PTBS und sekundärer Traumatisierung [9]. Kollegiale Unterstützung, Supervision und klare Rollenverteilung sind hier zentrale Schutzfaktoren [10]. Maßnahmen kollegialer Unterstützung, wie Peer-Support-Programme, stellen eine eigenständige, ergänzende Ressource zur Entlastung insbesondere von Mitarbeitenden und Einsatzkräften dar. Sie sind konzeptionell von der PSNV abzugrenzen, können jedoch sinnvoll in ein umfassendes Unterstützungskonzept eingebunden werden.
Auch Helfende und medizinisches Personal benötigen gezielte psychosoziale Unterstützung
In der vorliegenden Arbeit wird die Umsetzung und Weiterentwicklung der PSNV an der Universitätsmedizin Magdeburg in der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie nach dem Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt im Jahr 2024 dargestellt. Im Fokus des praxisorientierten Erfahrungsberichts steht eine strukturierte Darstellung der psychosozialen und (notfall-)psychologischen Angebote und deren Implementation im Rahmen des MANV-Konzepts an der Universitätsmedizin Magdeburg. Abschließend werden Reflexionen zu bisherigen Erfahrungen, Optimierungspotenziale und Perspektiven für die zukünftige PSNV in ähnlichen Krisensituationen diskutiert.
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Methode
Strukturelles und organisatorisches Vorgehen in der psychosozialen Notfallversorgung an der Universitätsmedizin Magdeburg
Unmittelbar nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt wurde am selben Abend eine PSNV bestehend aus Mitarbeitenden der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie alarmiert. Die PSNV sah zwei wesentliche Bereiche vor:
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Notfallambulanz, in der die Verletzten akut versorgt wurden (abgedeckt durch die Mitarbeitenden der Psychiatrie und Psychotherapie)
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Ambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Die psychosozialen Unterstützungsangebote standen Betroffenen und Angehörigen wie auch Einsatzkräften und Mitarbeitenden der Universitätsmedizin gleichermaßen zur Verfügung. Ergänzend zu diesen Angeboten wurden für Einsatzkräfte und Mitarbeitende spezifische Maßnahmen zur kollegialen Unterstützung in Form eines etablierten Peer-Support-Systems bereitgestellt. Das Peer-Support-Angebot für Einsatzkräfte und Mitarbeitende wurde in Ergänzung zu den neu implementierten Strukturen der PSNV im Rahmen der bereits etablierten Strukturen der Universitätsmedizin Magdeburg realisiert.
Psychosoziale Unterstützungsangebote wurden auch als Walk-in-Sprechstunde in der psychosomatischen Ambulanz angeboten
Etwa 1,5 h nach dem Attentat waren insgesamt 25 Kräfte der PSNV vollständig einsatzbereit. Dabei stand ärztliches, psychologisches sowie psychotherapeutisches Personal vor Ort bereit, um Betroffenen, Angehörigen, Ersthelfenden, Einsatz- und Rettungskräften sowie medizinischem Personal, die primär psychische Belastungserscheinungen aufwiesen und körperlich leicht oder unverletzt waren, umgehend Unterstützung anzubieten. Dabei wurde eine zentrale Notfallnummer als telefonischer Kontakt für die Bevölkerung freigeschaltet und über digitale Medien verbreitet. Wenige Stunden nach dem Anschlag erfolgte eine gut sichtbare Beschilderung mit Aufstellern und Hinweisschildern auf dem Campus.
Nach 72 h erfolgte die Überführung der PSNV-Angebote in die Spezialambulanz an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Die Angebote, die auch als Walk-in-Sprechstunde vorgehalten wurden, waren bis rund drei Wochen nach dem Anschlag im Zwei-Schicht-Modell (Frühdienst 8–15 Uhr, Spätdienst 15–21 Uhr) organisiert (täglich, auch an Wochenenden und Feiertagen), mit jeweils mindestens dreifacher Besetzung (Ärztinnen/Ärzte und Psychologinnen/Psychologen bzw. Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten) sowie rufbereiten Ergänzungskräften, um höheres Aufkommen adressieren zu können. Danach ging die Versorgung in eine Spezialambulanz bzw. Traumaambulanz innerhalb der Regelversorgung über.
Implementierte Maßnahmen der psychosozialen Notfallversorgung
Sofortmaßnahmen – die ersten 24 h
In den ersten 24 h nach dem Anschlag erfolgte vorrangig eine psychische Entlastung und Unterstützung von Angehörigen bei der Suche nach vermissten Personen. Dabei nutzte das psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlungsteam grundlegende Techniken der Krisenintervention im Sinne einer kurzfristigen Unterstützung bei akuten Belastungsreaktionen oder verwandten Symptomkonstellationen. Es wurden psychotherapeutische Gesprächsformate mit psychoedukativen Inhalten angewendet sowie Stabilisierungs‑, Distanzierungs- und Reorientierungsmaßnahmen vermittelt (siehe Zusatzmaterial online). Die Maßnahmen wurden von Ärzt:innen, Psycholog:innen und psychologischen Psychotherapeutinnen erbracht, die von erfahrenen Ärzt:innen und Psycholog:innen mit spezifischen Traumakompetenzen supervidiert wurden. Dieses Vorgehen ermöglichte eine bedarfsgerechte Versorgung über das klassische Spektrum niedrigschwelliger PSNV-Maßnahmen hinaus. Aufgrund der lange unsicheren Lage mit vielzähligen Falschmeldungen über weitere Anschlagsziele und Attentäter in der Stadt war eine durchgängige Präsenz des Sicherheitsdiensts vor Ort von hoher Bedeutung. Zudem war die prompte Versorgung mit Getränken, Snacks und benötigten Materialen eine große Unterstützung für die Einsatzkräfte.
Psychosomatische Visite im Rahmen der interdisziplinären Versorgung.
Neben der Versorgung der Betroffenen wurde am Morgen nach dem Attentat eine interdisziplinäre Erstvisite aller in der ersten Nacht operativ/chirurgisch versorgten Patienten durchgeführt. Hierbei war eine Oberärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Teil des Teams der unfallchirurgischen Visite, um frühzeitig bei den schwer- und schwerstverletzten Patienten psychosomatische Konsil‑/Liaisonbedarfe zu erkennen und weiterführende Angebote machen zu können.
Spezialambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Magdeburg
Nach 72 h (nach Rückgang der Inanspruchnahme zu Nachtzeiten) gingen die Sofortmaßnahmen in ein strukturiertes Versorgungsmodell über, in dem die Spezialambulanz für Betroffene des Attentats von 8 bis 21 Uhr mit jeweils mindestens drei ausgebildeten Fachkräften besetzt war (Ärztinnen/Ärzte, Psychologinnen/Psychologen, Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten). Das Angebot umfasste fortlaufend Kriseninterventionen und telefonische Beratung. Auch in diesem Setting wurde – abhängig von Symptomlage und Bedarf – ein erweitertes Spektrum an psychotherapeutischen Interventionen eingesetzt, etwa supportive psychotherapeutische Gespräche, Techniken zur Affektregulation sowie Übungen zur Stabilisierung und Reorientierung. Ein tägliches Supervisionsangebot (jeweils zur Schichtwechselzeit angeboten) durch interne und externe Supervisor:innen stellte sicher, dass die eingesetzten Fachkräfte kontinuierlich eigene Erlebnisse und Belastungen reflektieren konnten.
Peer-Support als kollegiale Unterstützung
Ein zentrales Element der Unterstützung für die Mitarbeitenden verschiedener Fachabteilungen war das seit Anfang 2024 an der Universitätsmedizin Magdeburg implementierte Peer-Support-System. Die ausgebildeten Mitarbeitenden („Peers“) verschiedener Berufsgruppen konnten im Ereignisfall niedrigschwellige Gespräche zur Entlastung und Unterstützung anbieten. Dieses Konzept wurde ergänzend zur kurzfristigen PSNV-Implementierung betroffenen Mitarbeitenden angeboten und erwies sich insbesondere im Rahmen der Versorgung nach dem Anschlag als wertvolles Element, um Belastungen abzufangen.
Krisenkommunikationsmaßnahmen
Die interne und externe Kommunikation erfolgte über die zentrale Pressestelle der Universitätsmedizin Magdeburg, welche die Koordination aller Medienanfragen übernahm. Gleichzeitig wurden die Unterstützungsangebote der PSNV sowie der Spezialambulanz über Social Media (Instagram, LinkedIn) und lokale Kanäle (Zeitungen, Internetseite der Universitätsmedizin Magdeburg, Fernsehbeiträge bei MDR) kommuniziert. Mehrfache Fernsehauftritte bei (über-)regionalen Fernsehanbietern wurden ausgestrahlt, um die Erreichbarkeit der Unterstützung zu verbreiten und psychoedukative Inhalte in der Bevölkerung zu vermitteln.
Interprofessionelle Zusammenarbeit
Bei der Bewältigung der psychosozialen Folgen des Anschlags arbeiteten verschiedene Berufsgruppen eng zusammen: Ärztinnen/Ärzte, Psychologinnen/Psychologen, Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten, Pflege, Verwaltung, Sicherheitsdienst, Klinikseelsorgende und externe Supervisorinnen/Supervisoren. Diese innerklinische Vernetzung ermöglichte kurze Entscheidungswege und eine rasche Abstimmung bei organisatorischen Fragen. Konsiliarische Beratungen und entlastende Gespräche wurden über die nachfolgenden Wochen durchgängig von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie angeboten.
Ergebnisse
Akzeptanz und Nutzung der psychosozialen Notfallversorgung
Innerhalb der ersten 48 h (20.–21.12.2024) stand die Betreuung insbesondere von Angehörigen der Betroffenen im Vordergrund. Die Fragestellungen bezogen sich dabei auf die Suche von Angehörigen sowie auf die Sorge durch Ungewissheit und berechtigte Befürchtungen, dass die Angehörigen lebensbedrohlich verletzt oder schwer- bzw. schwerstverletzt sein könnten. Da im MANV-Fall als Standard zunächst mit Nummern statt Personendaten für Verletzte in den Kliniksystemen gearbeitet wird, ergaben sich für die Angehörigen teils sehr lange Wartezeiten (teils bis in die Morgenstunden des Folgetags) bis zur Kenntnis, welche Klinik die Behandlung der Betroffenen übernommen hatte. In den ersten 48 h wurden hierbei etwa 150 Kontakte (davon 7 Konsiliaranfragen) von den Mitarbeitenden der PSNV an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie bearbeitet.
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Ab dem 22.12.2024 nahm die Zahl der persönlichen Kontakte aufgrund der eigenen Betroffenheit deutlich zu. Es nutzten in dieser Zeit über 200 überwiegend direkt Betroffene und Angehörige sowie teilweise auch Einsatz- und Rettungskräfte, Ersthelfende sowie Klinikumsmitarbeitende das Angebot; davon 144 im Rahmen eines psychoedukativen, entlastenden und stabilisierenden Gesprächs im persönlichen Kontakt und zusätzlich weitere 56 in durchgängig angebotenen telefonischen Anfragen.
Ab dem 07.01.2025 erfolgte die Versorgung durch die Spezialambulanz mit Terminvergabe vorab und etwa 15–20 Anfragen pro Woche. Bis Mitte März wurden weitere 172 Personen in Form persönlicher diagnostischer und stützender Gespräche versorgt sowie im Verlauf in der Traumaambulanz gemäß Sozialgesetzbuch (SGB) XIV behandelt.
Insgesamt wurden somit etwa 150 Angehörige in den ersten 48 h betreut, anschließend über 200 Betroffene, Angehörige sowie Einsatz- und Rettungskräfte. Bis März 2025 erfolgte zudem die Versorgung weiterer 172 Personen in der Spezial- und Traumaambulanz, was der Behandlung einer Gesamtzahl von rund 500 Personen in den ersten drei Monaten nach dem Anschlagsereignis entspricht. Die Angaben zur Inanspruchnahme beruhen auf den klinikinternen Dokumentationen und Erfahrungen der Mitarbeitenden.
Erfahrungsberichte aus Sicht der Anbietenden von psychosozialer Notfallversorgung
Die Einschätzungen zu stabilisierenden Wirkfaktoren und zur Wirksamkeit der eingesetzten Maßnahmen basieren auf qualitativen Eindrücken der beteiligten Fachkräfte sowie auf Rückmeldungen von Betroffenen. Ein Mitarbeitender resümiert seine Arbeit in der PSNV: „Wichtige Punkte waren: Gewissheit (über den Zustand der betroffenen Angehörigen) schaffen, Perspektiven erarbeiten und ein Gefühl vermitteln, dass die Hilfesuchenden gut aufgehoben sind.“ Die führenden Wirkfaktoren umfassten die Vermittlung von Sicherheit und Beruhigung in einer empathischen Beziehungserfahrung und die Stärkung von Kontrollerleben und Selbstwirksamkeit, wirksam durch die Besprechung konkreter individueller Handlungsstrategien, Anleitungen und Handouts mit Übungen zur Selbstregulation und zur Reorientierung sowie darüber hinaus durch das Vermitteln von Zuversicht und Hoffnung, etwa durch Informationen über weiterführende Hilfsangebote sowie durch die Aufklärung über erwartbare akut- und posttraumatische Symptomverläufe. Zahlreiche Patientinnen und Patienten berichteten unmittelbar nach den Gesprächen von einer spürbaren Erleichterung. In späteren Kontakten beschrieben sie zudem, dass die vermittelten notfallpsychologischen Übungen ihnen ein stärkeres Gefühl von Kontrolle über ihre Beschwerden gaben. Durch ein verbessertes Verständnis der aufkommenden Beschwerden konnten Ängste verringert werden.
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Aufgrund der teils sehr ähnlichen Schilderungen der Erlebnisse der betroffenen Augenzeugen (beispielsweise Geräusche des durch die Menschen fahrenden Fahrzeugs, das Schreien der Betroffenen und verletzten Kinder) sowie bedingt durch den Umstand der Verortung des Traumas im engsten Lebensbereich der Therapeut:innen (Marktplatz der Heimatstadt) wurde das Risiko einer Sekundärtraumatisierung für Therapeut:innen der Spezialambulanz als eher hoch eingeschätzt. Deshalb waren die täglichen Supervisionsangebote in der Akutphase von besonderer Bedeutung. Gleichzeitig war es notwendig, im Verlauf weitere Kolleg:innen hinsichtlich der spezifischen Kompetenz im Bereich Traumanachsorge, in Interventionen bei Belastungsreaktion sowie in der spezialisierten PTBS-Behandlung weiterzubilden, um den Kreis der Einsatzkräfte für die längerfristige Versorgung der Betroffenen möglichst groß zu gestalten.
Diskussion
In der Rückschau auf die Versorgung, zunächst in der PSNV (erste 48 h nach Anschlagsgeschehen) und dann in der Spezialambulanz und Traumaambulanz, wurde das Zusammenspiel verschiedener Fachdisziplinen von allen professionellen Beteiligten sehr geschätzt und die Umsetzung der bestehenden MANV-Konzepte als wirksam und hilfreich bewertet. Hierzu zählten insbesondere die vorbestehende Definition von Rollen der Beteiligten und der konkreten Örtlichkeiten zur Umsetzung der Angebote sowie die Einbindung in die Kommunikation des klinikinternen Krisenstabs, um eine effiziente, umfassende Versorgung zu erreichen. Hierbei hat sich die Einbindung einer strukturiert vorhandenen PSNV, Spezialambulanz und Traumaambulanz in bestehende Großschadenskonzepte (bzw. MANV-Konzepte) als sehr hilfreich und notwendig erwiesen.
Bei dieser Art des vom Menschen verursachten Traumas ist von PTBS- bzw. Folgestörungsraten zwischen 25 und 40 % auszugehen [11]. Bei insgesamt etwa 1800 betroffenen Personen ist eine Behandlungsnotwendigkeit im Verlauf bei rund 600 Betroffenen zu erwarten. Entsprechend bereiten sich niedergelassene Psychotherapeut:innen, Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie und Fachärzt:innen für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Abstimmung beispielsweise mit der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt auf diese Bedarfe vor und schaffen für die Menschen ein durchgängig verfügbares und hoch qualifiziertes Behandlungsangebot – gemeinsam mit den Kliniken der Region und ihren spezialisierten Ambulanzen, insbesondere auch mit den Universitätskliniken für psychische Gesundheit in Magdeburg.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Betreuung des eingesetzten Personals. Im Rahmen der präklinischen PSNV existieren etablierte Empfehlungen zur Personalstärke, die eine Orientierung an der Anzahl und Belastung der Betroffenen vorsehen. Nach den Qualitätsstandards des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe werden 1–2 PSNV-Kräfte für 10–15 Betroffene empfohlen [12]. Für das hier beschriebene klinische Versorgungsszenario ergab sich ein Verhältnis von durchschnittlich 6 betreuten Personen pro Fachkraft in der Akutphase bei etwa 25 Einsatzkräften. In der anschließenden Versorgung über die Spezialambulanz (etwa 14 Tage) lag das Verhältnis – bezogen auf den täglichen aktiven Personaleinsatz im Zwei-Schicht-System – bei durchschnittlich 1,7 betreuten Personen pro Fachkraft und Tag. In der ambulanten Nachsorge bis März 2025, in der zusätzlich 172 Personen betreut wurden, entsprach dies einem durchschnittlichen Verhältnis von etwa 1,5 bis 2 betreuten Personen pro Fachkraft und Woche unter Berücksichtigung des kontinuierlich eingesetzten Teams von rund 12 Fachkräften. Eine systematische Analyse zur Übertragbarkeit dieser Personalstärken ist auch bezogen auf die langfristige Versorgung sinnvoll und könnte einen Beitrag zur Weiterentwicklung und Qualitätssicherung bestehender Versorgungskonzepte leisten, wobei das Peer-Support-Team Beachtung verlangt, da es zusätzlich unkomplizierte und barrierearme Ansprechbarkeit bot. Aufgrund täglich angebotener Supervision konnte das Helfendenteam handlungsfähig bleiben. Dies zeigt die Relevanz eines durchdachten Ressourcenmanagements, in dem die Bedürfnisse sowohl der Betroffenen als auch der Mitarbeitenden gleichermaßen berücksichtigt werden. Regelmäßige Schulungen und Übungen sind für eine effektive psychosoziale Notfallhilfe von zentraler Bedeutung [13]. Durch gezielte Schulung der Peers und des ärztlich-psychotherapeutisch tätigen Personals lernen alle Beteiligten, im Ernstfall rasch und sicher zu reagieren [14]. Das Vorhalten schnell rezipierbarer Erinnerungsstützen für Interventionstechniken und die Erstellung kurzer Anleitungsvideos, beispielsweise zur Durchführung von Reorientierungs- und Stabilisierungsübungen für Betroffene, sind Maßnahmen, die für Betroffene wie Mitarbeitende hilfreich sein können.
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Die Folgen des Attentats auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg untersuchen die Autoren aktuell in der bevölkerungsweiten Studie „MD-Care“. Hieraus sollen weitere Implikationen für die Weiterentwicklung der PSNV abgeleitet und die reflexiven Einordnungen wie hier wiedergegeben durch wissenschaftliche Evaluation überprüft und differenziert werden. Ziel ist es, die Wirksamkeit des Versorgungsmodells der Universitätsmedizin Magdeburg für die Akut- und Langzeitversorgung von Betroffenen systematisch zu prüfen und die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis zu implementieren. Zusätzlich werden psychosoziale Belastungen und psychosomatische Erkrankungen in dieser wissenschaftlichen Studie im Langzeitverlauf erhoben. So soll eine nachhaltige Stärkung der psychosozialen Versorgung bei zukünftigen Krisen- oder Großschadensereignissen erreicht werden.
Fazit für die Praxis
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Frühzeitige Verfügbarkeit der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV): Eine rasch verfügbare, strukturiert implementierte PSNV ist entscheidend dafür, Belastungsreaktionen frühzeitig zu erfassen und Folgestörungen vorzubeugen.
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Interdisziplinarität und Supervision: Eine koordinierte Zusammenarbeit aller Berufsgruppen sowie regelmäßige Supervision sichern die Qualität der Versorgung und schützen das Personal vor Überlastung.
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Niedrigschwellige Zugänge und klare Kommunikation: Zentrale Kontaktstellen, erkennbare Räumlichkeiten und die gezielte Information über Social-Media-Kanäle (unter anderem Messenger-Dienste wie WhatsApp; Plattformen wie LinkedIn oder Instagram) fördern die professionelle Absprache sowie die Inanspruchnahme der Angebote.
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Integration in Notfallpläne: Psychosoziale Strukturen sind verbindlicher Teil von klinischen Konzepten für Massenanfälle von Verletzten (MANV) mit Einbindung der PSNV-Leitung in Krisenstäbe.
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Evaluation und Qualitätsentwicklung: Wissenschaftliche Begleitung ermöglicht die Überprüfung und Weiterentwicklung der Maßnahmen zur Sicherstellung einer bedarfsgerechten Versorgung.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
C. Rometsch, K. Geue, J. Krüger, S. Peter und F. Junne geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die nicht-kommerzielle Nutzung, Vervielfältigung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die Lizenz gibt Ihnen nicht das Recht, bearbeitete oder sonst wie umgestaltete Fassungen dieses Werkes zu verbreiten oder öffentlich wiederzugeben.
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