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Erschienen in: Pflegezeitschrift 8/2022

01.07.2022 | Diversity | Pflege Pädagogik Zur Zeit gratis

Gemeinsam gegen Diskriminierung

verfasst von: Prof. Dr. Claudia Stolle-Wahl, Daniela Reinhardt

Erschienen in: Pflegezeitschrift | Ausgabe 8/2022

Zusammenfassung

Auszubildende und Studierende erleben bereits während der Praxiseinsätze im Rahmen der Ausbildung erste Diskriminierungserfahrungen. Mit diesen Erlebnissen gehen für die Betroffenen meist hohe Belastungen einher und ein Ausstieg aus dem Pflegeberuf wird in Erwägung gezogen. Es ist somit erforderlich, dass sich Auszubildende und Studierende der Pflege schon frühzeitig mit "Diversität und Diskriminierung" auseinandersetzen sowie Strategien und Empowerment bei Diskriminierungserfahrungen entwickeln; Einrichtungen der Pflege- und Gesundheitsversorgung sollten den Beschäftigten ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld ermöglichen.
Auszubildende und Studierende engagieren sich In einem "Kollaborativen Antidiskriminierungstag" zwischen Auszubildenden des Bremer Zentrums für Pflegebildung und Studierenden des Internationalen Studiengangs Pflege B.Sc. - primärqualifizierend der Hochschule Bremen setzten sich die Auszubildenden und Studierenden gemeinsam mit dem Thema der Antidiskriminierung auseinander und entwickelten Ideen zu Diskriminierungsvermeidung in der Arbeitswelt der beruflich Pflegenden.
Diskriminierungen beinhalten Kategorisierungen von Menschen, mit denen bestimmte Stereotypen in Verbindung gebracht werden (Aronso et al. 2008). Aus der Studie zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschlang geht hervor, dass 26,4% der Beschäftigten im Bereich Gesundheit und Pflege Diskriminierungserfahrungen im Berufsumfeld erlebten (Beigang 2017). 14,9% der Pflegenden beschreiben in der Studie von Theobald 2017, wöchentlich mit Kommentaren von rassistischem Hintergrund konfrontiert zu sein (4,6% bei Pflegenden ohne Migrationshintergrund). Dazu sehen sich diesbezüglich 20,4% der Befragten körperlicher Gewalt ausgesetzt (7,6% bei Pflegenden ohne Migrationshintergrund) (Theobald 2017).

Viele Arten der Diskriminierung - auch in der Pflege

Bremen ist das Bundesland mit dem höchsten Anteil an Einwohner*innen, die nicht in Deutschland geboren wurden (36,1%) (butenunbinnen 2021) und es muss davon ausgegangen werden, dass die Diskriminierungserfahrungen von Pflegenden in der Region noch über den in der Literatur beschriebenen Werten liegen. Diskriminierung in der Pflege findet dabei nicht isoliert gegenüber Pflegenden mit Migrationshintergrund statt, sondern erfolgt auch in Verbindung mit Religion, Hautfarbe, Nationalität, Geschlecht, Gewicht, Alter, sexueller Identität oder Bildungshintergrund (Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2021). Sowohl Auszubildende des Bremer Zentrums für Pflegebildung als auch Studierende des Internationalen Studiengangs Pflege B.Sc. - primärqualifizierend beschrieben in der Reflexion der Praxiseinsätze bereits erste Diskriminierungserfahrungen durch zu Pflegende aber auch innerhalb des Teams oder in der interprofessionellen Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Diese Erfahrungen haben die Lernenden teils schwer belastet und leider muss davon ausgegangen werden, dass Auszubildende, Studierende und später die im Beruf tätigen Pflegenden entlang der oben beschriebenen Gegebenheiten im Rahmen ihrer Berufstätigkeit mit struktureller Diskriminierung weiter konfrontiert werden. Diskriminierungserfahrungen stehen somit nicht ursächlich mit dem Ausbildungsstatus in Verbindung, sondern mit der Diversität des Handlungs- und Berufsfeldes. Diskriminierungserfahrungen können eine Ursache für einen Abbruch der Pflegeausbildung oder des Pflegestudiums, bzw. dem Ausstieg aus dem Pflegeberuf sein (Gonzáles 2021).
Professionell Pflegende haben einen Versorgungsauftrag in der Sicherstellung der Behandlung und Betreuung der von ihnen betreuten überwiegend vulnerablen Gruppen. Im beruflichen Kontext besteht für Pflegende häufig nur selten die Möglichkeit, eine diskriminierende Situation zu umgehen oder diese gänzlich zu vermeiden. Pflegende müssen hier trotz Diskriminierung die professionelle Versorgung der zu Pflegenden weiterführen und im (interdisziplinären) Team konzentriert und verantwortungsvoll zusammenarbeiten.
Bildungseinrichtungen und Arbeitgeber*innen des Gesundheitswesen sind somit gefordert, das Thema eines diskriminierungsfreien und diversitätssensiblen Arbeitsumfeldes aufzugreifen und hier Angebote zu machen, die bereits in der Ausbildungs- und Qualifikationsphase zu einem Empowerment und zu einem Kompetenzerwerb im Umgang und der Vermeidung von Diskriminierung führen. Ziel ist, dass Pflegende - vor allem vor dem Hintergrund des Pflegefachkraftmangels in der Pflege - den Beruf nicht aufgrund von Diskriminierungserfahrungen verlassen und diskriminierungsfreie sowie diversitätssensible Arbeitsbedingungen erleben, die ein langes Arbeiten in der Pflege ermöglichen und eine sichere Versorgung zu Pflegender sicherstellt.

Kooperation zwischen Schule und Studiengang

Ziel des gemeinsamen Antidiskriminierungstages war es - im Rahmen des Integrierten Gesundheitscampus in Bremen - Auszubildende des Bremer Zentrums für Pflegebildung und Studierende des Internationalen Studiengangs Pflege - primärqualifizierend zusammenzubringen und einen bildungseinrichtungsübergreifenden Austausch und Empowerment zum Thema Umgang mit Diskriminierungserfahrungen zu ermöglichen. Diskriminierung erfolgt im Berufsalltag unabhängig von der Ausbildung oder dem Status der Pflegenden. Die beiden Ausbildungswege wurden zusammengeführt, um ihnen ein gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen und eventuelle Vorbehalte zu reduzieren, um eine gelingende intraprofessionelle Zusammenarbeit in den späteren Praxiseinsätzen anzustreben. Die Teilnehmenden waren in den einzelnen Workshops gefordert, gemeinsam die Herausforderungen im Bereich der diversitätssensiblen Pflege und in der Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Diskriminierungserfahrungen in der Pflege konstruktiv zu bearbeiten. Hierdurch soll ein Beitrag für gesunde und attraktive Arbeitsbedingungen geschaffen werden und gemeinsam soll die Profession der Pflege gestärkt werden. Selbstbewusste und gut qualifizierte Pflegende in einem diskriminierungsfreien und diversitätssensiblen Arbeitsumfeld sind eine Voraussetzung, um einen nachhaltigen Beitrag zur Sicherung und Entwicklung der Versorgungsqualität in der Pflege zu leisten.

Bittere Erfahrungen

In Vorbereitung auf den "Kollaborativen Antidiskriminierungstag" erfolgte zunächst eine Befragung unter den Studierenden und Auszubildenden zu ihren bisherigen Diskriminierungserfahrungen während der Praxiseinsätze. An der Datenerhebung nahmen insgesamt 26 Lernende der beiden Ausbildungswege teil. Aufgrund der eher geringen Beteiligung der Auszubildenden und Studierenden an der Befragung sind die Ergebnisse kritisch zu betrachten, sie geben jedoch trotz der kleinen Stichprobe ein eindrucksvolles Bild von den Diskriminierungserfahrungen bereits zu Beginn der pflegerischen Berufslaufbahn.
Bereits neun von 26 Befragten gaben an, von Diskriminierung betroffen gewesen zu sein, wovon sieben Befragte sich diesbezüglich nicht sicher waren. Weiterführend gaben sieben von 16 Pflegelernenden an, schon häufiger Diskriminierungserfahrungen gesammelt zu haben. Auf die Frage nach Diskriminierungsdimensionen erlebten elf von 15 Befragten Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft, sieben im Rahmen ihres Status als Auszubildende oder Studierende und vier gaben Diskriminierung sowohl im Zusammenhang mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit als auch in Verbindung mit ihrer Religionszugehörigkeit an (Mehrfachantworten waren möglich) (Abb. 1). Diese Erfahrungen lösten bei den Befragten in erster Linie 'Wut' aus (neun Nennungen), gefolgt von einem Gefühl des 'Verletzt' sein (sieben Nennungen), Traurigkeit (fünf Nennungen) und in geringeren Ausprägungen eine Entmutigung und einem Gefühl der Hilf- und Schutzlosigkeit. Zehn von 16 Auszubildenden bzw. Studierenden führten in der Befragung auf, dass Sie in den Situationen der Diskriminierung niemanden hatten, der ihnen dabei zur Seite stand. Sechs von 16 Befragten gaben im Verlauf der Befragung an, im Zusammenhang mit den Diskriminierungserfahrungen darüber nachgedacht zu haben, die Ausbildung oder das Studium aufzugeben.
Auch wenn die geringe Teilnehmer*innenanzahl an der Umfrage kein repräsentatives Bild darstellt, wird gut sichtbar, dass Auszubildende und Studierende bereits während der ersten Praxiseinsätze Diskriminierungserfahrungen aufgrund von Herkunft, Religion und Ausbildungsstatus sammeln, dies als emotional belastend empfinden und einige Lernende basierend auf diesen Erfahrungen über eine Beendigung der Tätigkeit in der Pflege nachdenken. Es ist somit schon eine frühe Auseinandersetzung mit dieser Thematik sowie ein gezieltes Empowerment für die angehende Pflegegeneration erforderlich, um gesunde und attraktive Arbeitsbedingungen in der Pflegepraxis zu ermöglichen.

Raum für Selbstempowerment

Den Studierenden und Auszubildenden standen zwei Workshopangebote zur Verfügung: Ein Workshop richtete sich an Studierende und Auszubildende der Pflege, die (eigene) Rassismus- und/oder Antisemitismuserfahrungen im Rahmen der Pflegeausbildung in Deutschland erleben oder erlebten, beispielsweise People of Color, Migrant*innen und/oder Juden und Jüdinnen und anderer Religionsgemeinschaften. In diesem Workshop stand die Stärkung der Professionalität sowie die Erfahrungsvielfalt im Mittelpunkt. In einem geschützten Rahmen fand eine Auseinandersetzung mit Rassismus, Ausdrucksformen von Rassismus, bereits vorhandenen und benötigten Strategien statt. In diesem Workshop gab es Raum für Selbstempowerment und Austausch unter den Betroffenen. Begleitet wurde der Workshop von einer professionellen interkulturellen Trainerin. Ein zweiter Workshop richtete sich an Studierende und Auszubildende ohne eigene Rassismuserfahrungen. Diese Lerngruppe setzte sich in Kleingruppen mit verschiedenen Kerndimensionen von Diversität und Formen von Diskriminierung in diesen Bereichen auseinander. In diesen Gruppen fand ein lebhafter und reflektierender Austausch zwischen Studierenden und Auszubildenden statt.
Besonders viel Raum nahm neben der Auseinandersetzung mit strukturellem, institutionellem und interpersonellem Rassismus das Thema sexualisierte Gewalt ein. Im Verlauf wurden Strategien zur Unterstützung antidiskriminierender Maßnahmen in Teams und Organisationen des Gesundheitswesens entwickelt, zum Beispiel den Aufbau von "Verbündetenschaften", die den Teamzusammenhalt fördern und stärken sowie die individuellen kollegialen Ressourcen der Teams analysieren und gezielt einsetzbar machen.

Resümee zum 'Kollaborativen Antidiskriminierungstag'

Auszubildende und Studierende arbeiteten über den gesamten Tag sehr konzentriert am Thema und die häufig in der Praxis erlebten Vorbehalte zwischen den beiden Ausbildungswegen - berufsschulische Ausbildung versus akademische Qualifizierung - waren in der Auseinandersetzung mit dem Thema "Diversität und Diskriminierung" nicht zu beobachten und bahnten an dieser Stelle eine enge intraprofessionelle Kooperation an, die die Teilnehmenden als positive Erfahrung mit in ihr zukünftiges Berufsleben nehmen können. Ersichtlich wurde, dass trotz der sehr intensiven Auseinandersetzung mit dem breiten Themenfeld "Diversität und Diskriminierung" sowohl Auszubildende als auch Studierende sich eine weitergehende Vertiefung wünschten, um beispielsweise die Umsetzung der in den Arbeitsgruppen entwickelten Ideen für ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld anzubahnen. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit den Kerndimensionen von Diversität wurde insbesondere in der Kleingruppenarbeit innerhalb der Workshops deutlich, dass Rassismuserfahrungen sowie sexualisierte Gewalt zentrale Themen für die Pflegelernenden sind und sie sich diesbezüglich Schutzkonzepte wünschen. Als weiteres Ergebnis wurde deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Diversität, Diskriminierungserfahrungen und den Strategien zur Vermeidung von Diskriminierung systematisch und wiederkehrend in die verschiedenen Ausbildungsphasen integriert werden muss.
Darüber hinaus reicht es nicht, dieses Thema nur in der Ausbildung der Pflegenden aufzugreifen. Es sind vor allem die Einrichtungen der Pflege- und Gesundheitsversorgung gefordert, Strukturen zu schaffen, die eine diskriminierungsfreie Berufstätigkeit ermöglichen und Teams in ihren "Verbündetenschaften" zu stärken, um klare Haltungen in Teams im Kontext der Diskriminierung aufzubauen und diese gegenüber der zu Pflegenden aber auch innerhalb der Teams stark zu machen.

Literatur

Konzeption des Antidiskriminierungstages

Das von der Berufsschule und der Hochschule gemeinsam entwickelte Konzept des Antidiskriminierungstages konzentrierte sich in der Lernzielgestaltung des Workshops auf
  • die Vermittlung rechtlicher Grundlagen (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), Beschwerdestrukturen und Räume für die Thematisierung von Diskriminierung im Gesundheitswesen,
  • eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Diversität im sozialwissenschaftlichen Diskurs und den Kerndimensionen von Diversität "Geschlecht/Gender", "Alter/Generationen", "Race/Hautfarbe", "Ethnizität/Nationalität", "Behinderungen/Beeinträchtigungen", "Sexuelle Orientierungen" sowie "Religion und Weltanschauung",
  • Formen von Diskriminierung
  • die Auseinandersetzung mit und die Reflexion von Diskriminierungserfahrungen bezogen auf die Kerndimensionen von Diversität, insbesondere mit einem Fokus auf Rassismus,
  • ein Empowerment zum Umgang und Bewältigung von Diskriminierungserfahrungen,
  • die Entwicklung von wechselseitiger "Verbündetenschaft" im Qualifikationsmix der Pflegeteams sowie
  • die Entwicklung von ersten Ideen für ein diskriminierungsfreies sowie diversitätssensibles Arbeitsumfeld in Organisationen des Gesundheitswesens.

Fazit

Pflegeauszubildende und -studierende werden bereits während der Ausbildung mit als belastend erlebten Diskriminierungserfahrungen konfrontiert.
Für ein attraktives und gesundheitsförderliches Berufsfeld der Pflege ist erforderlich, dass bereits in der Ausbildung eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema Antidiskriminierung erfolgt und auch Arbeitgeber im Gesundheitssektor ein diversitäts- und diskriminierungssensibles Arbeitsumfeld in der Pflege ermöglichen.

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Metadaten
Titel
Gemeinsam gegen Diskriminierung
verfasst von
Prof. Dr. Claudia Stolle-Wahl
Daniela Reinhardt
Publikationsdatum
01.07.2022
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Diversity
Erschienen in
Pflegezeitschrift / Ausgabe 8/2022
Print ISSN: 0945-1129
Elektronische ISSN: 2520-1816
DOI
https://doi.org/10.1007/s41906-022-1303-z

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