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Open Access 02.11.2022 | Schwerpunktthema

Die MISSCARE-Austria-Studie

Einführende Überlegungen: Missed Nursing Care aus der internationalen und österreichischen Perspektive

verfasst von: Ana Cartaxo, Inge Eberl, Hanna Mayer

Erschienen in: HeilberufeScience

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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Studien zeigen, dass Pflegepersonen notwendige Pflegetätigkeiten auf Allgemeinstationen im Krankenhaus implizit rationieren müssen (Kalisch etal. 2009; Schubert et al. 2008, 2021). Implizite Rationierung von Pflegetätigkeiten findet statt, wenn „die einzelne Pflegekraft im Einzelfall selbst entscheidet, welche Tätigkeiten sie unter Zeitnot vornimmt bzw. unterlässt, ohne dass klar definierte Auswahlkriterien oder Informationen zur Verfügung stehen“ (Zander et al. 2017, S. 72). Zudem wird deutlich, dass es aufgrund impliziter Rationierung sowohl zu einer fehlenden Versorgungsqualität und zu verminderter Patient*innensicherheit als auch zu negativen personalbezogenen Outcomes kommt (Recio-Saucedo et al. 2018; Bragadóttir et al. 2020; Alsubhi et al. 2020).
Dieses Phänomen wird u. a. als Missed Nursing Care beschrieben (Kalisch 2006). Missed Nursing Care ist ein internationales Problem, welches in verschiedenen Ländern – auch in solchen, wo andere Kulturen und Gesundheitssysteme vorherrschen – mit vergleichbaren kontextbezogenen Einflussfaktoren, Mechanismen und Outcomes erklärt wird (Clarke und Aiken 2008). Jones et al. (2015) berichten dabei jedoch über eine hohe länderübergreifende Varianz in der Häufigkeit von Missed Nursing Care sowie über eine unterschiedliche Gewichtung bei den identifizierten Einflussfaktoren über die Ländergrenzen hinaus. Bei der Interpretation dieser Streuung betonen die Autor*innen, dass die unterschiedlichen kontextuellen, berufspolitischen und wirtschaftlichen Aspekte in der Ausübung der Pflegeberufe im akutstationären Bereich eine zentrale Bedeutung für die Ausprägung und für das Erklären von Missed Nursing Care haben. Aus diesem Grund sind länderspezifische Studien zu diesem Phänomen notwendig.
Im Gegensatz zu anderen Ländern, wo bestehende Studien zu einer Standortbestimmung beitragen, fehlt es in Österreich an einer Datengrundlage über Missed Nursing Care und dessen Einflussfaktoren. Und genau dies wäre hierzulande in der akuten Gesundheitsversorgungslandschaft besonders wichtig; nicht nur, weil die Gesundheitsversorgung in Österreich tendenziell krankenhauszentriert ist (Habl et al. 2010), sondern ebenso, weil bereits 2003 vom Ludwig Boltzmann Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie Qualitätsprobleme in der pflegerischen Versorgung in österreichischen Krankenhäusern identifiziert wurden (Krajic et al. 2003).
Hier spielt die derzeitige Pflegepersonalsituation in der Qualität der Versorgung in österreichischen Krankenhäusern eine bedeutende Rolle: Es fehlt bereits an Pflegepersonen, und vorhandene Prognosen sagen eine Verschlechterung der Personalsituation im akuten Bereich vorher (Rappold und Juraszovich 2019). Viele Pflegepersonen arbeiten dazu im akuten Bereich in Teilzeitmodalitäten (Rappold und Juraszovich 2019, Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz [BMSGPK] 2021). Zudem wird die Absicht von Pflegepersonen, den Pflegeberuf zu verlassen, immer häufiger als Herausforderung für das Aufrechterhalten der notwendigen Personalstrukturen und somit auch der Qualität der akuten Versorgung thematisiert (BMSGPK 2021).
Vor diesem Hintergrund und um diese Datenlücke zu schließen, ist ein Dissertationsprojekt an der Vienna Doctoral School of Social Sciences der Universität Wien entstanden: die MISSCARE-Austria-Studie. Dieses Dissertationsprojekt wird von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Form eines zweijährigen Stipendiums gefördert. Diese Studie verfolgt das primäre Ziel, Missed Nursing Care bei erwachsenen Patient*innen im akutstationären Setting auf österreichischen Allgemeinstationen zu erfassen und zu beschreiben. Hierbei sollen relevante Einflussfaktoren auf Missed Nursing Care und potenzielle Outcomes auf der Personalebene, wie z. B. die Arbeitszufriedenheit, identifiziert werden.
Nach einer ersten deskriptiv-komparativen Exploration der generierten Daten der MISSCARE-Austria-Studie wird nun diese Publikationsreihe veröffentlicht. Diese orientiert sich an bestehenden internationalen Studien zu Missed Nursing Care hinsichtlich der inhaltlichen Strukturierung der Ergebnisse. Die Publikationsreihe MISSCARE-Austria wird sich somit zunächst auf die Ausprägung von Missed Nursing Care und beeinflussende Faktoren auf operativen/konservativen Allgemeinstationen für Erwachsene in österreichischen Krankenhäusern fokussieren. Da Pflegepersonalressourcen einen der wichtigsten Einflussfaktoren auf Missed Nursing Care darstellen, werden nachfolgend die Themen der Pflegepersonalauslastung, der Angemessenheit der Pflegepersonalbesetzung und deren Einfluss auf Missed Nursing Care exploriert. Abschließend – angesichts der Relevanz der Personalknappheit und der Tatsache, dass das Verlassen des Pflegeberufes eine Konsequenz von Missed Nursing Care auf der Personalebene darstellt – soll der Einfluss von Missed Nursing Care auf die Arbeitszufriedenheit und auf die Absicht, den Pflegeberuf zu verlassen, erkundet werden.
Hiermit möchten wir dazu beitragen, die Diskussion zu Missed Nursing Care in der österreichischen Gesundheitsversorgungslandschaft anhand konkreter Daten zu initiieren, da diese Diskussion an die aktuellen Herausforderungen der akuten Gesundheitsversorgung anschließt und für weiterführende strategische Überlegungen hierzu äußerst wichtig erscheint.

Interessenkonflikt

A. Cartaxo, I. Eberl und H. Mayer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
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Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de.

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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Literatur
Zurück zum Zitat Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) (2021). Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen: Sonderauswertung des Österreichischen Arbeitsklima Index. SORA. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) (2021). Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen: Sonderauswertung des Österreichischen Arbeitsklima Index. SORA.
Zurück zum Zitat Habl, C., Bachner, F., Klinser, D., & Ladurner, J. (2010). Das österreichische Gesundheitssystem: Daten – Fakten – Zahlen. Wien: Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag von Bundesministerium für Gesundheit. Habl, C., Bachner, F., Klinser, D., & Ladurner, J. (2010). Das österreichische Gesundheitssystem: Daten – Fakten – Zahlen. Wien: Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag von Bundesministerium für Gesundheit.
Zurück zum Zitat Kalisch, B. J., Landstrom, G., & Williams, R. A. (2009). Missed nursing care: errors of omission. Nursing outlook, 57(1), 3–9. CrossRefPubMed Kalisch, B. J., Landstrom, G., & Williams, R. A. (2009). Missed nursing care: errors of omission. Nursing outlook, 57(1), 3–9. CrossRefPubMed
Zurück zum Zitat Krajic, K., Nowak, P., & Vyslouzil, M. (2003). Pflegenotstand in Österreich? Diagnosen und Lösungsmöglichkeiten mit einem Schwerpunkt auf Entwicklung der Arbeitsbedingungen des diplomierten Pflegepersonals. Österreich: Ludwig Boltzmann Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie. Krajic, K., Nowak, P., & Vyslouzil, M. (2003). Pflegenotstand in Österreich? Diagnosen und Lösungsmöglichkeiten mit einem Schwerpunkt auf Entwicklung der Arbeitsbedingungen des diplomierten Pflegepersonals. Österreich: Ludwig Boltzmann Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie.
Zurück zum Zitat Rappold, E., & Juraszovich, B. (2019). Pflegepersonal-Bedarfsprognose für Österreich. Wien: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz. Rappold, E., & Juraszovich, B. (2019). Pflegepersonal-Bedarfsprognose für Österreich. Wien: Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz.
Zurück zum Zitat Recio-Saucedo, A., Dall’Ora, C., Maruotti, A., Ball, J., Briggs, J., Meredith, P., Redfern, O. C., Kovacs, C., Prytherch, D., Smith, G. B., & Griffiths, P. (2018). What impact does nursing care left undone have on patient outcomes? Review of the literature. Journal of clinical nursing, 27(11–12), 2248–2259. https://​doi.​org/​10.​1111/​jocn.​14058. CrossRefPubMed Recio-Saucedo, A., Dall’Ora, C., Maruotti, A., Ball, J., Briggs, J., Meredith, P., Redfern, O. C., Kovacs, C., Prytherch, D., Smith, G. B., & Griffiths, P. (2018). What impact does nursing care left undone have on patient outcomes? Review of the literature. Journal of clinical nursing, 27(11–12), 2248–2259. https://​doi.​org/​10.​1111/​jocn.​14058. CrossRefPubMed
Zurück zum Zitat Schubert, M., Glass, T. R., Clarke, S. P., Aiken, L. H., Schaffert-Witvliet, B., Sloane, D. M., & De Geest, S. (2008). Rationing of nursing care and its relationship to patient outcomes: the Swiss extension of the International Hospital Outcomes Study. International journal for quality in health care, 20(4), 227–237. CrossRefPubMedPubMedCentral Schubert, M., Glass, T. R., Clarke, S. P., Aiken, L. H., Schaffert-Witvliet, B., Sloane, D. M., & De Geest, S. (2008). Rationing of nursing care and its relationship to patient outcomes: the Swiss extension of the International Hospital Outcomes Study. International journal for quality in health care, 20(4), 227–237. CrossRefPubMedPubMedCentral
Zurück zum Zitat Schubert, M., Ausserhofer, D., Bragadóttir, H., Rochefort, C. M., Bruyneel, L., Stemmer, R., Andreou, P., Leppée, M., Palese, A., & Consortium Action—CA 15208 (2021). Interventions to prevent or reduce rationing or missed nursing care: a scoping review. Journal of advanced nursing, 77(2), 550–564. CrossRefPubMed Schubert, M., Ausserhofer, D., Bragadóttir, H., Rochefort, C. M., Bruyneel, L., Stemmer, R., Andreou, P., Leppée, M., Palese, A., & Consortium Action—CA 15208 (2021). Interventions to prevent or reduce rationing or missed nursing care: a scoping review. Journal of advanced nursing, 77(2), 550–564. CrossRefPubMed
Zurück zum Zitat Zander, B., Köppen, J., & Busse, R. (2017). Personalsituation in deutschen Krankenhäusern in internationaler Perspektive. In J. Klauber, M. Geraedts, J. Friedrich & J. Wasem (Hrsg.), Krankenhaus-Report 2017: „Zukunft gestalten“. 1. Aufl. Stuttgart: Schattauer. Zander, B., Köppen, J., & Busse, R. (2017). Personalsituation in deutschen Krankenhäusern in internationaler Perspektive. In J. Klauber, M. Geraedts, J. Friedrich & J. Wasem (Hrsg.), Krankenhaus-Report 2017: „Zukunft gestalten“. 1. Aufl. Stuttgart: Schattauer.
Metadaten
Titel
Die MISSCARE-Austria-Studie
Einführende Überlegungen: Missed Nursing Care aus der internationalen und österreichischen Perspektive
verfasst von
Ana Cartaxo
Inge Eberl
Hanna Mayer
Publikationsdatum
02.11.2022
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
HeilberufeScience
Elektronische ISSN: 2190-2100
DOI
https://doi.org/10.1007/s16024-022-00388-w