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Erschienen in: Heilberufe 11/2022

01.11.2022 | Pflege Alltag Zur Zeit gratis

Die Kunst der Pflege

verfasst von: Dr. rer. soc. Thomas Weis

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 11/2022

Begabungen im Pflegeberuf Der Begriff Begabung bezieht sich auf ein hohes Leistungspotenzial. Für Gebiete wie Kunst oder Sport, für Technik oder Wissenschaft gilt das ganz selbstverständlich. Und im Pflegeberuf? Da spielen Begabungen in der öffentlichen Wahrnehmung offensichtlich keine Rolle. Aber stimmt das? Eine Anregung zur Diskussion.
Was sind eigentlich Begabungen? Geht man von der Begriffsbestimmung aus, dann ermöglicht eine Begabung eine besondere Leistung auf einem bestimmten Gebiet. Aber wie verhält es sich in der Pflege? Nimmt man Suchmaschinen als Maßstab, dann zeigt sich: Fehlanzeige. Wenn im deutschsprachigen Raum der Zusammenhang von Pflege und Begabungen in neuerer Zeit thematisiert wird, dann aus einer Genderperspektive: Es wird diskutiert, ob Pflege eine weibliche Begabung ist. Ansonsten spielt der Begabungsbegriff weder in der Pflegeforschung noch in der Pflegetheorie eine Rolle. Fast - so scheint es - ist Pflege eine Art "begabungsfreier" Raum, in dem erlernbares Wissen und einzuübende Fertigkeiten genügen.

Pflege - nur Routinetätigkeit?

Professionelle Pflege als eigenständiger Heilberuf ringt nach wie vor um Anerkennung. In der Pflegepraxis gibt es immer noch die Vorstellung, Pflege sei ein Assistenzberuf: Die Sorge um Leib und Wohl der Patienten rund um medizinische Behandlungen. Dazu gehören: Aufnahme von Vitalwerten, Lagerung, Verbandswechsel sowie Unterstützung bei Körperhygiene und bei der Nahrungsaufnahme. Hinzu kommen Routinetätigkeiten in der Dokumentation, die viel Zeit verschlingen. Aber auch organisatorische Aufgaben rund um Aufnahme, Verlegung und Entlassung. Für all das braucht es - so scheint es, weniger eine Begabung als vielmehr flinke Hände und gute Nerven.

Begabungen machen einen Unterschied

Würden die Begabungen von Pflegekräften eine größere Rolle spielen, wenn man sie mehr anerkennen und ihnen mehr Raum geben würde? Begabungen könnten dort gefragt sein, wo es um die Heilung von Krankheiten, um die Linderung von Schmerzen und um die Akzeptanz der Pflegebedürftigkeit geht. Begabungen könnten auch dort zur Entfaltung kommen, wenn Patienten von Gefühlen wie Trauer erfüllt sind. Oder etwa dort, wo das Weiterleben von der Veränderung der Lebensgewohnheiten und der Stärkung des Lebenswillens abhängt. Begabungen können sich beispielsweise in der Qualität von Berührungen zeigen, im Klang der Stimme oder in der Kraft der Worte. Sie können in einem besonderen Geschick für organisatorische Abläufe, für Krankheiten, bestimmte Pflegebereiche oder für spezielle Patientengruppen zum Ausdruck kommen. Begabungen machen dort einen Unterschied. Einen Unterschied, den Patienten bestätigen könnten, wenn man sie danach fragen würde.

Begabungskiller Pflegerealität

Aus der Begabungsforschung weiß man: Begabungen können unerkannt bleiben, verkümmern oder gar von den Betroffenen unterdrückt werden, wenn die Zuwendung und die Wertschätzung fehlen. Befragungen ergaben, dass junge Menschen den Pflegeberuf vor allen aus zwei Motiven ergreifen: Weil sie einen starken Drang haben, kranken und schwachen Menschen zu helfen und weil sie eine sinnstiftende Tätigkeit suchen. Viele junge Pflegekräfte sind nach kurzer Zeit frustriert, wenn sie die Realität einholt. Wenn die Organisation, die Aufgabenmenge und Zeitknappheit die helfende Beschäftigung mit Patienten nicht zulassen. Aber auch, wenn der Sinn von medizinisch-pflegerischen Maßnahmen ihrer eigenen Überzeugung zuwiderläuft. Unter dem sogenannten moralischen Stress, könnten - wie eigene Coachingerfahrungen nahelegen - motivierte Pflegekräfte mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden besonders leiden. In der Praxis machen Pflegekräfte immer wieder die Erfahrung, dass sie zu Handlangern von Ärzten degradiert werden oder die Lücken von Service- oder Putzkräften auffangen müssen. Sie müssen sich gefallen lassen, für die Mobilisation eines Patienten nach einer OP auf die Physiotherapeuten zu warten, um ihn aufzurichten. Es sind Erfahrungen dieser Art, die Pflegekräften den Eindruck vermitteln, dass sie keinen eigenen therapeutischen Zugang zu Patienten, keinen therapeutischen Nutzen für sie haben. Ein Zugang, der es wert sei, geschützt und geachtet zu werden. In einem solchen Umfeld können sich Begabungen schwerlich entfalten.

Emotionale und spirituelle Intelligenz bei Pflegekräften

Nun gibt es noch einen anderen Zugang zur Begabungsthematik, der Hoffnung macht. In den letzten 15 Jahren wurde reichlich geforscht über die Bedeutung von emotionaler und spiritueller Intelligenz bei Pflegekräften. Die theoretischen Grundlagen dafür wurden im vorigen Jahrhundert geschaffen. Emotionale Intelligenz ist - vereinfacht ausgedrückt - definiert als die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, mit ihnen umzugehen und sie für praktische Zwecke zu nutzen. Spirituelle Intelligenz bezeichnet die Fähigkeit, Sinn zu finden und zu vermitteln und praktisches Handeln an geistigen Prinzipien auszurichten. Aus wissenschaftlicher Sicht kann man darüber diskutieren, ob sich spirituelle Haltungen zureichend als Konstrukte und in Fragebogen erfassen lassen. Jedenfalls zählen Emotionalität und Spiritualität zu den Dimensionen, auf die man nicht ohne Folgen in der Pflege verzichten kann. Wird doch die Bedeutung von Empathie und Sinnstiftung im Umgang mit Krankheit, mit Leid und Stress immer besser verstanden. Und doch fehlt in der Pflegepraxis häufig die Zeit und das Verständnis dafür, außer vielleicht in der Onkologie und der Palliativpflege. Gerade überlastete Pflegekräfte fragen sich: Warum sollen sie sich vertieft auf Patienten einlassen, wenn das vom DRG-System und von den Verantwortlichen nicht als Pflegeleistung wertgeschätzt wird?
Was weiß die Forschung über die emotionale und spirituelle Intelligenz bei Pflegekräften? Internationale Studien, durchgeführt mit auszubildenden und praktizierenden Pflegekräften, zeigen: Die Höhe der Ausprägung in der emotionalen und spirituellen Intelligenz macht einen signifikanten Unterschied. Demzufolge verhalten sich Pflegekräfte mit einer überdurchschnittlichen Ausprägung in beiden Intelligenzformen engagierter und haben ein größeres Verantwortungsgefühl. Sie sind zufriedener mit ihrer Arbeit und ernten bei den Patienten eine größere Zufriedenheit. Dass bei Pflegekräften, die Burnout gefährdet sind, das Einfühlungsvermögen zurückgeht, wurde bestätigt. Aber es verhält sich auch so, dass Pflegekräfte mit einer gut entwickelten emotionalen und spirituellen Intelligenz weniger anfällig dafür sind, ein Burnout zu erleiden. Allem Anschein nach bietet eine gute ausgeprägte Empathie und spirituelle Grundhaltung Schutz davor, sich auszupowern und ausnutzen zu lassen. Eine differenzierte Betrachtung zeigt, dass dabei weniger die patientenzentrierte Empathie als vielmehr das Selbstmitgefühl und die Fähigkeit zur Selbstreflexion eine zentrale Rolle spielen. Auch gibt es immer mehr Beweise dafür, dass Arbeitsbedingungen einen Einfluss darauf haben, ob und in welchem Ausmaß Pflegekräfte ihre emotionale und spirituelle Intelligenz einbringen. Dass dies in einem Pflegeumfeld mit Bezugspflege und wertschätzenden Vorgesetzten eher der Fall ist als in einer profitorientierten Klinikkultur, liegt auf der Hand.
Die erwähnten Studien können ein gewisses Schlaglicht auf die Begabungsthematik werfen. Es kann die Frage entstehen, ob die Pflegewissenschaft den Begabungsbegriff braucht. Für eine Beschäftigung sprechen mindestens vier Punkte:
Begriffe machen Dinge und Unterschiede sichtbar: Die Begabungsfrage führt über das Vorurteil hinaus, Pflegen sei etwas, was grundsätzlich alle gleich gut können und wofür es kein Eignung braucht. Der Begriff ist sachlicher als der von vielen als überhöht geltende Begriff der Pflegeberufung und lässt zugleich die Schnittmengen zwischen beiden Begriffen offen.
Eigen- und Fremdbild bestimmen: Das Phänomen der Pflegebegabung könnte für die Berufswahl, für Berufsentwicklung und für die Stärkung des Eigen- und Fremdbildes der Pflege wichtig sein. Sich in seiner Begabung erkannt und verstanden zu fühlen, hat einen unschätzbaren Wert.
Pflegebegabungen können verloren gehen oder falsch eingesetzt werden: Die Reflexion darüber könnte Eingang finden in die Fort- und Weiterbildung und in die Beratung von Pflegekräften. Damit lassen sich Begabungen in die richtigen Bahnen lenken und möglichen Gefährdungen wie Helfersyndrom oder moralischer Stress vorbeugen.
Aufgaben beschreiben: Etwa, wenn es um die Mammutaufgabe der Sinnvermittlung für ein Leben mit Krankheiten und Pflegebedürftigkeit einer immer älter werdenden Gesellschaft geht.
Wenn es der Verdienst von Pionieren wie Florence Nightingale war, aus der Pflege einen ehrenwerten Beruf zu machen, dann ist heute und in Zukunft große Pionierarbeit notwendig, um die Pflege zu einer Profession zu machen, in der Begabungen nachgefragt, gefördert und wertgeschätzt werden.
Metadaten
Titel
Die Kunst der Pflege
verfasst von
Dr. rer. soc. Thomas Weis
Publikationsdatum
01.11.2022
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 11/2022
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-022-2958-y

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