Die Konstruktion von Schwangerschaft und Geburt durch Instagram
- Open Access
- 16.01.2026
- Original
Zusammenfassung
Hintergrund
Soziale Medien bilden einen integralen Teil des Alltags gebärfähiger Menschen und stehen daher im Fokus gesundheits- und sozialwissenschaftlicher Forschung. Diese Arbeit1 untersucht, wie Instagram die Alltagswelt von Schwangeren und Gebärenden konstruiert und strukturiert.
Statistische Erhebungen zeigen, dass Instagram neben Facebook, TikTok und Snapchat zu den meistgenutzten Plattformen unter gebärfähigen Nutzer*innen zählt [27]. Instagram ist bekannt für Influencer*innen-Marketing, bei dem die Grenze zwischen Aufmerksamkeits- und Marktökonomie verschwimmt. Produzieren und Konsumieren verschmelzen, sogenannte Prosument*innen [10] sind für Wissen, Waren und Dienstleistungen verantwortlich. Die inszenierte Authentizität von Influencer*innen macht dieses Marketing für Unternehmen erfolgreich, da es auf Identifikation und Emotionalität abzielt. Aufgrund des Bild- und Blogformats eignet es sich, konsistente und stringente Geschichten vermeintlich echter Personen darzustellen [13].
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Der Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit von Schwangeren und Gebärenden ist ambivalent. Einerseits lassen sich positive Effekte auf die maternale mentale Gesundheit beschreiben, die sich insbesondere in der Interaktion in spezifischen Communities zeigen. Im Bereich Kinderwunsch oder Kaiserschnitt finden sich auf Instagram beispielsweise – einfach, flexibel und anonym – eine Vielzahl Gleichgesinnter zusammen, um sich auszutauschen – mit bestärkendem, selbstbestimmungsförderndem Effekt [2, 3, 11, 15, 22, 25, 34, 40]. Des Weiteren zeigen sich positive Auswirkungen auf das Essverhalten, zugleich kann der Vergleich von Körperbildern zu einer höheren Körperbild-Unzufriedenheit führen und Essstörungen gerade bei erhöhter Vulnerabilität begünstigen [16, 31, 38]. Weiter birgt die Social-Media-Nutzung durch die Vermittlung dominanter Schönheitsideale ein erhöhtes Risiko für geringeres Selbstwertgefühl, Angststörungen, postpartale Depressionen und negatives Wohlbefinden in der Schwangerschaft [9, 26, 39].
Die geteilte Wissensproduktion über soziale Medien birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Schwangere haben je nach Schwangerschaftsstadium und Themeninteresse unterschiedliche Bedürfnisse nach Unterstützung (informell, emotional) [20]. Soziale Medien sind eine wichtige Informationsquelle, die als nützlich und zuverlässig, aber auch verwirrend oder besorgniserregend wahrgenommen werden kann [1, 6, 30]. Diese Informationen können die Entscheidungsfindung beeinflussen, indem sie das Selbstvertrauen stärken oder die Einstellung zu medizinischen Interventionen beeinflussen [1, 15, 29, 37]. Geburtspräferenzen von Nulligravidae können signifikant durch Erfahrungen anderer beeinflusst werden, die mittels Geburtsgeschichten transportiert werden und auf Ängste und Selbstwirksamkeitserwartungen zurückgreifen [24].
Untersuchungen mit sozialkonstruktivistischem Ansatz zeigen darüber hinaus, wie Schwangerschaft über Instagram diskursiv als intensiv erscheint [31] oder Narrative vermeintlich realistischer Schwangerer produziert werden, in denen Schwangere vermeintlich objektive Einblicke in Abgrenzung zu ästhetisierten Darstellungen von Schwangerschaft auf Instagram erhalten [36]: Diese Illusion einer authentischen Alltagswelt, welche die Darstellung des Chaotischen, Unorganisierten, Unaufgeräumten, Überfordernden aufnimmt, bleibt gleichsam unvollständig, indem relevante strukturierende Aspekte, wie Hautfarbe oder sozioökonomischer Status, ausgeblendet werden. Körper und Schwangerschaft erscheinen über Instagram in der einen oder der anderen Form idealisiert bzw. strukturieren dies: beispielsweise in Form von Geburtsgeschichten [29], Bildern von Schwangerschaft [23], der Konstruktion von Natürlichkeit [19] oder der Moralisierung von Rauchen [17].
Ziele
Im Fokus steht die Frage, wie Schwangerschaft und Geburt durch die Nutzung von Instagram (neu) verstanden werden. Die vorliegende Arbeit beleuchtet dazu aus interaktionistischer, sozialkonstruktivistischer und medientheoretischer Perspektive, wie Nutzer*innen die Gegenwärtigkeit von Instagram im Alltag erleben, bewerten, wahrnehmen und einverleiben [4, 7, 8, 12, 32]. Das heißt: Der Forschungsfrage wird sich aus Nutzer*innenperspektive angenähert, um die Konstruktion von Alltagswissen über Instagram zu beschreiben, indem untersucht wird, wie die Befragten Darstellungen von Schwangerschaft und Geburt Bedeutung verleihen [4, 7], diese in ihre Identität inkorporieren [32] und wie, in gleichem Zuge, das emotionale Bewusstsein [12] geformt wird. Dabei finden auch spezifische Merkmale der Rezeption Beachtung [8].
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Methodik
Im Rahmen der empirisch qualitativen Erhebung wurden insgesamt sechs leitfadengestützte Interviews über die Online-Kommunikationsplattform Zoom durchgeführt. Die Rekrutierung erfolgte über insgesamt sechs Instagram-Kanäle, die Follower*innenzahlen, je nach Kanal, zwischen knapp 1000 und knapp 29.000 aufwiesen. In den Selbstbeschreibungen dieser Kanäle geht es zusammengefasst um Schwangerschaft, Geburt, Elternschaft und Stillen. Die Verantwortlichen aller Kanäle waren (unter anderem) professionelle Personen, das heißt Hebammen, Ärzt*innen, Stillberater*innen. Insofern wiesen diese Kanäle eine gewisse inhaltliche und professionelle Heterogenität auf. Ein Rekrutierungspost erschien im März 2023 für 24 h in den Stories ebendieser Kanäle.
Das Sampling bildet eine weitestgehend homologe Gruppe, folgende Ein- und Ausschlusskriterien definieren sich entsprechend des Untersuchungsgegenstands: Volljährigkeit, Instagram-Nutzung in der (letzten) Schwangerschaft, acht Wochen bis ein Jahr nach der Geburt (zum Zeitpunkt des Interviews). Diese Fallauswahl bezweckt eine breite typologische Analyse (Heterogenität des Untersuchungsfelds) und verzichtet deswegen bewusst auf weitere Eingrenzungen, wie beispielsweise Parität oder Alter. Ziel ist es, über die qualitativen Repräsentationen der untersuchten Fälle hinweg eine relative Verallgemeinerung über die Identifikation homologer Muster zu erreichen. In abstrahierter Weise wird die Reichweite der Ergebnisse begründet und selektiv gewonnene Erkenntnisse werden so verlängert [18]. Dem subjektiven Sinn wird sich anhand des gewählten Samples kontrastiv-komparativ angenähert, indem kontrastiv subjektive Sichtweisen bzw. Relevanzsysteme auf der Einzelfallebene herausgearbeitet werden. Daraus lassen sich (komparativ) kollektive, homologe Orientierungsmuster bzw. soziale Sinnstrukturen erschließen [18].
Diese rekonstruktive Analyse erfolgt zweidimensional: zum einen auf sprachlicher Ebene und zum anderen auf heuristischer Ebene, mithilfe des integrativen Basisverfahrens [18]. Dabei werden zunächst freie oder lose Motive und Thematisierungsregeln über die Öffnung des Interviewtextes durch die Entwicklung von Lesarten erarbeitet. Die sprachliche Analyseebene fokussiert die drei sprachlich-kommunikativen Aufmerksamkeitsebenen Pragmatik/Interaktion, Syntaktik und (Wort‑)Semantik, die sich gegenseitig bedingen. Die Analyse folgt einer mikrosprachlichen Feinanalyse, die unter anderem die Schritte Segmentierung, sequenzielle Vorgehensweise, strikte Datenzentrierung, Analysehaltung der Sinnhaftigkeitsunterstellung und emergente Sinnentwicklung berücksichtigt. Im nächsten Schritt werden diese Motive und Thematisierungsregeln, in der Schließung, gebündelt, verdichtet und abstrahiert. Dies erlaubt die Identifikation zentraler Motive und Thematisierungsregeln. Die gegenständliche und methodische Analyseheuristik basiert maßgeblich auf dem Symbolischen Interaktionismus nach Blumer, auf der Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann sowie auf der Medienrezeptionsforschung [4, 7, 8, 12, 32]. Die Auswahl der unterschiedlichen Ansätze setzt dabei verschiedene, dem Forschungsgegenstand entsprechende Foki voraus, unter anderem Emotionalität und Interaktion, und strukturiert Interpretationsleitpfade entsprechend des Forschungsinteresses.
Die Reflexion der wissenschaftlichen Güte der Untersuchung beruht primär auf drei Prämissen: Fremdverstehen, Indexikalität und Prozessualität. Fremdverstehen erfolgt immer nur vor dem Hintergrund des jeweils eigenen Sinn- und Relevanzsystems. Die Indexikalität menschlicher Sprache und Kommunikation verweist auf das Problem, dass Sinn- und Relevanzsysteme meist sprachlich-kommunikativ existieren, weswegen Sprache, als Medium der Verständigung, unhintergehbar vage ist. Diese Probleme lassen sich nur in einem reflexiven Prozess der Aufarbeitung und Wieder-Aufarbeitung bewältigen, jedoch niemals auflösen (Prozessualität; [18]).
Ein ethisches Clearing erfolgte im Rahmen der Prüfung des Forschungsvorhaben durch die Ethikkommission der Hochschule für Gesundheit2 in Bochum im Jahr 2023.
Ergebnisse
Die Ergebnisdarstellung erfolgt mit Hilfe dreier konzipierter Rezeptionsstrategien – praktisch-professionell, praktisch-unterhaltend und visionär-wünschend –, die nie in Reinform erscheinen, sondern als fließend zu verstehen sind. Die Rezeptionstypen verbildlichen, wie die Befragten sich mit vermittelten Inhalten auseinandersetzen, wie auf unterschiedliche Weise Erwartungen, Entscheidungen und Erfahrungen geprägt werden und wie so Schwangerschaft und Geburt neu strukturiert werden.
Die Effekte rezeptionsspezifischer Neustrukturierung sind zum einen Verstärkung und zum anderen Kontrastierung von gut und schlecht, real und idealisiert sowie passiv und aktiv. Wie sich Verstärkung bei den verschiedenen Rezeptionstypen äußert, wird im Folgenden jeweils erläutert, Kontrastierungseffekte werden abschließend dargestellt.
Die praktisch-professionelle Rezeptionsstrategie
Die Befragten folgen beispielsweise Kanälen der umliegenden Kliniken oder Kanälen anderer Angebote rund um Schwangerschaft und Geburt, wobei rezipierte Inhalte insbesondere für Erwartungen und Entscheidungen berücksichtigt werden, z. B. die konkrete Ausgestaltung der Geburtssituation oder die Wahl der Geburtsklinik. Dabei erscheinen nicht nur strukturelle Faktoren, wie Kosten, Entfernungen, Coronaregelungen (2022), Besuchsregelungen, Klinikstatistiken, geburtsvorbereitende Programme, standardisierte Abläufe oder Vorgehen bei Wehenstillstand relevant, sondern auch emotionale Faktoren:
„Und ähm dann war ich in der Schwangerschaft auf der Suche nach einer GEBURTSKLINIK, weil ich mit der ersten NICHT zufrieden war, da wollte ich nicht noch einmal hin.“ (I. 3, Z. 7–9)
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Emotionale Faktoren beeinflussen die Rezeptionsselektion im Zuge identitärer und parasozialer Prozesse, wie dem Eindruck des potenziell betreuenden Personals, Sympathien, Regelungen zur Anwesenheit der Begleitperson unter der Geburt oder das empfundene Sicherheitsgefühl, aber auch in Form von Bildern des Wünschbaren, z. B. in Form von Darstellungen einer Geburtsbetreuung, oder Bildern des Unerwünschten, beispielweise in Form von Bildern äußerer Wendungen, die emotional als abschreckend empfunden werden:
„So wie Mediziner*in X sich das vorstellt und ähm, dass Mediziner*in X konkrete Vorstellungen hat, die ich persönlich auch gut fand zum Thema Geburt.“ (I. 1, Z. 609–611)
Verstärkung, das heißt, was verstärkt emotional geleitet rezipiert wird, strukturiert dann, von welchen Faktoren die Entscheidung für oder gegen eine Klinik abhängen. Der Relevanz von Instagram als Informationsquelle kommt bei der praktisch-professionellen Rezeption eine besondere Rolle zu. Je nach zugeschriebener Authentizität der Quelle werden Darstellungen bewusst als Informationsquelle im Entscheidungsfindungsprozess affirmiert bzw. abgelehnt, weswegen eher Informationen institutioneller Kanäle gegenüber privaten Kanälen berücksichtigt werden. Persönliche Erwartungen und Erfahrungen werden bei dieser Rezeptionsform weniger starr geformt, und Inhalte werden eher ergänzend als universell rezipiert. Über Instagram vermittelte Inhalte treten retrospektiv wissens- und horizonterweiternd in Erscheinung und werden als Möglichkeit interpretiert, die situativen und individuellen Faktoren unterworfen ist.
„[…] dass man da einfach trotzdem ja natürlich gucken kann, wie läuft so ein/oder wie KANN sowas ablaufen.“ (I. 3, Z. 514–516)
Die praktisch-unterhaltende Rezeptionsstrategie
Bei dieser Rezeptionsform variieren gewählte Inhalte individuell. Es werden primär emotional angenehm empfundene Inhalte fokussiert und stark stimmungsgeleitet, offen, algorithmisch gesteuert und zumeist unwillkürlich rezipiert („sich berieseln lassen“):
„[…] in der Schwangerschaft jetzt war es für mich eher ja so ‚Just for fun‘ und halt einfach ‚Nice to have‘ […]. Also ich würde/hat/würde das jetzt nicht (.) ZU ernst nehmen.“ (I. 5, Z. 526–530)
Verstärkung äußert sich besonders durch eine meinst einseitige Betrachtungs- und Darstellungsweise durch die Fokussierung bestimmter Inhalte bei starker Steuerung durch den persönlichen Algorithmus. Bei dieser Form tritt die Funktion von Instagram als Vermarktungsplattform am deutlichsten zum Vorschein. In den Interviews zeigt sich zum Beispiel ein Interesse an Tipps zu Babyausstattung, Umstandsmodetipps oder Geschichten und Bilder anderer Schwangerer. Das Ziel einer vorab definierten Entscheidungsfindung besteht in der Regel nicht:
„Das war einfach nur so schön, sich das anzugucken, welche Vielfalt es da gibt. Aber es war jetzt nicht, dass ich für mich gesagt habe ‚Oh okay, ja, das würde ich auch gerne machen‘, sondern einfach ähm so.“ (I. 6, Z. 208–210).
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Die Interviewten grenzen sich zumeist von den vermittelten Inhalten ab, allerdings widerspricht die kommunizierte Ablehnung der emotional unwillkürlichen Affirmation in Bezug auf Entscheidungen, Erwartungen und Erfahrungen. Nachfolgend ein Beispiel zum Thema Geburtseinleitung:
„Und hatte da immer so am Rande so ein bisschen mitbekommen, wie/wie blöd es halt auch manchmal ist und wie lange es dauert. Und ich habe mir dann schon gedacht ‚Ich habe auch irgendwie gar kein Bock eingeleitet zu werden, ich hoffe einfach mir bleibt das erspart‘.“ (I. 5, Z. 328–330)
Darüber hinaus sprechen die Befragten über Instagram vermittelte Inhalten eine geringere Bedeutung zu als professionellem Wissen, welches sie außerhalb von Instagram erhalten:
„Also ich denke nicht, dass Instagram eine professionelle Person ersetzt.“ (I. 4, Z. 462)
Die visionär-wünschende Rezeptionsstrategie
Hier werden Inhalte verstärkt emotional geleitetet rezipiert, insbesondere durch Bilder des Wünschbaren. Die Erwartungshaltung an die Umsetzung ist durch die starke Affirmation der Inhalte vergleichsweise hoch, die Diskrepanz zwischen den über Instagram vermittelten Darstellungen und der persönlichen Erfahrungen retrospektiv deutlich größer. Die Umsetzung in die Realität wird als ultimative Wahlmöglichkeit verstanden und kaschiert individuell-strukturelle Einflussfaktoren.
„[…] da gibt es halt eine, der ich folge, die halt, ich glaube alle fünf Kinder sogar zu Hause gekriegt hat. Und ähm (.) das war halt für mich so eine/so eine/so eine Sache, wo ich dann gesagt habe ‚Krass‘ und ‚Das sieht echt entspannt aus‘ und nicht, wie alle von ihren Geburten immer erzählen und (lacht) ‚Das hätte ich halt auch gerne‘.“ (I. 2, Z. 663–670)
Gerade bei der visionär-wünschenden Rezeption wirkt Instagram verstärkend, durch eine spezifische thematische Fokussierung und eine eindimensional verstärkende Community. In den Daten zeigt sich dies in dem Bestreben nach einer positiv zu erwartenden Hausgeburt und einer negativ erwarteten und erfahrenen Klinikgeburt. Die diskursive Umstrukturierung und Generalisierung von Klinikgeburten als per se negativ und Hausgeburten als per se positiv lässt wenig Varianzen dazwischen in Erscheinung treten. Diese Generalisierung steht jedoch in Verbindung mit individuellen und komplexen Geburtsentscheidungen. Problematisch wird es dann, wenn die über Instagram aufgebauten Identitäten und Selbstbilder nicht mehr mit der (medizinischen oder strukturellen) Realität in Einklang zu bringen sind, das heißt, wenn diese soweit affirmiert werden, dass Abgrenzungsstrategien nicht mehr greifen: Eine ausbleibende oder gescheiterte Hausgeburt steht dann, als Frage der Einstellung, in der Verantwortung des Individuums selbst:
„[…] ich habe mir aber halt auch Leute gesucht, die eher eine Hausgeburt hatten. Die/das hatte/da ist ja auch irgendwie so das Vertrauen ‚Ich schaffe das‘, weil ‚Ich mache das zu Hause, ich brauche nicht diesen klinischen Rückhalt‘.“ (I. 4, Z. 292–294)
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Aus der Wahl des Geburtsorts wird weniger eine strukturelle, medizinische oder professionelle Frage als eine Frage von Identität und emotionalem Bewusstsein. Die Selbstverantwortung äußert sich in einer Erfahrung des persönlichen Scheiterns, da die Hausgeburt diskursiv als einziger Geburtsort für eine positive Geburtserfahrung erscheint. Strukturelle Aspekte, wie das Fehlen freier Kapazitäten von Hebammen, die Hausgeburten in der eigenen Region begleiten, oder Kontraindikationen für eine Hausgeburt, geraten dann aus dem Blick. Die Konstruktion der Hausgeburt-Wirklichkeit über Instagram verschleiert rationale Möglichkeiten und verdrängt vielfältige Wirklichkeiten, beispielsweise positiv erfahrbare Klinikgeburten.
Kontrastierung von gut und schlecht, real und idealisiert sowie passiv und aktiv
Die Konzentrierung bestimmter Inhalte geht einher mit einer starken Kontrastierung von gut und schlecht, die je nach Rezeptionsform unterschiedlich stark ausfällt. Inhalte können horizonterweiternd rezipiert werden, indem sie zur Einschätzung und Erwartung reflektiert interpretiert werden, z. B. in Abhängigkeit von kontextuellen Faktoren, wie dem Geburtsmodus oder dem Geburtsort. Alternativ können rezipierte Darstellungen auch weniger reflektiert und ohne Kontextbezug stärker affirmiert oder sogar inkorporiert werden und sich in Erwartungsansprüchen äußern:
„[…] da ist was, was ich anders machen könnte und es macht mir jetzt irgendwie ein schlechtes Gefühl (seufzt). Aber auch dieses ähm ‚Ach cool, so könnte ich es auch machen, dann ähm mache ich das ja damit vielleicht besser und mache das eben so‘ (seufzt) (..). Ja.//“ (I. 2, Z. 472–475)
Instagram vermittelt ein Bild davon, was beispielsweise nach der Geburt des Kindes (Bonding-Situation) idealerweise passiert und man entwickelt zunächst eine gute Vorstellung davon, was in der individuellen Situation geschehen wird. Gestaltet sich dies nun anders, wird die eigene Erfahrung in der Selbst-Interaktion (emotional) kontrastiert. Je nachdem wie stark man sich von dem guten Bild abgrenzt bzw. dieses für die persönlichen Erfahrungen affirmiert (horizonterweiternd vs. fordernd), wird strukturiert, was eine schlechte, schlechtere oder andere Bonding-Situation ist bzw. wie diese erfahren wird (Enttäuschung, Trauer etc.).
Neben der Bedeutungsmatrix von „gut“ und „schlecht“ wird Wissen über Instagram durch die Zuschreibung der Realitätsnähe im Gegensatz zur idealisierten Darstellung konstruiert. Die Abgrenzung von real erscheint auf Instagram vor allem als idealisiert, aber auch irreal, skandalisiert, übertrieben etc. sind denkbare Zuschreibungen. Die Befragten nehmen eine primär positive Darstellung von Schwangerschaft und Geburt auf Instagram wahr und beschreiben inszenierte Darstellungen als romanisiert, idealisiert oder geschönt bzw. nehmen die Darstellungen als solche als Instagram-spezifisch wahr. Gleichzeit geben sie an, die positiven bzw. idealisierten Darstellungen zu präferieren und sich damit zu identifizieren:
„Dass es halt eigentlich also so (.) jetzt alles perfekt ist in dem Moment, wo das gezeigt wird. Also dass/halt einem Idealtypus ähm entspricht. Aber dass es halt NICHT unbedingt ähm bei einem selbst so ist. Aber ich glaube, dass man das ähm (.) durch/dadurch, dass man/oder zumindest war es bei mir so/ich habe das halt schon sehr auf mich dann auch bezogen/oder ähm für mich so genommen. Weil man, glaube ich, so ein bisschen davon ausgehen will, dass bei einem alles auch gut läuft.“ (I. 1, Z. 904–909)
Das heißt, obwohl die Befragten davon überzeugt sind, die realistische Inszenierung von Inhalten zu durchschauen und eine primär positive Darstellung von Schwangerschafts- und Geburtsrealität auf Instagram erkennen, erscheinen die primär idealisierten Inhalte in der Konsequenz diskursiv als Alltagsrealität im persönlichen oder kollektiven Bewusstsein der Nutzer*innen. Instagram strukturiert also was eine gute Schwangerschaft und Geburt sind und diktiert wie dies erreicht wird. Dabei handelt es sich um einzelne Narrative bzw. spezifische (idealisierte) Narrative, die sich im kollektiven Bewusstsein verankern.
Alle Befragten beschreiben ihre Rolle auf Instagram als passiv Konsumierende, sie deuten Instagram weniger als zentrales, sondern vielmehr als beiläufiges und ergänzendes Element ihrer Schwangerschaft.
„Also es war einfach da, aber ähm es hätte auch weg sein können.“ (I. 6, Z. 460–461)
Das zeigt sich u. a. daran, dass sie Gesundheitsfachpersonal einen höheren Stellenwert beimessen oder die Nutzung maßgeblich von der verfügbaren Zeit anhängig machen, anders als z. B. bei Vorsorgeterminen. Die passive Nutzung wird auch davon abgeleitet, dass der Austausch unter den Nutzer*innen kaum eine Rolle spielt und allen Interviewten ihre Privatsphäre und Anonymität wichtig ist, sie grenzen sich von dem Medium selbst bzw. der Bedeutung von Instagram für die persönliche Geschichte und Identität eher ab. Dabei sind sie sich ihrer (inter-)aktiven Rolle im Diskurs und der Konstruktion von Schwangerschaft und Geburt durch die Nutzung des Mediums und im Prozess der stillen Selbst-Interaktion kaum bewusst. In der Konstruktion von Alltagswissen durch Instagram als primär passiv wahrgenommenes Medium, erscheint die Neustrukturierung von Schwangerschaft und Geburt als ein schleichender Prozess, im Gegensatz zur diskursiven Praxis in Form von beispielsweise Protestaktionen.
Diskussion
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass rezeptionsspezifisch durch Konzentration, emotionale Verstärkung und Kontrastierung gefiltertes Alltagswissen entsteht, das Schwangerschaft und Geburt neu konstruiert, wobei Perspektivwechsel, Kontextbezüge, Variabilität und Vielfalt verschleiert oder gar ausgeblendet werden. Zugleich variiert diese Rezeption der Nutzer*innen im Rahmen der geschilderten Strategien.
Die ambivalenten Effekte der Nutzung von Instagram in der Schwangerschaft entsprechend des Forschungsstands zeigen sich auch in den Ergebnissen dieser Arbeit und liefern Hinweise darauf, wie spezifische Rezeptionsstrategien Einfluss darauf haben und im gleichen Zuge Schwangerschaft und Geburt neu konstruieren. Bei starker emotionaler Affirmation können sich idealisierte Darstellungen negativ auf Erfahrungen und die psychische Gesundheit auswirken. Gleichzeitig stellt Instagram Informationen bereit und unterstützt bei der Entscheidungsfindung: Die Befragten fühlen sich in ihrer Selbstbestimmung gefördert, indem sie z. B. Informationen von Kliniken erhalten, die den primären Kaiserschnitt als gleichwertigen Geburtsmodus anerkennen und über diesbezügliche Abläufe informieren oder die die Stillförderung während des Klinikaufenthalts hervorheben. Über Communities können jedoch falsche Erwartungen geschürt werden (Hausgeburten seien per se besser, jede Person habe die Möglichkeit dazu), aber auch Missstände aufgedeckt und Rechte vertreten werden (Mother Hood e. V. thematisiert das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes). Je nach Perspektive und Rezeptionstyp kann sich dies unterschiedlich auf die Gesundheit auswirken. Instagram birgt das Potenzial, als Instrument zur Verbesserung der Versorgung von Schwangeren und Gebärenden zu fungieren, z. B. bei vaginalen Geburten nach Kaiserschnitt (VBACs) oder Gewaltgeschehen unter der Geburt, sowohl auf individuell-professioneller als auch auf institutionell-systemischer Ebene [28, 35]. Der Roses Revolution Day, der in Deutschland seit 2013 jährlich am 25. November ein Zeichen gegen Gewalt und Missbrauch rund um die Geburt setzt, muss folglich vor dem Hintergrund der vorliegenden Arbeit insbesondere auch als Medienphänomen verstanden werden, das zur Neustrukturierung von Schwangerschaft und Geburt beiträgt.
Der Relevanz von Instagram als Informationsquelle und Entscheidungsgrundlage kommt besondere Bedeutung zu. In dieser Entwicklung geraten z. B. Kliniken in den Zwang, entsprechende Informationen bereitzustellen und Bedürfnisse von Schwangeren und Gebärenden zu beachten. Dabei zeigen die Ergebnisse dieser Arbeit, dass eine professionelle und sachliche Informationsvermittlung im strukturellen Widerspruch zu den Vermittlungs‑, Darstellungs- und Rezeptionslogiken von Instagram steht, die auf der Romantisierung und Ästhetisierung, der Darstellung struktureller Phänomene als scheinbar authentische Erzählung sowie einer entsprechenden Rezeption und Interpretation beruhen [5]. Das bedeutet, dass Darstellungen immer kontextuell eingebunden und nicht als sachliche oder evidenzbasierte Informationsquelle einzustufen sind. Die Interessen derer, die die Inhalte veröffentlichen, stehen im Mittelpunkt, auch, wenn die Inhalte wissenschaftlich fundiert sind. Instagram ist nicht zuletzt eine Vermarktungsplattform. Bei den Bildern und Geschichten geht es nicht um Qualität, sondern um inszenierte Authentizität. Es handelt sich um ein soziales Medium, bei dem Informationen öffentlicher Gesundheitsbehörden im Hintergrund stehen, weswegen entsprechende Überwachungs- und Kontrollmechanismen zur Qualitätssicherung fehlen. Mit Blick auf den Vermarkungsschwerpunkt von Instagram schafft die seit 2020 gesetzlich verankerte Verpflichtung zur Kennzeichnung von Werbung mehr Transparenz [14]. In der Fehlinterpretation authentischer oder sachlicher Inhalte oder Informationen kann Instagram persönliche Erwartungen, Entscheidungen und Erfahrungen Schwangerer und Gebärender emotional, algorithmisch und idealisiert verstärken und prägen – im positiven wie im negativen Sinne.
Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund der Stichprobengröße von 6 Interviews und der retrospektiven Befragung zur Nutzung von Instagram als limitiert einzustufen. Ein intensiverer kollegialer Austausch im Entwicklungs- und Auswertungsprozess zur besseren Reflexion eigener Perspektiven und vorherrschender Relevanzsysteme hätte zu einer höhen wissenschaftlichen Güte beigetragen.
Schlussfolgerung
Als Filter in der Informationsflut, die auf Schwangere in der neuen Lebenssituation einbricht, wirken nicht mehr, wie in vordigitaler Zeit, das professionelle Personal, das Informationen auswählt, vermittelt und vorenthält. Durch die sozialen Medien entstand neben klassischen Medien und der Familie ein neuer gesellschaftlicher Bereich, in dem, so argumentiert die vorliegende Arbeit, besonders die persönliche Identitätskonstruktion durch Instagram über Bilder zu berücksichtigen ist. Die breit etablierte Nutzung von Instagram erfordert einerseits vom Gesundheitsfachpersonal den Umgang mit Schwangeren und Gebärenden, die mit über Instagram vermittelten Inhalten konfrontiert sind. Gerade beim visionär-wünschenden Rezeptionstyp kann dies herausfordernd sein, wenn über Filterblasen und Echokammern einseitige Informationen zu radikalisierten Erwartungen von Gruppen oder Einzelnen führt [21]. Anderseits ist es notwendig, dass Hebammen und Geburtshelfer*innen Strategien entwickeln, diesen neuen Identitäten professionell zu begegnen. Das bedeutet, mediale Wirkmechanismen in der Beratung und Betreuung zu berücksichtigen, z. B. in Form innovativer Kurskonzepte zur Reflexion vorherrschender Diskurse oder auch mit Blick auf die veränderte Rolle im Bereich der Entscheidungsfindung als Bezugsperson neben sozialen Medien. Die Ergebnisse dieser Arbeit helfen dabei, zunächst zu verstehen, wie Identitäten über Instagram neu strukturiert werden – u. a. emotional, idealisiert, einseitig – und welche Rezeptionsstrategien (praktisch-professionell, praktisch-unterhaltend, visionär-wünschend) dem auf Seiten der Nutzer*innen gegenüberstehen. Darauf aufbauend lassen sich – im Sinne der partizipativen Entscheidungsfindung – Wirklichkeitskonstruktionen reflexiv in den Prozess der selbstbestimmen, autonomen und evidenzbasierten Entscheidungsfindung einbinden.
Als professionelle Person oder Institution ist es relevant, sich zur Nutzung von Instagram zu positionieren und diese zu reflektieren, um Standards der Qualitätssicherung zu entwickeln. Transparenz darüber, welche Absichten und Ziele mit dem Instagram-Auftritt verfolgt werden (Information, Marketing, Unterhaltung, Aktivismus etc.), Überlegungen, wie Inhalte auf Schwangerschaft und Geburt strukturierend wirken oder von den verschiedenen Rezeptionstypen gelesen werden, sind beispielsweise interessante Fragen. Die Arbeit verdeutlicht, dass Inhalte über Instagram primär emotional rezipiert werden bei gleichzeitig idealisierter Wirklichkeitsdarstellung. Daher ist zu hinterfragen, inwieweit sich die Ziele, z. B. eines Einblicks in den Kreißsaal- oder Hebammenalltag, mit der emotional geleiteten Lesart der Nutzenden und der daraus resultierenden Erwartungshaltung vereinbaren lassen. Gleichzeitig ist, etwa im Fall von Kliniken, die intensive Abstimmung von Öffentlichkeitsarbeit und Fachpersonal erforderlich, um die in dieser Studie geschilderten Konstruktionsmechanismen und Rezeptionsstrategien zu berücksichtigen und im Sinne einer praktisch-professionellen Rezeption zu wirken.
Der Verzicht auf die Nutzung von Instagram bedeutet, sich dem digitalen Wandel zu entziehen, Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen und einen erheblichen Teil der Lebensrealität junger Schwangerer auszublenden. Instagram bietet für das Gesundheitswesen die Möglichkeit, effektiv die entsprechende Zielgruppe zu erreichen. Durch verschiedene Formate digitaler Präsentationsmöglichkeiten über Instagram können Informationen flexibel, zeit- und ressourcensparend vermittelt werden, beispielsweise in Form von Live-Infoabenden als Alternative zu Präsenz-Infoabenden. Solche Formate können zukunftsweisend sein, z. B. in Zeiten von Social Distancing sowie in Zeiten von geforderter Vermittlung medizinischen Fachwissens ohne entsprechende Bereitstellung von Ressourcen.
Zukünftigen Forschungen blieben einerseits prospektive qualitative Untersuchungen einer größeren Stichprobe zur Nutzung von Instagram und der Konstruktion von Schwangerschaft und Geburt vorbehalten. Andererseits sind Vorhaben denkbar, die der Überprüfung der in dieser Arbeit entworfenen drei Rezeptionsformen dienen, entweder in Form weiterer retrospektiver Befragungen im Sinne einer theoretischen Sättigung oder als quantitative Erhebungen zur Zahl und Ausprägung der einzelnen Formen (beispielsweise hinsichtlich des Einflusses der Parität).
Förderung
Für die vorliegende Arbeit wurde keine finanzielle Förderung erhalten.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
Y. Gacki, M. Peters und U. Lange geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden Daten im Rahmen von Befragungen erhoben. Die Durchführung der Befragungen erfolgte konform zu den anwendbaren ethischen und datenschutzrechtlichen Vorgaben. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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