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02.06.2018 | Diabetes | Nachrichten

Mit Fortbildungen gegen den Diabetes-Tsunami

Jeder dritte Pflegeheim-Bewohner hat Diabetes. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft will mehr Pflegekräfte dazu schulen.

Diabetes © United Archives / mauritius images (Symbolbild)Geduld und Empathie: Zur Pflege von Diabetikern gehört auch eine gute Ausbildung.

"Trotz des enormen und weiter steigenden Pflegebedarfs geht der Bundesverband privater Pflegeanbieter aktuell von 250.000 fehlenden Vollzeitkräften und damit einem eklatanten Mangel an Pflegekräften aus", heißt es im "Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2018".

Die in den vergangenen zwei Jahren bekannt gewordenen Zahlen zur tatsächlichen Diabetes-Prävalenz, zur Morbidität und Mortalität sowie zur Menge potenziell pflegebedürftiger diabeteskranker Menschen sind erschreckend. Angesichts der bereits jetzt bestehenden Pflegedefizite fragt es sich, wie diesem Bedarf in Zukunft überhaupt begegnet werden kann.

"Krasses Ausbildungsdefizit"

An den Diabetes-Prävalenzraten lässt sich kurzfristig nichts ändern. Die Bereitschaft zur häuslichen Pflege durch Angehörige sinkt, ein massenhafter Ausbau von Pflegekapazitäten erscheint unrealistisch.

Und: "Das schnell wachsende ‚schwarze Loch‘ an Pflegekräften trifft auf ein krasses Ausbildungsdefizit", konstatieren die Geriater und Diabetologen Privatdozent Andrej Zeyfang aus Ostfiltern-Ruit sowie Dr. Jürgen Wernecke aus Hamburg in dem Gesundheitsbericht.

Demnach wüssten viele Altenpfleger zum Beispiel nicht, wie sie bei schwerer Hypoglykämie reagieren sollten. Ähnlich sehe es in Kliniken ohne Diabetes-Fachabteilung aus.

Bleibe als kurzfristige Möglichkeit, auf die bestehenden Defizite zu reagieren, eine "schnelle, strukturierte, flächendeckende und hochwertige Verbesserung der Pflegeausbildung in Bezug auf Diabetes mellitus", erklären Zeyfang und Wernecke.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat ein entsprechendes Instrument inzwischen auf den Weg gebracht. Außer der Schulung von Patienten durch DDG-zertifizierte Diabetesassistentinnen und Diabetesberaterinnen sowie durch Ausbildung von Wundassistentinnen zur Versorgung von Menschen mit diabetischem Fuß gibt es seit 2017 die dritte Säule "Diabetes und Pflege".

Dabei handelt es sich um ein 16-stündiges Basis-Ausbildungsprogramm. Dieses ergänzt das bereits existierende 180-stündige Langzeitausbildungsprogramm Diabetes-Pflege.

Ein Ziel: Zertifizierte Pflegedienste

Inhalte der Basisqualifikation sollen außer den klassischen Diabetes-Ausbildungsthemen die Besonderheiten älterer Menschen mit Diabetes mellitus sein. Hierbei geht es um geriatrische Syndrome und deren Wechselwirkungen mit der Stoffwechselkrankheit.

Ein Schwerpunkt dabei ist das geriatrische Syndrom der Gebrechlichkeit (Frailty). Diabetes-Patienten zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für Gebrechlichkeit, weil pathophysiologische Zusammenhänge zur Sarkopenie, Insulinresistenz und Mangelernährung bestehen.

Die effektivste Methode, schwindender Muskelkraft und mangelnder motorischer Koordination vorzubeugen, ist die Bewegungstherapie – bekanntermaßen ein Basis-Behandlungsansatz bei Typ-2-Diabetes.

Basisqualifikation "Diabetes Pflege" -

»Fortbildungsprojekt der DDG für examinierte Kräfte in der Kranken- und Altenpflege

»In einem zweitägigen Seminar (16 Stunden) sollen grundlegende Aspekte vermittelt werden.

»Das Projekt befindet sich momentan mit "train-the-trainerSeminaren" in der Pilotphase. Ab Frühjahr 2020 soll die Fortbildung bundesweit angeboten werden.

Weitere Informationen finden sich auf www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de

Die Pflegenden sollen außerdem in die Lage versetzt werden dazu beizutragen, geriatrische Syndrome wie Gebrechlichkeit und Demenz früh zu erkennen.

Dies könnte dazu beitragen, Folgeschäden wie sturzbedingte Frakturen zu verhindern sowie die Pharmakotherapie rechtzeitig anzupassen. Geriater verfügen über diverse Instrumente des geriatrischen Assessments, deren Ergebnisse maßgeblich die therapeutischen Entscheidungen beeinflussen.

Besonders wichtig sind dabei die Aspekte Kognition, Affekte, Mobilität und Sturzgefahr, die Gebrechlichkeit, der Ernährungszustand sowie Performance-Tests, etwa um beurteilen zu können, inwiefern selbständig Blutzuckermessungen oder Insulininjektionen ausgeführt werden können.

Mit Blick auf die ebenfalls größer werdende Zahl alter Menschen mit Typ-1-Diabetes und der Besonderheiten der Diabetestherapie sei es wünschenswert, "dass sich auch Pflegeeinrichtungen bezüglich ihrer Diabetes-Kompetenz auszeichnen können", heißt es im Gesundheitsbericht.

Ähnlich wie für Kliniken ohne Diabetes-Fachabteilungen strebt die DDG eine spezifische Zertifizierung für Pflegeeinrichtungen an. Diese müsste sich dann allerdings auch in der Vergütung der Leistungen niederschlagen. Nur dann dürften langfristig relevante Folgen im Versorgungsalltag zu erwarten sein.

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