Pflege studieren: Reflective Practitioner statt Pflexit!
- 17.05.2021
- Bildung
- Nachrichten
Wer Pflege studieren möchte, findet ein breites Studienangebot. Doch wie geht es danach weiter? Neben den Karriereoptionen Management, Ausbildung oder Pflegewissenschaft gibt es immer öfter die Möglichkeit, weiter in der direkten Pflege tätig zu sein. Advanced Nursing Practice – eine vertiefte und erweiterte Pflege – ist ein autonomes Arbeitsfeld.
Das Angebot an Bachelor- und Masterstudiengängen in der Pflege ist vielfältig und bisweilen unübersichtlich. Für eine Karriere im Management, in der Ausbildungstätigkeit und in der Wissenschaft inzwischen Voraussetzung, wird das Studium in der Pflege gerade im klinischen Kontext häufig noch mit Skepsis betrachtet. Und es ist nach wie vor nicht adäquat in die Arbeitswelt eingebunden. Will heißen: Adäquate Rollen und Aufgaben, die hochschulisch qualifizierte Pflegende übernehmen könn(t)en, sind vielerorts noch nicht Standard. Auch an der entsprechenden Vergütung hapert es.
Doch bundesweite wie internationale Entwicklungen machen durchaus Hoffnung, wie die Autoren der PflegeZeitschrift, Prof. Dr. Markus Zimmermann und Dr. Tim Peters vom Department Pflegewissenschaften der Hochschule Bochum zeigen. Ein Pflege-Studium bietet immer häufiger die Möglichkeit, weiter in der direkten Pflege zu arbeiten; es impliziert keineswegs mehr ein „weg vom Bett“. Das Konzept der „reflective practitioner“ beispielsweise soll nach dem Bachelorabschluss zu klinischen, unmittelbaren Tätigkeiten am Patienten befähigen.
Primärqualifizierend oder Hybrid
Mit Beginn der dualen Studienmodelle, in denen parallel zur oder nach einer pflegerischen Ausbildung ein Studium der Pflege oder der Pflegewissenschaft aufgenommen wurde, entstanden erste Studiengänge mit Kompetenzzielen, die über die hochschulische Qualifikation nicht den direkten Weg aus der Pflegepraxis hinaus anstrebten. Vielmehr sollte die klassische Pflegeausbildung mit einem Hochschulstudium verknüpft werden.
Das Pflegeberufereformgesetz eröffnete die Möglichkeit, im Rahmen eines primärqualifizierenden Studiums sowohl die Berufszulassung als auch den Bachelorabschluss zu erwerben. Die hochschulische Qualifikation zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann B.Sc. ist jetzt eine von zwei Ausbildungsmöglichkeiten. Als besondere bzw. weitergehende Kompetenzen zielt der hochschulische Qualifikationsweg darauf ab, wissenschaftsbasiert hochkomplexe Pflegeprozesse zu steuern und zu gestalten, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse in die Pflegepraxis anwendungsorientiert einzubeziehen sowie Forschungsergebnisse zu verstehen und anzuwenden.
Mit Einführung des primärqualifizierenden Pflegestudiums werden die bisherigen Kooperationsmodelle zwischen Hochschulen und Berufsfachschulen übrigens bis zum Jahresende 2031 toleriert. Damit bleiben auch die klassischen dualen Pflegestudiengänge weiterhin möglich.
Aufgaben, Profile, Karrierewege für hochschulisch Qualifizierte
Wie können die neuen Kompetenzprofile gewinnbringend in die Praxis überführt werden? Wie sehen spezifische Stellenprofile aus? Hier gibt es in Deutschland, nach Einschätzung der Autoren noch erheblichen Nachholbedarf. Spannend sind in diesem Zusammenhang die Projektergebnisse der Initiative „360º Pflege“, eines breit angelegten Vorhabens der Robert-Bosch-Stiftung. Sie ordnen Aufgaben der Pflege in den vier Settings Akutkrankenhaus, ambulante Pflege, stationäre Langzeitpflege und Rehabilitation den Kompetenzstufen des Deutschen Qualifikationsrahmens (Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen 2011) bzw. des europäischen Qualifikationsrahmens (Europäische Kommission 2008) zu. Der von Pflegewissenschaft und Pflegepraxis gemeinsam entwickelte Aufgabenkatalog ermöglicht somit eine Differenzierung der Tätigkeiten von Hilfskräften bis hin zu Masterabsolvent*innen nach hierfür erforderlichen Qualifikationen und Kompetenzen. Auch die Kompetenzziele, wie sie von einer hochschulischen Pflegeausbildung mit dem Abschluss Bachelor erwartet werden und im Pflegeberufereformgesetz formuliert sind, werden für die Praxis angepasst und operationalisiert.
Ein Anliegen von Zimmerman und Peters: Neben quantitativen Fragen – sprich: der Anzahl von Pflegenden und der Nurse-to-patient-ratio – sollte in der Diskussion um eine adäquate Versorgung verstärkt der Qualifizierungsgrad der Pflegenden eine Rolle spielen. (SK)