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18.11.2019 | Bildung | Nachrichten

„Der Nutzen akademisch ausgebildeter Pflegekräfte liegt in der direkten Pflege“

Deutschland braucht mehr akademisch ausgebildete Pflegekräfte. Da sind sich Wissenschaftsrat und Verbände einig. Doch wie kann dieser Prozess gelingen?

Wenn es um den Akademisierungsgrad in der Pflege geht, hinkt Deutschland den USA und anderen europäischen Ländern meilenweit hinterher. Wie gelingt es den Anteil hochschulisch ausgebildeter Pflegekräfte zu erhöhen und sie adäquat an den Kliniken zu integrieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Kongresses, den der Verband der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der Universitätskliniken und medizinischen Hochschulen Deutschlands (VPU) am Wochenende in Berlin veranstaltete.

Andreas Kocks, Sprecher des Netzwerks Pflegeforschung im VPU, präsentierte dazu aktuelle Zahlen: Lag an deutschen Universitätskliniken der Anteil hochschulisch ausgebildeter Pflegekräfte in der direkten Patientenversorgung 2015 bei 1%, so beträgt er heute knapp 2%. Diese Zahlen seien weit entfernt von der Empfehlung des Deutschen Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2012. Dieser fordert, dass mindestens 10% des Pflegepersonals an deutschen Krankenhäusern hochschulisch qualifiziert sein sollte. Kocks sieht einen klaren Auftrag, „diese  Zahl größer zu machen“. Es stelle sich die Frage, wie der Kulturwandel gelingt, um die Integration hochschulisch ausgebildeter Mitarbeiter zu fördern. „Wir möchten, dass von diesem Kongress ein Impuls ausgeht“, bekräftigte Kocks.

„Es ist Zeit zu handeln“

Dass die Daten für sich sprechen, machte die international renommierte Pflegeforscherin Linda Aiken, Philadelphia, in ihrer Keynote deutlich: „Es liegen genügend Belege vor, die zeigen, dass ein hoher Anteil akademisch ausgebildeter Pflegekräfte die Versorgungsergebnisse verbessert“, erklärte die Direktorin des Centers for Health Outcomes and Policy Research an der University of Pennsylvania. „Es ist Zeit zu handeln.“

VPU © VPU/Britta Pedersen

Aiken verwies unter anderem auf die Ergebnisse der von ihr mitgeleiteten RN4CAST Studie. Dabei handelt es sich um die bisher größte und erfolgreichste Pflegestudie in 14 europäischen Ländern, an der auch deutsche Krankenhäuser beteiligt waren. In diesem Kontext wurde auch ermittelt, wie hoch der Prozentsatz der Pflegekräfte mit einem Bachelorabschluss war. 2010 betrug der Anteil in den untersuchten deutschen Krankenhäusern 0%, 10% in der Schweiz und 100% in Norwegen und Spanien.

In einer Vertiefungsstudie mit 561 europäischen Krankenhäusern konnten Aiken und Kollegen zeigen, dass die Mortalität in Krankenhäusern mit hohem Anteil akademisch ausgebildeter Pflegekräfte signifikant niedriger ist. Unterschiede in der Personalausstattung und andere Faktoren waren dabei bereits berücksichtigt. Jede Erhöhung des Anteil von Bachelorabsolventen in der Pflege um 10% war mit einem Rückgang der Mortalität um 7 % verbunden. „Das sind jedes Jahr viele 1.000 Patienten. Leben können gerettet werden, wenn wir den Ausbildungsstand erhöhen und die Personalausstattung verbessern“, so Aiken. Die Pflegeforscherin betonte aber auch, dass nicht darum gehe, ob die eine oder andere Pflegekraft besser sei. Mit dem Anteil höher ausgebildeter Pflegekräfte steige das fachliche Knowhow im gesamten Team.  

Entscheidend ist die Einstellung der Führungskräfte in der Pflege

Doch wie gelingt der Übergang hin zu einem höheren Bildungsniveau in der Pflege? Wie kann ein Land die Akademisierung von Pflegekräften vorantreiben? Wie Aiken ausführte, gibt es dabei verschiedene Wege, abhängig vom Gesundheitswesen der jeweiligen Länder. Von diesen Erfahrungen könne Deutschland  profitieren. 

So wurden in Norwegen, Kanada, Australien und Neuseeland Gesetze verabschiedet, die vorschreiben, dass alle Pflegekräfte einen Bachelorabschluss haben müssen. Dies sei wegen der Entscheidungshoheit der einzelnen Bundesstaaten in den USA nicht möglich gewesen, so Aiken. Führungskräfte in der Pflege hätten hier einen entscheidenden Anteil am Wandel gehabt. Überzeugt von Studienergebnissen hätten diese beschlossen, bevorzugt Pflegekräfte mit einer hochschulischen Ausbildung einzustellen. „Das ist alles, was notwendig ist, um ein System zu ändern“.

In der Folge sei die Zahl der Pflegekräfte, die einen Bachelorabschluss anstreben, „explodiert“. In den USA gäbe es keinen Personalmangel in der Pflege und es sei ein Markt entstanden für Pflegekräfte mit Bachelorabschluss, die zudem sehr gut bezahlt würden. Mittlerweile liegt der Anteil akademisch ausgebildeter Pflegekräfte in den meisten US-Krankenhäusern bei 60% und man befindet sich auf dem Weg zur 80% Marke. Verschiedene Studien hätten in den USA bestätigt, dass dieser Weg richtig sei. So steige die Überlebensrate nach Komplikationen mit dem Anteil an höher qualifizierten Pflegekräften.

„Wir brauchen die akademisch ausgebildeten Pflegekräfte im klinischen Bereich“, so Aikens Fazit, „hier liegt der Nutzen, nicht im Management, sondern in der direkten Pflege. (ne)

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