Interview Den Hebammenberuf voranbringen
- 10.03.2026
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Es ist ein Merkmal unserer Zeit, dass sich alles um uns herum in einem stetigen Wandel befindet. Der Hebammenberuf bildet da keine Ausnahme. Wo früher vor allem praktische Erfahrung und traditionelles Wissen im Vordergrund standen, prägen heute ein wachsender wissenschaftlicher Anspruch, veränderte Versorgungsstrukturen und neue Anforderungen den Berufsalltag. Über die Veränderungen sprachen wir mit der ehemaligen Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) Ulrike Geppert-Orthofer und ihrer Nachfolgerin Annika Wanierke.
Frau Wanierke, mit Ihrem Amtsantritt als DHV-Präsidentin übernehmen Sie Verantwortung in einer Phase großer Umbrüche im Hebammenwesen. Welche Themen stehen ganz oben auf Ihrer Agenda?
Wanierke: Die tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationsprozesse sowie die aktuellen gesundheitspolitischen Herausforderungen betreffen selbstverständlich auch das Hebammenwesen. Insbesondere die angespannte Finanzlage im Gesundheitswesen wird sich spürbar auf die Vertragsverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband auswirken. Gleichzeitig rückt das Thema Primärversorgung zunehmend in den Fokus gesundheitspolitischer Debatten. Als akademisch ausgebildete Fachpersonen mit umfassender Expertise in der Betreuung physiologischer Verläufe sind Hebammen prädestiniert, hier eine zentrale Rolle zu übernehmen. Das vorhandene fachliche Potenzial unserer Berufsgruppe ist in diesem Versorgungsbereich noch nicht ausgeschöpft.
Woran denken Sie hier genau?
Wanierke: Ich denke hier besonders an die Versorgung von Frauen und Familien in strukturschwachen Gegenden. Hier sind wir ein Ass im Ärmel der Kommunen und können rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett viel mehr leisten, als bislang genutzt wird. Aber auch im Rettungswesen bis hin zum Katastrophenschutz gilt: Hebammen sind direkt vor Ort und sehr gut lokal vernetzt. Man muss uns halt nur mitdenken und einbinden. Dafür haben wir gute Ideen und Konzepte.
Stichwort „Notfallversorgung“?
Wanierke: Ja, die Reform der Notfallversorgung sowie Fragen des Krisenmanagements befinden sich derzeit in politischer Bearbeitung. Auch in diesen Handlungsfeldern sind Hebammen bereit, Verantwortung zu übernehmen und ihre Kompetenz im Sinne einer kontinuierlichen, niedrigschwelligen und wohnortnahen Versorgung einzubringen. Voraussetzung hierfür sind jedoch verlässliche strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen, die eine nachhaltige Integration unserer Profession in die Versorgungsstrukturen ermöglichen.
Frau Geppert-Orthofer, welche Veränderungen haben Sie Im Hebammenwesen während Ihrer Zeit als DHV-Präsidentin beobachtet?
Geppert-Orthofer: Eine sehr große Veränderung, deren Auswirkungen aktuell noch nicht alle spürbar sind, ist die Akademisierung des Hebammenberufs. Seit 2020 sind die Hebammen als Berufsgruppe voll akademisiert. Das ermöglicht uns die berufliche und akademische Weiterentwicklung in unserem eigenen Beruf und wird einen starken Einfluss auf die Geburtshilfe in Deutschland haben. Dazu entwickelt sich gerade die Hebammenwissenschaft als eigene Forschungsdisziplin. Das ist gut so, denn Hebammen stellen mit ihrem beruflichen Profil, gesunde Menschen in besonderen Situationen zu begleiten, andere Fragen als alle anderen Gesundheitsberufe. Zusätzlich hat in den vergangenen acht Jahren auch bei den Hebammen so etwas wie ein Generationenwechsel stattgefunden. Hebammen – traditionell eher gut vernetzte Einzelkämpferinnen – sind zunehmend Teamplayerinnen geworden und organisieren ihren Arbeitsalltag inhaltlich und organisatorisch als Team.
Die Kompetenz und das Potenzial der Hebammen werden zwar nach wie vor noch nicht flächendeckend vollständig ausgeschöpft, es sind jedoch deutliche Entwicklungen erkennbar: Immer mehr Hebammen sind über ihre originäre Tätigkeit hinaus als Expert*innen in Ministerien, in Krankenkassen, Gesundheitsämtern zu finden.
Wir trafen Annika Wanierke und Ulrike Geppert-Orthofer (v.l.n.r.) zum Gespräch in Berlin.© Joana Rohr / Springer Pflege
Neue Anforderungen bedingen auch andere Kompetenzen. Sowohl die International Confederation of Midwives (ICM) als auch der DHV beschreiben die Ultraschalluntersuchung in der Schwangerschaft als eine dieser möglichen Kompetenzen. Welche Chancen sehen Sie darin für den Berufsstand?
Geppert-Orthofer: Insbesondere im Rahmen der Betreuung in der Schwangerschaft kann der gezielte Einsatz sonografischer Basisdiagnostik dazu beitragen, die Versorgungsqualität zu verbessern und den niedrigschwelligen Zugang zu zentralen Untersuchungen zu erleichtern. Dazu zählen unter anderem die Bestätigung einer intrauterinen Schwangerschaft, die Einschätzung des Gestationsalters, die Beurteilung der fetalen Lage sowie orientierende Kontrollen des Fruchtwassers. Diese Anwendungen bewegen sich im Kontext physiologischer Verläufe und stärken die kontinuierliche Betreuung durch Hebammen.
Und wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen?
Geppert-Orthofer: Der ICM hebt hervor, dass der Einsatz von Ultraschall an klar definierte Qualifikationsstandards gebunden sein muss. Erforderlich sind strukturierte, evidenzbasierte Ausbildungsprogramme, standardisierte Kompetenznachweise sowie eine klare Abgrenzung zu weiterführender diagnostischer Spezialsonografie. Die Erweiterung des Kompetenzspektrums ist somit untrennbar mit einer fundierten fachlichen Qualifikation und einer verantwortungsvollen Einbettung in bestehende Versorgungsstrukturen verbunden.
Hebammen können Ultraschalluntersuchungen noch nicht abrechnen. Dafür sind Reformen dringend erforderlich. Wie bringt sich der DHV in diesen Prozess ein?
Geppert-Orthofer: Die Abrechnung von Ultraschalluntersuchungen durch eine Hebamme mit den Krankenkassen setzt voraus, dass die Erlangung der Fachkunde geregelt ist. Hier steht der DHV in engem Austausch mit unserer Fachgesellschaft und Hochschulen, um die Weiterqualifizierung zu ermöglichen. Ergänzend setzt der DHV sich dafür ein, dass die Kompetenzerweiterung in den Berufsordnungen der Länder verankert wird.
Welche Bedeutung hat die zunehmende Etablierung von Hebammenkreißsälen für die Weiterentwicklung des Berufsstands?
Wanierke: Ein Hebammenkreißsaal (HKS) steht für eine ganzheitliche, interventionsarme und zugleich evidenzbasierte Betreuung. Internationale Studien belegen, dass gesunde Frauen im Hebammenkreißsaal ebenso sicher gebären wie im interprofessionell geleiteten Kreißsaal. Die vom Land Nordrhein-Westfalen beauftragte GEscHIcK-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die hebammengeleitete Geburtshilfe hinsichtlich der Sicherheit mit interdisziplinär geleiteten Settings vergleichbar ist. Die Voraussetzungen für den HKS werden in den jeweiligen Häusern berufsgruppenübergreifend geschaffen. Das hat auch zur Folge, dass die Implementierung eines Hebammenkreißsaals in einem Krankenhaus die gesamte geburtshilfliche Versorgung in diesem Krankenhaus positiv beeinflusst und Interventionsraten sinken. Insgesamt stehen Hebammenkreißsäle für ein qualitätsgesichertes, evidenzbasiertes Versorgungsmodell, das Wahlfreiheit, Sicherheit und professionelle Standards miteinander verbindet.
Nicht zuletzt hat die Akademisierung der Professionalisierung des Hebammenberufs einen kräftigen Schub gegeben: Welches Potenzial sehen Sie in dieser Entwicklung?
Geppert-Orthofer: Durch die enge Verzahnung von evidenz- und erfahrungsbasierter Lehre und praktischer Ausbildung wird eine hohe fachliche Handlungskompetenz sichergestellt. Die Akademisierung ermöglicht die Einbindung der Wissenschaft in die Aus- und Weiterbildung von Hebammen. So können Hebammen selbst auch wissenschaftlich arbeiten bzw. forschen und Daten generieren, die die Qualität der Hebammenbetreuung von Familien festhalten. Als vollständig akademisierter Gesundheitsfachberuf verbinden Hebammen wissenschaftliche Forschung mit praktischer Expertise und arbeiten respektvoll mit angrenzenden Berufsgruppen zusammen - zum Wohl von Schwangeren, Gebärenden, Familien und Neugeborenen.
Was braucht es für eine weitere Stärkung der Hebammenwissenschaft?
Geppert-Orthofer: Die Stärkung der Wissenschaft erfolgt bereits durch die Zusammenarbeit des DHV und der DGHWi sowie durch die Förderung der Forschung innerhalb der Hebammenwissenschaft. Allerdings ist diese bisher noch häufig im medizinischen Bereich verankert. Doch bei Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett handelt es sich um physiologische Prozesse – die Zuordnung in die Medizin ist daher nicht immer vollständig korrekt. Da Hebammenarbeit und -wissenschaft auch psychologische, sozialwissenschaftliche sowie Public-Health-Aspekte beinhalten, ist es umso wichtiger, sie als eigenständige Disziplin zu entwickeln. Denn keine der anderen wissenschaftlichen Disziplinen wird der Komplexität des Hebammenwesens gerecht.
Für März 2027 ist die S3-Leitlinie Schwangerenvorsorge bei unkomplizierter Schwangerschaft angekündigt. Was erwarten Sie hier in Bezug auf die interprofessionelle Zusammenarbeit mit Gynäkolog*innen?
Wanierke: Ich erhoffe mir insbesondere eine klare Definition der Rollen und Verantwortlichkeiten von Hebammen und Gynäkolog*innen im Betreuungsprozess. Eine präzise Beschreibung der jeweiligen Zuständigkeiten könnte Doppeluntersuchungen vermeiden und Versorgungslücken reduzieren. Wichtig wäre zudem eine strukturierte Regelung der interprofessionellen Kommunikation, etwa durch standardisierte Dokumentations- und Informationswege. Einheitliche Kriterien zur Risikoeinschätzung und klare Indikationen für Überweisungen oder Konsultationen würden außerdem die Versorgungssicherheit erhöhen. Ebenso erwarte ich Empfehlungen zur koordinierten Durchführung von Screenings und Vorsorgeuntersuchungen.
Wie könnte das Ihrer Meinung nach erreicht werden?
Wanierke: Gemeinsame Fortbildungen oder Fallbesprechungen könnten als Qualitätsmerkmal interprofessioneller Zusammenarbeit verankert werden. Von zentraler Bedeutung ist außerdem eine konsistente, evidenzbasierte Information der Schwangeren, die von allen beteiligten Berufsgruppen getragen wird. Dadurch ließe sich die Entscheidungsfindung stärken und ein gemeinsames Beratungsverständnis fördern. Insgesamt wünsche ich mir eine Leitlinie, die nicht nur medizinische Standards definiert, sondern auch die Zusammenarbeit systematisch strukturiert und damit die Qualität der Versorgung nachhaltig verbessert.
Der DHV fordert, dass Hebammen an entscheidenden Reformprozessen strategisch stärker berücksichtigt werden sollen. Frau Wanierke, bei welchen Themen wollen Sie sich zukünftig besonders einbringen?
Wanierke: Ja, der DHV fordert eine stärkere strategische Beteiligung von Hebammen überall dort, wo zentrale Weichen für die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens gestellt werden. Ein wesentlicher Schwerpunkt ist hier meiner Meinung nach die Weiterentwicklung der Primärversorgung: Hebammen sollten unbedingt bei entsprechenden Reformprozessen systematisch einbezogen und mitgedacht werden. Es ist entscheidend, dass Hebammen bei Strukturentscheidungen verbindlich eingebunden werden, um Qualität, Sicherheit und Erreichbarkeit der Versorgung mitzugestalten. Wir Hebammen müssen dort vertreten sein, wo Richtlinien, Qualitätsvorgaben und Versorgungsstandards entwickelt werden – also auf Ebene des Bundestages, des Bundesministeriums für Gesundheit oder des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Kurz gesagt: Als DHV möchten wir uns überall dort aktiv einbringen, wo strukturelle, fachliche und politische Rahmenbedingungen für die geburtshilfliche Versorgung gestaltet werden. Unser Ziel ist es, die Expertise der Hebammen wirksam und dauerhaft zu verankern.
Frau Geppert-Orthofer, wie sehen Ihre Pläne jetzt nach acht Jahren als DHV-Präsidentin aus?
Nach acht Jahren Präsidentin im DHV bin ich bereit für neue Herausforderungen. Wie genau die aussehen werden, ist im Moment noch offen. Klar ist: Ich möchte entweder als Hebamme oder für Hebammen arbeiten. Hebammen bleiben meine Herzensangelegenheit.
Das Interview führte Josefine Baldauf