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30.03.2021 | Ausbildung | Nachrichten

Von der Präsenzveranstaltung zur digitalen Mischform

Das Ziel war klar: Die Ausbildung amSt. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus in Ludwigshafen am Rhein sollte mit digitalen In­halten unterstützt werden. Der Anfang war gemacht, dann kam die Pandemie. „Was nun?“, fragten wir den Dipl.-Pflegepädagogen Sven Heise.

Sven Heise © privatSven Heise, Dipl.-Pflegepädagoge am St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen am Rhein

Herr Heise, an Ihrer Schule gibt es schon seit etwa zwei Jahren, also lange vor der Pandemie, das Bestreben, die Ausbildung mit digitalen Inhalten zu unterstützen. Was heißt das genau?

Heise: Es gibt seit längerem berufspolitische Bestrebungen den Pflegeberuf an die allgemeinen beruflichen Erfordernisse anzupassen. Dazu gehört unter anderem auch das digitale Arbeiten mit entsprechenden Geräten. Egal wo Pflegende ihre Arbeit verrichten, sind heute Computer allgegenwärtig. Auf den Abteilungen werden Essensbestellungen, Dokumentationen, Assessments, medizinische Daten uvm. mittlerweile automatisch über Computer erfasst, verwaltet und weitergegeben.

Das St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus hat schon früh erfasst, dass – durch die Erfordernisse des neuen Pflegeberufegesetzes – eine systematische Ausrichtung der Arbeit nicht allein auf den Abteilungen stattfinden sollte, sondern gerade auch in der Ausbildung notwendig ist. Dazu wurden unterschiedliche Projekte, zum Teil durch Förderung des Bundes, durchgeführt, damit damit wir nicht nur reagieren, sondern vor allem agieren.

Dann kann die Pandemie und brachte nochmal ganz andere Notwendigkeiten mit sich – wie ging es weiter?

Heise: Wir hatten alles für eine unterstützende Digitalisierung an unserer Schule eingerichtet und wurden dann von der Pandemie überrollt. Plötzlich wurde alles auf Fernunterricht umgestellt und unsere Konzepte mussten angepasst werden. Wir probierten vieles aus, bekamen dann Hilfe mit dem Bildungsserver des Landes Rheinland-Pfalz und damit ein Webkonferenzsystem. Zusätzlich erreichten wir die Umsetzung von eBooks für alle Auszubildenden, und der DigitalPakt bescherte uns weitere notwendig gewordene technische Mittel wie Laptops, Tablets und Konferenzsysteme. Ein echter Gewinn, dennoch befinden wir uns noch mitten in einem ausbaufähigen Prozess.

Welche Haltung braucht es vom Träger, um die Digitalisierung voranzubringen?

Heise: Der Träger muss zu den Initiatoren gehören und stets in die Prozesse mit eingebunden werden. Das ist die Aufgabe der Schulleitung dahingehend regelmäßige Treffen mit allen Führungsebenen aufrechtzuerhalten und dabei zu informieren und zu begeistern. Schließlich laufen alle Entscheidungen zuletzt über den Tisch der Klinikleitung, der Geschäftsführung. Wir haben kaum zusätzliches Geld gefordert. Alle unsere Lösungen gehen auf eine Änderung unseres Budgets in digitale Lösungen (bspw. Bücher), Spenden, Förderungen und eine gute Portion Engagement zurück. Letzteres muss eben auch gegeben sein.

Eine solchen Prozess zu gestalten, gelingt nur mit motivierten Mitarbeitern. Dennoch gibt es bestimmt auch „Bedenkenträger“. Wie überzeugen Sie diese?

Heise: Natürlich ist nicht das gesamte Team gleich motiviert, aber bei den Neueinstellungen der letzten Jahre ist die digitale Ausrichtung mit in die Personalauswahl eingeflossen. Unsere Schulleitung ist gleichermaßen innovativ und kreativ. Außerdem gilt ihr Engagement natürlich auch der beruflichen Entwicklung der Auszubildenden und der Mitarbeiter im Krankenhaus. Darüber hinaus möchte sie unsere Berufe attraktiv und zeitgemäß machen. Das sind starke Gründe, die natürlich auch Auswirkungen auf die Teamarbeit an einer Pflegeschule haben. Die „Bedenkenträger“ sind immer und überall und müssen trotzdem in alle Entscheidungen eingebunden werden. Das klingt sehr einfach, ist aber auch eine Form der Pädagogik und braucht viel Zeit und Kraft. Sie können „Bedenkenträger“ nur durch Erfolg überzeugen; durch die Mitarbeit sind sie dann Teil des Erfolges und der Erfolg ist Teil ihrer Arbeit. Bewahrer wollen häufig den Status erhalten. Wenn sich jedoch Veränderungen durchsetzen, entstehen Unsicherheit und Ängste, die das Team gemeinsam überwinden muss. Dazu gehört auch ein kollegialer Umgang miteinander.

Die meisten Auszubildenden stammen aus der Generation der sogenannten digital natives, müssten also fit sein, wenn es um Digitales geht. Wie steht’s denn nun um die digitale Ausstattung und die digitalen Fähigkeiten bei den Auszubildenden?

Heise: Meiner Meinung nach gibt es diese „digital natives“ nicht. Dieser Begriff suggeriert, dass hier ein evolutionärer Sprung stattgefunden hat und die Jungend alles mit der Muttermilch aufgesogen hat oder die Technik „selbsterklärend“ geworden ist. Dem ist nicht so. Ich habe schon als Kind einen Home-Computer besessen, weil das Interesse da war und das ist schon über 35 Jahre her. Vergleiche ich die Technik vor über 30 Jahren mit Heute, dann sehe ich, dass die Bedienerfreundlichkeit zugenommen hat. Dies ermöglicht allen Menschen einen leichteren Zugang zu Geräten, wie Smartphones oder Tablets. Die jungen Menschen haben dahingehend einen Vorsprung und der Umgang damit ist selbstverständlich geworden. Fast alle haben wenigstens ein Smartphone, viele sind jedoch mehrfach mit internetfähigen Geräten ausgestattet. Ältere haben manchmal mehr Angst etwas falsch zu machen, das ist eben der Generationenunterschied durch Prägung.

Die Jugend geht selbstverständlicher mit ihren technischen Geräten um, dabei handelt es sich aber meist um Messaging, Facebook, Instagram, Musik- oder Videostreaming und Shopping und wenig mehr. Kurz: nur die Kontaktpflege und der Konsum von Produkten. Es geht dabei kaum um kreatives Arbeiten oder der Umgang mit entsprechender Software. Kommen die Auszubildenden direkt aus der Schule, bringen sie vielleicht Grundkenntnisse im Umgang mit Office-Programmen mit. Grundlegend kann das aber nicht von allen Auszubildenden erwartet werden. Viele Auszubildende haben unterschiedliche Motivationen den Pflegeberuf anzutreten. Das Arbeiten und Lernen mit und am Computer gehört nicht dazu. Deswegen müssen sie das Computerarbeiten meist erst erlernen.

… und bei den Lehrenden?

Heise: Lehrende arbeiten schon länger mit Computern. Den Computer jetzt progressiv zu verwenden, war für viele schon eine neue Idee und ist immer wieder mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Wenn die ersten Hürden überwunden sind, dann läuft es bei den Kollegen tatsächlich störungsfreier als bei den Auszubildenden.

Welche digitalen Unterrichtsformen werden an Ihrer Schule derzeit favorisiert?

Heise: Die meisten Anwendungen laufen als Webseitenanwendungen. Durch die Vielzahl der Gerätehersteller ist das einfacher für uns, denn wir sind Pflegepädagogen und keine „IT-ler“. Blended Learning ist sicherlich eine sinnvolle Umsetzung für praktische Tätigkeiten, die durch digitale Unterstützung bereichert wird. Derzeit ist aber kein Präsenz­unterricht gegeben. Daher kann der Unterricht nicht als Mischform durchgeführt werden, und wir betreiben Fernunterricht über BigBlueButton, zur Verfügung gestellt vom Bildungsserver des Landes.

Wie kommt der digitale Unterricht bei den Auszubildenden an?

Heise: Zu Beginn und am Ende eines Unterrichtsblocks führen wir anonymisierte Umfragen bei den Auszubildenden durch. Dabei stellen wir auch Fragen zum Lernen im Distanzunterricht und den Umgang mit den Medien. Genauso interessiert uns das subjektive Erleben der unterschiedlichen Unterrichte. Die Ergebnisse variieren und sind natürlich auch vom Ausbildungsstand abhängig. Je näher die Auszubildenden ihrem Examen kommen, umso nervöser werden sie gerade auch, weil kaum ein persönlicher Kontakt zu Mitlernenden und Lehrenden besteht. Trotzdem wird ein positiver Trend deutlich: Wir werden in unserem Fernunterricht immer besser – und dabei halfen uns unter anderem die Umfrageergebnisse.

Wenn nach der Pandemie wieder Präsenzunterricht möglich ist, was wird an Ihrer Schule anders sein?

Heise: Da wir schon vor der Pandemie Bestrebungen hatten die Pflegeausbildungen mit digitalen Inhalten zu bereichern, werden wir es danach weiter umsetzen. Die Auszubildenden mit einzubeziehen und mit in Verantwortung zu nehmen, ist ein Aspekt, der jetzt in der Pandemie nicht gut funktioniert. Wir nehmen derzeit immer wieder Videos auf (bspw. Wundverbände) und reichern damit unsere Videothek an. Künftig wollen wir auch Videos von und mit unseren Auszubildenden produzieren, die für die eigenen schulischen und klasseninternen Zwecke verwendet werde. Diese können dann über eine Lernplattform immer wieder angesehen werden und auch mit weiteren Aufgaben verknüpft werden. Gerade im Hinblick auf ein spiralförmig aufgebauten Kompetenzgewinn im Curriculum ein wichtiger Punkt.

Das Interview führte Ute Burtke

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