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12.04.2019 | Anerkennung | Interview | Nachrichten

„Menschen mit Demenz brauchen eine wertvolle Aufgabe“

Seit vielen Jahren engagiert sich die schwedische Monarchin für die Pflege von Menschen mit Demenz. Zur Preiszeremonie des Queen Silvia Nursing Award kam sie Anfang April ins St. Anna-Stift im niedersächsichen Kroge. Dort besuchte sie auch den nach ihr benannten Wohnbereich Silvia, in dem die Bewohner nach der Silviahemmet®-Philosophie versorgt werden. Den Pflegenden sprach die Königin ihre große Anerkennung aus.

Königin Silvia beim Besuch des St. Anna-Stifts in Kroge © Lukas Schramm

Majestät, Sie hätten es bequem haben und den Award ausschließlich in Stockholm stattfinden lassen können. Warum ist Kroge der richtige Ort für diese Zeremonie?

Königin Silvia: Das St. Anna-Stift hat mich schon immer interessiert. Ich war sehr neugierig, wie die Menschen hier betreut werden. Und deswegen dachte ich, bei so einer Gelegenheit besuche ich Kroge. Ich bin begeistert hier zu sein, habe alle Personen in der Leitung und auch die Schwestern kennen gelernt. Auch das Wohnheim habe ich besucht und mich mit den älteren Patienten unterhalten, was sehr schön war. Zu der Zeremonie möchte ich dem St. Anna-Stift gratulieren, weil es eine nicht ganz einfache, aber sehr wichtige Aufgabe ist, die jungen Menschen dafür zu begeistern, dass sie ältere Menschen pflegen und sich den Älteren widmen. Und deswegen bin ich gekommen.

Was ist die Message dieses Awards?

Königin Silvia: Der Queen Silvia Nursing Award war ein Geschenk zu meinem 70. Geburtstag. Und er ist natürlich ein Schlüssel, eine Möglichkeit, junge Menschen für den Pflegeberuf zu gewinnen. Es gibt den Preis jetzt im fünften Jahr, und ich freue mich sehr, dass Deutschland dabei ist, ebenso wie Polen, Finnland und Schweden natürlich. Wir haben die jungen Menschen gebeten, mit Ideen zu kommen, wie man die Pflege von Menschen mit Demenz verbessern kann. Sie sind mit ganz tollen Ideen gekommen. Eine Teilnehmerin hat zum Beispiel gesehen, dass viele Patienten stürzen und dann vielleicht einen Beckenbruch haben. Sie hat einen Gürtel entwickelt – ähnlich wie dieser Fahrradhelm in Form eines Kragens –, der sehr hübsch ist, den man also ohne Probleme nutzen kann. Wenn man stürzt, wird das ein Airbag, der hilft, das Becken zu schützen. Eine andere hatte die Idee, einen Fanclub zu machen mit jungen Menschen, die den Dementen Briefe schreiben. Viele sind ja alleine und einsam – und plötzlich kommt ein Brief von einem jungen Menschen, der fragt: Wie war dein Leben?, so dass sie ihre Geschichten erzählen können. Das ist eine ausgesprochen schöne Idee. Und so haben wir inzwischen 4.000 Ideen.

Die Pflege von alten Menschen und insbesondere die Pflege von Menschen mit Demenz ist eine große gesellschaftliche Aufgabe. Was macht für Sie gute Pflege aus?

Königin Silvia: Das ist eine ganz tiefe Frage, eine große, auch eine schwere Frage. Ich denke da am meisten an meine Mutter, die auch leider Demenz hatte in den letzten Jahren ihres Lebens. Ich habe mir immer wieder die Fragen gestellt: Was kann ich machen, wie kann ich ihr Leben erleichtern, wie kann ich ihr einen Wert geben, auch eine wertvolle Tätigkeit? Es ist, glaube ich, sehr wichtig, dass demente Menschen nicht nur die körperliche Pflege haben, sondern auch geistige Pflege und dass sie noch ein wertvolles Leben haben. Ein Leben, das ihnen Freude und Wärme gibt, aber auch das Gefühl, dass sie eine Verantwortung haben. In Japan habe ich zum Beispiel ein Altersheim besucht, in dem die Bewohner die Verantwortung für den Park haben. Jeder der vorbeikam sagte: „Der Park heute war wunderschön, die Blumen die du gepflanzt hast, das sieht so gepflegt aus, der Rasen, den du gemäht hast ...“ Dort habe ich gesehen, wie wichtig es für diese alten, auch dementen Menschen war, dass sie eine wertvolle Aufgabe haben, auf die sie stolz sein können. Ich glaube, das macht die Pflege wertvoll, wenn man alle diese Punkte zusammen tut.

Warum sollte ein junger Mensch in die Pflege gehen beziehungsweise eine Ausbildung in der Pflege machen?

Königin Silvia: Das ist natürlich eine ganz persönliche Entscheidung. Die Pflege ist eine Aufgabe, die einem sehr viel gibt. Wenn man einer dementen Person Wärme und Herzlichkeit gibt, bekommt man das auch zurück. Da wird eine Gemeinschaft gebildet und man weiß, dass man diesem Menschen ein gutes Leben geben kann. Und ich glaube, dass es nicht nur für den dementen Menschen, sondern auch für unsere Seele sehr wichtig ist, dass man diese Gemeinschaft hat und sich unterstützt und hilft. Ich habe volle Bewunderung dafür, wenn junge Menschen, wie ich sie heute gesehen habe, die Entscheidung treffen: Das möchte ich machen. Und ich bin auch sehr dankbar dafür.

Das Interview führte Sabine M. Kempa.

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