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Fußinspektion bei alten Menschen Was das Long-Toenail-Sign verrät

Die Inspektion der Füße kann bei alten Menschen auch dann wichtige Informationen liefern, wenn keine pathologische Veränderungen zu entdecken sind.

Schauen Sie immer auf die Füße! Mit dieser Aufforderung zitiert eine Forschungsgruppe aus den USA den berühmten kanadischen Arzt William Osler. Osler hatte sich schon im 19. Jahrhundert für eine ganzheitliche Medizin eingesetzt und dafür plädiert, die Patienten im Wortsinn von Kopf bis Fuß zu untersuchen. Stephanie Pagliuca vom Boston Medical Center und ihr Team erinnern nun daran, dass die Inspektion der Füße bei alten Menschen, selbst wenn sich kein pathologischer Befund ergibt, einen Einblick in ihre gesundheitliche Verfassung geben kann – nämlich dann, wenn unter den Strümpfen ungekürzte und eventuell verdickte und gekrümmte Fußnägel zum Vorschein kommen. Das sogenannte Long-Toenail-Sign (LTS) wird mit einem Nachlassen von Funktion, Mobilität und Kognition sowie unzureichender sozialer und pflegerischer Unterstützung in Verbindung gebracht. Pagliuca et al. haben die Zusammenhänge in einer kleinen Studie anhand von Patientenakten überprüft und weitgehend bestätigt gefunden: „Nach unseren Ergebnissen ist das LTS ein klinisch bedeutsamer Untersuchungsbefund, der Sorgen bezüglich eines funktionellen Abbaus wecken sollte.“

Häufiger Defizite bei Kognition und Mobilität

Für die Studie wurden Krankenakten von ambulanten geriatrischen Patienten einer Klinik für Veteranen ausgewertet. Ein LTS bestand laut Klinikdefinition bei Fußnägeln, die über die Zehnspitzen hinausgewachsen waren. Bei 91 von 119 aufeinanderfolgenden Patienten (92% Männer, Durchschnittsalter 82 Jahre, 69% Erstkontakte) war eine Fußuntersuchung dokumentiert.

Ein LTS wurde bei 19 Personen (21%) festgestellt. Die LTS-Patienten waren nicht älter, kümmerten sich aber häufiger als die übrigen Patienten selbst um die Pediküre und wurden seltener von Betreuern begleitet. Sie litten außerdem öfter an Demenz und hatten niedrigere MoCa(Montreal Cognitive Assessment)-Scores. Auch beim Stuhl-Aufsteh-Test und beim An- und Ausziehen von Socken und Schuhen taten sich die LTS-Patienten schwerer als die Vergleichsgruppe. Sie stürzten zudem häufiger, nutzten zugleich aber seltener Hilfsmittel. In der Abhängigkeit bei Alltagsaktivitäten (ADL) zeigten sich keine Unterschiede zur Gruppe ohne LTS, bei instrumentellen ADL gaben diejenigen mit LTS sogar einen geringeren Hilfsbedarf zu Protokoll.

"Zeichen für ungedeckten Pflegebedarf bei abnehmender Funktionsfähigkeit"

Dass alte Menschen mit LTS häufiger Defizite in Kognition und Mobilität aufwiesen, gleichzeitig häufiger ohne Betreuungsperson die Klinik aufsuchten und seltener Hilfsmittel für die Fortbewegung nutzten, passt für Pagliuca und ihr Team zu dem Konzept, wonach „LTS ein Anzeichen ist für einen ungedeckten Pflegebedarf bei abnehmender funktioneller Unabhängigkeit“. Dass Senioren mit LTS in Bezug auf ADL – anders als vielleicht zu vermuten – nicht mehr Abhängigkeit berichteten als jene ohne LTS lasse sich möglicherweise auf eine durch kognitive Defizite bedingte Fehleinschätzung zurückführen.

Einschränkend zu berücksichtigen ist bei der Studie die kleine Probandenzahl und die im Ermessen der Ärzte und Ärztinnen stehende Entscheidung zur Fußinspektion. Für die Validierung des LTS-Konzepts werden daher weitere Studien benötigt.

Quelle: Springer Medizin

Pagliuca S et al. Always Look at the Feet: The Long Toenail Sign in an Outpatient Geriatrics Clinic. J Am Geriatr Soc 2026; https://doi.org/10.1111/jgs.70332

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Podologin kürzt Zehennägel/© amfer75 / stock.adobe.com