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11.06.2018 | Altenpflege | Nachrichten

Pflege-Modellprojekt „PHB“ als Imagegewinn für Kommunen?

PHB ist die Abkürzung für Präventiver Hausbesuch. Ziel ist, durch frühzeitige Information und Beratung es älteren Menschen zu ermöglichen, so lange wie möglich ein selbstständiges Leben zuhause zu führen. Jetzt ging ein weiteres Modellprojekt zu diesem Thema – diesmal in Baden-Württemberg – mit einer Abschlussveranstaltung offiziell zu Ende.

„PräSenZ“ ist der Name des Projekts, das zwischen April 2015 und Juni 2017 in drei unterschiedlich großen Gemeinden im Südwesten Deutschlands durchgeführt worden war: in Neuweiler im Nordschwarzwald, in Rheinfelden an der Schweizer Grenze und in Ulm. Mit der „Prävention für Senioren Zuhause“ hatten nach Angaben des verantwortlichen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP e.V., Köln) über 1.700 Beratungen bei rund 700 Senioren stattgefunden.  Die Kommunen stellten dabei Beraterinnen mit Vorerfahrung aus pflegerischen und sozialen Berufen. Sie wurden von den Wissenschaftlern des Kölner DIP in rund 60 Schulungsstunden fortgebildet, vorbereitet und unterstützt.

Aufklärung und Vernetzung der Senioren

Es ging darum, ältere Menschen zu kontaktieren, aufzuklären und zu vernetzen, so dass sie einerseits so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben können und sich gleichzeitig in der Kommune vernetzen und auf diese Weise weiterhin aktiv am Leben teilnehmen können. Die Senioren im Altersdurchschnitt von 80 Jahren wurden offensiv kontaktiert, 31 bis 51 Prozent (je nach Modellkommune) nahmen laut Auswertung das Angebot eines Erstkontakts als Hausbesuch an. Die Projektverantwortlichen sprachen im nun vorgelegten Abschlussbericht von einer „vergleichsweise hohen Akzeptanz“. Die meisten Beratenen waren Frauen (60%), 42 Prozent lebten in Partnerschaft, fast genauso viele waren Singles (37%). Der Rest lebte mit der Familie und in anderen Haushaltsmodellen – also rund jeder Fünfte.

Konkrete Tipps in den eigenen vier Wänden

Im Gespräch wurden die rüstigen Rentner dann über für sie relevante Angebote in der Gemeinde informiert – Themen zur (auch mentalen) Gesundheit, zu Wohnraum, Risiken im Alter, aber auch zur Rente und anderen Sozialleistungen gehörten zum Gespräch. Die Beratung sollte auch dazu dienen, ein stärkeres Sicherheitsgefühl zu vermitteln: Senioren können konkrete Tipps erhalten, wie sie vermeiden, im Notfall hilflos in der Wohnung zu sein. Es sollten Absprachen mit bekannten Personen getroffen werden, die regelmäßig zum Haus kommen, also Zeitungsausträger oder Postbote. Im Krankheitsfall sollten Nachbarn gebeten werden, zu kontrollieren, ob die Rollläden geöffnet und geschlossen werden.

Neben all der mündlichen Beratung gelang auch ganz praktische Hilfe: Engagierte Mitbürger fanden sich, um Senioren bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Einkäufen zu unterstützen. In einer Modellkommune wurde sogar eine neue Tagespflegeeinrichtung für ältere Menschen ins Leben gerufen. Cornelia Rösner, Projektleiterin in Rheinfelden, bezeichnete „PräSenZ“ als Baustein der „neuen kommunalen Seniorenarbeit“. Die zwei Mitarbeiterinnen hätten ihre Rolle als „örtlicher, kompetenter und neutraler Ansprechpartner“ gesehen.

Dabei stellten ältere Menschen keine homogene Zielgruppe dar: Menschen in einem Alter ab 80 Jahren hätten beispielsweise eher konkreten Bedarf an Unterstützung und Hilfe, Menschen ab 70 Jahre wollten eher beraten beziehungsweise informiert werden, heißt es. Anne Gebert, Projektleiterin beim DIP, das sich seit fast 20 Jahren mit dem Konzept präventiver Hausbesuch beschäftigt, stellte fest: „Den einen PHB gibt es nicht. Wir konnten zeigen, dass bestimmte konzeptionelle Bausteine bei der Durchführung von PHB berücksichtigt werden sollten, dass der Ansatz jedoch nur dann einen Beitrag zur Förderung selbstständiger Lebensführung im Alter leisten kann, wenn dieser auch an die lokalen Rahmenbedingungen angepasst ist.“

Was sollten die Berater können? Die Experten empfehlen einen Qualifikationsmix: Pflegefachkräfte mit Kompetenzen der sozialen Arbeit seien sehr sinnvoll, so der Rat. Will heißen: Eine Pflegefachkraft kann am besten einschätzen, wie gesund und selbstständig der Betroffene tatsächlich noch im eigenen Haushalt agieren kann. Ist sie zusätzlich erfahren in Sozialarbeit, kommt die Beratung zu Sozialleistungen und zum kommunalen Angebot am optimalsten auf den Punkt.

Werbung für Übernahme des Konzepts

Angesichts des erfolgreich beendeten Modellvorhabens wirbt das DIP dafür, dass möglichst viele Kommunen auf präventive Hausbesuche setzen. Familiäre Netzwerke seien besonders gefordert, weil die Distanzen zwischen jüngeren und älteren Familienmitgliedern heutzutage in vielen Fällen größer würden, heißt es in der nun veröffentlichten Handreichung der Pflegeexperten für andere Kommunen. So stelle sich die zentrale Frage nach der aktuellen und zukünftigen Rolle von Kommunen im Kontext eines guten Lebens im Alter. PHB könne dabei ein „neuer Baustein in der Sorgepolitik“ sein.

Das DIP ist nach eigenen Angaben gemeinnützig und unabhängig. Das Modellprojekt „PräSenZ“ wurde demnach finanziell durch das Ministerium für Soziales und Integration aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg und aus Mitteln der gesetzlichen und privaten Pflegeversicherung sowie der kommunalen Landesverbände gefördert.

Den 140-seitigen Abschlussbericht zum PHB-Modellprojekt „PräSenZ“ steht hier zum kostenfreien Download bereit: https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/projekte/Pr%C3%A4SenZ-DIP-Projektbericht_Endfassung_Druckversion_final.pdf

Die 80-seitige Handreichung für Kommunen zur Umsetzung präventiver Hausbesuche gibt es ebenfalls kostenfrei hier:

https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/projekte/Pr%C3%A4SenZ-Handreichung-DIP-final_1.pdf

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