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01.07.2018 | PflegeKarriere | Ausgabe 7-8/2018 Zur Zeit gratis

Unterwegs in China
Heilberufe 7-8/2018

Altenpflege in Taiwan

Zeitschrift:
Heilberufe > Ausgabe 7-8/2018
Autor:
Gudrun Jotzo
Es war nicht ganz einfach, meine Pläne in die Tat umzusetzen — schon aufgrund der sprachlichen Barriere. Die Amtssprache in Taiwan ist Chinesisch (Mandarin). Daneben werden verschiedene Dialekte wie Taiwanesisch oder Hakka gesprochen. Die Insel Taiwan liegt etwa 180 km östlich der südchinesischen Provinz Fujian. Sie hieß ursprünglich Formosa, ein Name, der auf portugiesische Seefahrer zurückgeht und „schöne Insel“ bedeutet. Zwischen Taiwan und China liegt die Formosastraße.
Dank einer taiwanesischen Freundin, die in Vancouver/Kanada lebt, gelang es, meinen Aufenthalt vorzubereiten. Sie nahm für mich Kontakt auf, gab eine Referenz ab und brachte alles ins Laufen. Große Unterstützung erhielt ich von ihrem Mann, der mich begleitete, und außerdem einer Übersetzerin, die unterwegs das Chinesische ins Englische übertrug. So konnten wir in das Suang-Lien Heim starten. Von unserem Hotel in Taipeh ging es durch das riesige Stadtgebiet nach Neu-Taipeh. Autobahnen, die über drei Etagen kreuzen, Hochhäuser dicht an dicht, dazwischen immer wieder Parkanlagen. Das Heim — eine Anlage mit 432 Betten — liegt im Grünen. Träger ist die presbyterianische Kirche; nur 5% der Bewohner Taiwans sind Christen.

Schlafsäle für Pflegekräfte

Wir wurden sehr herzlich willkommen geheißen, sogar auf einer Infotafel gab es einen Gruß. Man nahm sich Zeit für uns, und wir wurden durch das Haus geführt. Einiges war fremd für mich, anderes wurde ähnlich wie in Deutschland gehandhabt. Erstaunt hat mich beispielsweise, dass man Snoezelen kannte. Für die 432 Bewohner gibt es 201 Angestellte, für Bewohner mit hohem Pflegeaufwand, beispielsweise mit Nasensonde oder Blasenkatheter, gilt das Verhältnis: Eine examinierte Pflegekraft betreut 15 Bewohner. Bei Bewohnern mit Demenz ist das Verhältnis 1:20, eine Pflegekraft ist „standby“. Neben Snoezelen gibt es für die demenziell veränderten Menschen Ergotherapie und Physiotherapie. Neben den examinierten Pflegekräften, die ein Zertifikat als „professional nurse“ nachweisen müssen, arbeiten dort auch Hilfskräfte. An das Heim ist keine Krankenpflegeschule angeschlossen. Das Personal kommt ausschließlich aus Taiwan und muss fließend chinesisch und hokkien (Variante der südchinesischen Sprache) sprechen. Die Mitarbeiter haben eine taiwanesische Arbeitsrechtsversicherung und eine Krankenversicherung. Gearbeitet wird in drei Schichten zu je acht Stunden. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 40 Stunden. Für die Pflegekräfte stehen Schlafsäle zur Verfügung.
Haben Bewohner größeren Pflegebedarf, werden sie ins nahegelegene Tamsui Mackay Memorial Hospital gebracht — in Tamsui gibt es übrigens eine christliche Missionskirche; dort hat man sich früher um Lepra-Kranke gekümmert.

Essen reichen mit Stäbchen

Das Heim ist sehr groß und verfügt über mehrere Häuser, die alle miteinander verbunden sind. Als wir die Station betraten, mussten wir die Schuhe wechseln. Bei uns hätte man allenfalls Plastiküberschuhe übergestreift. Für potenzielle Bewohner gibt es eine lange Warteliste. Es dauert zurzeit mehrere Jahre bis zu einer Aufnahme. Die Bewohner müssen aber nicht explizit Christen sein. Auch Menschen anderen Glaubens werden aufgenommen.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner werden die verschiedensten Aktivitäten angeboten. Und neben Sprach- und Malkursen gibt es auch Hometrainer und Massagesessel. Das Heim ist zudem mit einer eigenen Zahnarztpraxis ausgestattet. Im Haus befinden sich elf Restaurants. Auf mich als Europäerin wirkte es schon außergewöhnlich, wenn in Taiwan Bewohnern das Essen mit Stäbchen eingegeben wird. Sehr erstaunt hat mich der heimeigene Laden. Dort gab es praktisch alles zu kaufen, was man so braucht. Der Alltag im Heim hat auf mich sehr ruhig gewirkt. Von Hektik war nichts zu spüren. Bemerkenswert fand ich, dass es in einem hinsichtlich der Technik sehr fortschrittlichem Land bislang keinen Pflegeroboter gibt.
Die Kosten für Pflege richten sich nach dem Aufwand. In Euro umgerechnet liegen diese zwischen 980 und 1.485 Euro pro Monat. Eingeschlossen sind drei Mahlzeiten pro Tag und Reinigung des Zimmers. Extra bezahlt wird für Inkontinenzmaterialien, Getränke, zusätzliche Dinge aus dem Geschäft, hoher Stromverbrauch sowie WC-Papier (Es gibt in Taiwan sehr viele öffentliche, kostenfreie WCs. In den Kabinen gibt es häufig kein Papier. Wir hatten also immer eine Rolle im Rucksack.).

Abenteuer für europäische Gaumen

Ein interessantes Erlebnis am Rande waren für mich die Nachtmärkte, von denen meine taiwanesische Freundin so geschwärmt hatte. Allerdings war es mir nicht immer möglich, dort zu essen: Neben Calamares waren beispielsweise lebende Frösche und Schildkröten im Angebot und man konnte nicht sicher sein, was alles in den Töpfen und Pfannen gelandet war.
Als außergewöhnlich empfand ich auch die Sauberkeit und Disziplin. Wenn wir mit der MRT, der taiwanesischen U-Bahn, unterwegs waren, fand man auf den Bahnhöfen nirgendwo einen Abfalleimer. Jeder ist angehalten, seinen Abfall mit heim zu nehmen. Und bei Strafe ist es verboten, irgendetwas auf den Boden zu werfen. Nirgendwo Graffities an den Wänden. Jede/r stellte sich vor den einfahrenden Zügen, die alle drei bis fünf Minuten kamen, in der Reihe an. Kein Gedränge. Die einzelnen Strecken sind farblich gekennzeichnet. Man musste auf dem Plan nur auf den Endbahnhof schauen — alles war auch in Englisch angeschrieben — und es war kein Problem, die richtige Linie zu finden.

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