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18.01.2018 | #KongressPflege | Nachrichten

Personaluntergrenzen: Fluch oder Segen?

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist dramatisch. Fachleute gehen davon aus, dass in deutschen Krankenhäusern derzeit mehr als 100.000 Vollzeitstellen nicht besetzt sind. Was lässt sich dagegen tun? Peter Bechtel fordert: „Die Pflege muss Chefsache werden.“ Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Pflegemanagement wünscht sich, dass Kanzlerin Angela Merkel sich dem Problem übergeordnet annimmt. Das sagte Bechtel im Vorfeld des Kongress Pflege 2018. Dieser beginnt morgen in Berlin.

Zwar hat die Politik bereits Maßnahmen ergriffen, um die alarmierende Personalsituation dauerhaft zu entschärfen. So werden ab dem 1. Januar 2019 Personaluntergrenzen für pflegesensitive Bereiche in Krankenhäusern eingeführt. Zudem haben CDU, CSU und SPD sich in den Sondierungsgesprächen auf Sofortmaßnahmen geeinigt, die der Pflege zugutekommen sollen. Doch genau diese Fokussierung auf unmittelbare Probleme kritisierte Bechtel: „Mir fehlt ein Masterplan für die Pflege.“

Ob sich die geplanten Personaluntergrenzen als Fluch oder Segen herausstellen, bleibt für Bechtel abzuwarten. Einerseits begrüßte er die Festlegung von Personaluntergrenzen, andererseits bestehe die Gefahr, dass in der Praxis nur die gesetzlich mindestens nötige Zahl an Pflegekräften eingesetzt werde. Aus seiner eigenen beruflichen Erfahrung als Pflegedirektor eines Herzzentrums berichtete Bechtel, dass es im Alltag schlicht an Bewerbern fehle: „Sicher ist, die offenen Stellen für Pflegepersonal in Kliniken können weder quantitativ noch qualitativ besetzt werden.“ Das beurteilte der Pflegewissenschaftler Professor Dr. Michael Simon ähnlich. Von einem Tag auf den anderen lasse sich der Bedarf an Fachkräften nicht stillen. Man müsse jetzt anfangen, mehr auszubilden.

Fachkräftemangel: Die Fehler von früher rächen sich jetzt

Prof. Dr. Michael Simon bei der Pressekonferenz anlässlich des Kongress Pflege 2018 © Britta Pedersen / Springer PflegeProf. Dr. Michael Simon hat berechnet, dass derzeit mehr als 100.000 Stellen Pflegestellen in Kliniken offen sind.

Auch Simon mahnte, dass die jeweils zu ermittelnden Untergrenzen nicht automatisch zu Personalobergrenzen werden dürften. Seinen Berechnungen zufolge fehlen schon heute mehr als 100.000 Pflegestellen in den Krankenhäusern. Allerdings sei der Fachkräftemangel in der Pflege kein neues Problem. Schon zu Beginn der 1990er Jahre sei in der Öffentlichkeit über einen Pflegenotstand in Krankenhäusern diskutiert worden. Gesetze, die die Situation verbessern sollten, seien aber schnell wieder zurückgenommen worden. Im Gegenteil, von 1996 bis 2007 sei massiv Personal abgebaut worden.

Aber ist der Mangel an Pflegekräften in Krankenhäusern wirklich so dramatisch? Dr. Wulf-Dietrich Leber vom GKV-Spitzenverband stellte das infrage. Er argumentierte, dass es in Deutschland zu viele Krankenhäuser gebe und zu viele Patienten stationär behandelt würden. Würden überflüssige Kliniken geschlossen, dann wären mehr Fachkräfte auf dem Markt, so der Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen.

Es geht nicht darum, dass das Geld bei der Pflege ankommt

Darüber hinaus sagte Leber, es sei wichtig, dass die derzeit diskutierten Maßnahmen auch zu Verbesserungen für die Patienten führen: „Es geht bei der Sicherung der Pflegequalität nicht darum, dass das Geld bei der Pflege ankommt, sondern die Pflege bei den Patienten“. Bei der Ermittlung des Pflegeaufwands sei deshalb die spezielle Situation, wie etwa demente oder frisch operierte Patienten, zu berücksichtigen, führte Leber weiter aus. „Eine Personaluntergrenze, die annimmt, dass der Pflegebedarf bei allen Patienten gleich groß ist, wäre aus Sicht der GKV inakzeptabel.“ Der GKV-Spitzenverband werde gleichwohl die Vereinbarung von Pflegepersonaluntergrenzen aktiv vorantreiben.

Völlig unvorstellbar sei die Situation in der Altenpflege, monierte Monika Gaier in der Diskussionsrunde. Die Chefredakteurin der Fachzeitschrift Altenpflege erklärte, dass eine vakante Altenpflegestelle etwa 167 Tage lang unbesetzt bleibt, bis ein Nachfolger gefunden sei. Die Pflege stehe damit schon mehr als an ihrem Limit. Die in den Sondierungsgesprächen vereinbarten 8.000 neuen Fachkraftstellen seien bloß eine punktuelle Entschärfung.

Die zügige Umsetzung einer „Konzertierten Aktion Pflege“, wie am 12. Januar 2018 von den Regierungsparteien gefordert, sei zügig einzuleiten, sind sich alle Podiumsmitglieder einig. Die Regierung müsse jetzt schleunigst anpacken.

Gesundheitsminister Gröhe eröffnet den Kongress Pflege

Neben Personal stehen Kernfragen aus Management, Bildung, Recht und Praxis im Mittelpunkt des Kongress Pflege 2018 von Springer Pflege am 19. und 20. Januar in Berlin. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe eröffnet den Branchentreff. Der bewusst breite Themenmix richtet sich an Experten aus Pflegedirektionen, Pflegedienst-, Abteilungs- und Stationsleitungen sowie Pflegefachkräfte. Der Kongress Pflege 2018 bietet außerdem wie jedes Jahr die Juristische Fachveranstaltung für Experten aus Medizin- und Sozialrecht an. Das ForumAltenpflege von Vincentz Network rundet das breite Portfolio ab. Während des Kongresses wird der Pflegemanagement-Award in zwei Kategorien verliehen. Hauptsponsor des Kongresses ist erneut Bristol-Myers Squibb.

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