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23.01.2020 | #KongressPflege | Nachrichten

Mehr Unterstützung für Pflegende Angehörige

Rund 70 Prozent aller Menschen, die einen Angehörigen oder nahestehenden Menschen pflegen, fühlen überlastet. Wie ist es möglich, sie besser zu unterstützen? Über diese Frage diskutierten heute im Vorfeld des Kongresses Pflege 2020 Experten  in Berlin.

Etwa zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen werden von ihren Angehörigen oder anderen Bezugspersonen zu Hause gepflegt. Ohne den „größten Pflegedienst der Nation“ würde das System zusammenbrechen. Doch Untersuchungen zufolge fühlen sich rund 70 Prozent aller pflegenden Angehörigen überlastet. Sie müssen neben den Herausforderungen der Pflege  häufig auch noch Beruf und Familie unter einen Hut bringen.

„Was diese Menschen täglich leisten, muss stärker in den Fokus gerückt werden“, erklärte der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, anlässlich der Eröffnungs-Pressekonferenz zum Kongress Pflege 2020. Die Situation pflegender Angehöriger sei auch für die Gesellschaft hochrelevant. Pflegebedürftigkeit würde nicht nur am Ende des Lebens entstehen, sondern über die gesamte Altersspanne. Dementsprechend heterogen sei auch die Gruppe der pflegenden Angehörigen. Sogar rund 500.000 Kinder  und Jugendliche  betreuen einen pflegebedürftigen Angehörigen. „Wenn pflegende Angehörige sagen, ich kann nicht mehr, merkt man, welche bedrohlichen Situationen in der Versorgungsstruktur letztlich dahinterstecken.“

Unterstützungsangebote werden zu wenig genutzt

Obwohl es eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten gibt, kommen diese oft nicht an, beklagten gleichermaßen die Vertreter von Politik, Kostenträgern sowie von Seiten der Betroffenen. Als Ursachen sehen sie einerseits das komplexe und schwer verständliche Leistungssystem. Aber auch die Tatsache, dass eine Pflegesituation die Menschen meist völlig unvorbereitet trifft, trage dazu bei.

„Grundsätzlich wird durch die Pflegeversicherung ein breites Spektrum an kombinierbaren Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt“, betonte Andreas Westerfellhaus. Wenn Angebote wie Kurzzeit- und Tagespflege, Pflegekurse oder Rehaleistungen für pflegende Angehörige nur zu einem geringen Teil genutzt würden, müssten „alle Verantwortlichen nachbessern“.

Neue Wege sind gefragt

Abhilfe soll künftig unter anderem ein flexibel einsetzbares Entlastungsbudget bringen, so Westerfellhaus. Zudem will er Menschen in einer neuen Pflegesituation einen „Pflege-Ko-Piloten“ an die Seite stellen. Dieser soll Pflegebedürftige und ihre Angehörigen bei regelmäßigen Hausbesuchen unabhängig beraten. Daneben wird  der Ausbau an Kurzzeitpflegeplätzen vorangetrieben.

Auch für die Pflegekassen hat die Unterstützung pflegender Angehöriger höchste Priorität, wie der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Hans-Joachim Fritzen, deutlich machte.  „Über 200.000 Versicherte von uns sind pflegebedürftig“, berichtete Fritzen. Davon würden 75 % zu Hause meist alleine durch Angehörige oder unter Einbeziehung eines ambulanten Pflegedienstes versorgt.

Die AOK Nordost habe das Angebot zur Beratung und Schulung pflegender Angehöriger, aber auch von „Nachbarschaftshelfern“ stark ausgebaut. In dem Programm ,Pflege in Familien fördern – PfiFf‘ – könnten Interessierte Pflege praktisch lernen und üben. Fritzen weiß aber auch: „Die Gruppe der pflegenden Angehörigen ist extrem unterschiedlich“. Pflegeverantwortung übernehmen junge Menschen, Ehepartner, Eltern, ältere Menschen und nicht zuletzt Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen.

Dieser Tatsache wolle die AOK Nordost  Rechnung tragen: Mit einem Onlinekurs für pflegende Angehörige, der durch ein praxisnahes Buch ergänzt wird, habe man einen neuen Zugangsweg gewählt, um pflegende Angehörige in ihrem Alltag zu unterstützen. Die Publikation von Springer Pflege ist länderspezifisch für verschiedene AOKs aufbereitet  und soll durch den „Pflegedschungel lotsen“. Zudem vermittele sie praktische Tipps bei sämtlichen pflegerischen Aufgaben.

Wie wichtig es ist, pflegende Angehörige mit niedrigschwelligen und flexiblen Unterstützungsangeboten abzuholen, machte auch die frühere Präsidentin des Deutschen Pflegerates (DPR), Marie-Luise Müller, deutlich. Heute selbst pflegende Angehörige, verbringt die gelernte Krankenschwester und ehemalige Pflegedirektorin „unendlich viel Zeit“ mit der Organisation und als ,Casemanagerin‘.

„Die Einarbeitung in den Angebots- und Bürokratie-Dschungel fällt mir sogar als Kennerin des Sozialgesetzbuch-Systems schwer“, erklärte Müller und plädierte für eine stärkere Lobbyarbeit pflegender Angehöriger in Form einer Bundesarbeitsgemeinschaft. Nur so könne man die eigenen Interessen besser durchsetzen.

Um Menschen in Pflegesituationen besser zu unterstützen, gilt es nicht zuletzt ausgetretene Pfade zu verlassen. Elimar Brandt, Vorstand der „PflegeZukunfts-Initiative verwies auf so genannte Pflege-Guides in Hessen, die Arbeitnehmern in einer Pflegesituation helfen, ihre Interessen gegenüber dem Arbeitgeber zu vertreten und Lösungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu entwickeln. Brandt forderte dazu auf, „neue, auch verrückte Ideen“ zu entwickeln: Vorstellbar seien auch Seniorentagesstätten, ,Setas‘, in denen pflegebedürftige Menschen, ähnlich wie Kinder in Kitas, tagsüber niederschwellig betreut werden:  „Morgens vor Dienstbeginn den zu Pflegenden zur Seta bringen und nach Dienstschluss wieder abholen zu können, würde eine enorme Entlastung bedeuten.“

Minister eröffnen Fachkongress

Zu dem von Springer Pflege ausgerichteten Kongress werden ab Freitag rund 1.700 Teilnehmer erwartet. Eröffnet wird die Veranstaltung von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil sowie dem Pflegebevollmächtigten Staatssekretär Andreas Westerfellhaus.  (ne)