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04.11.2019 | #GeKo | Nachrichten

Zusammenarbeit statt Kompetenzgerangel

Gute Patientenversorgung ist ohne den Austausch zwischen den beteiligten Berufsgruppen nicht denkbar. Auf dem 17. Gesundheitspflege-Kongress in Hamburg hielt Professor Gian Domenico Borasio ein Plädoyer für interprofessionelle Teamarbeit.

Palliativmediziner © Dominik Reipka

Kompetenzgerangel, starre Hierarchien, persönliche Eitelkeiten – Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Berufsgruppen sind im Gesundheitswesen an der Tagesordnung. „So you worked in teams? Show me your scars!“: Unter diesem provokativen Titel hat Europas führender Palliativmediziner am Freitag den Kongress mit einer Keynote eröffnet.

Doch wie lassen sich Kämpfe und Narben („scars“) bei der interprofessionellen Zusammenarbeit vermeiden? Und inwiefern haben Palliative-Care-Teams einen Modellcharakter? Borasio machte deutlich: Entscheidend sind gute Kommunikation und die Bereitschaft, auch die Perspektive der jeweils anderen Berufsgruppen einzunehmen. 

„Auf jeder Palliativstation in Deutschland findet mindestens einmal pro Woche eine Teamsitzung statt, an der wirklich alle beteiligten Berufsgruppen – Ärzte, Pflegefachkräfte, Sozialarbeiter, Psychologen, Seelsorger, Physiotherapeuten und mehr – teilnehmen“, betonte Borasio, der an der Universität Lausanne den Lehrstuhl für Palliativmedizin innehat. „Jede Berufsgruppe hat dabei eine andere Sicht auf den Patienten – und dieser Blick kann nur ein partieller sein.“

Pflegekräfte, aber auch Sozialarbeiter und Therapeuten hätten oft einen ganz anderen Zugang zum Patienten, berichtete Borasio. Damit seien sie dichter dran an dessen wahren Bedürfnissen.  Häufig würden Patienten dem Arzt nur berichten, was sie dem Arzt sagen wollen bzw. denken, der Arzt hören möchte. Das Wichtige für den Patienten, gerade bei einer schweren lebensbegrenzenden Erkrankung, werde dabei oft verschwiegen. „Das ist eine absolut eindimensionale Beziehung“, so Borasio.

Deshalb sei es wichtig, die Multiperspektivität nicht als Hindernis, sondern als Chance zu sehen. „Nur so können wir einen wirklich facettenreichen Einblick in die Situation der Patienten und ihrer Familien gewinnen. Und mit ihnen anschließend die für sie wichtigen Punkte besprechen.“

Eine solche Zusammenarbeit ist in anderen medizinischen Bereichen nicht unbedingt üblich. So würden Pflegekräfte auf Intensivstationen von ihren ärztlichen Kollegen häufig nicht in Entscheidungen am Lebensende einbezogen. In Studien zeigte sich nur eine Minderheit der Pflegenden zufrieden mit der Kommunikation im Team. „Das ist ein Alarmzeichen – auch für die Qualität der Versorgung“, warnte Borasio.

„Pflegegipfel des Nordens“

Der zweitägige Kongress mit rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat sich als „Pflegegipfel des Nordens“ etabliert. Wie jedes Jahr wurde er von Springer Pflege veranstaltet. Kooperationspartner sind traditionell die großen Kliniken aus der Region – das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, die Asklepios Kliniken Hamburg GmbH, die Helios-Kliniken/Region Nord – sowie die HAW Hamburg und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Unterstützt wurde der Kongress dieses Jahr vom BKK Dachverband. Hauptsponsor war das forschende Pharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb. (ne)